dasgedichtblog-Fragebogen: Anton G. Leitner

Anton G. Leitner (*1961)

  • Lyriker aus Weßling
  • www.antonleitner.de, www.aglv.com

Der Lyriker Anton G. Leitner, Herausgeber der Zeitschrift DAS GEDICHT, stellt sich den Fragen unseres dasgedichtblog-Fragebogens.

Anton G. Leitner. Foto: Boerboom & Vogt

Lyriker-Steckbrief

Name / Vorname: Leitner, Anton G.

Geburtsdatum: 16.6.1961

Geburtsort: München

Augenfarbe: braun-grün

Größe: 1,70 m

Wohnort (mit Bundesland): Weßling (Bayern)

Aktueller Gedichtband (mit Erscheinungsjahr, Erscheinungsort, Jahr und Verlag): Die Wahrheit über Uncle Spam und andere Enthüllungsgedichte (Daedalus Verlag, Münster, 2011)

23 Fragen an den Lyriker Anton G. Leitner
und ein Satz zum Ergänzen

1. Wann sind Sie zum ersten Mal mit einem Gedicht in Kontakt gekommen?

In der Unterstufe am Gymnasium Starnberg kam ich zum ersten Mal bewusst mit Lyrik in Kontakt. Es handelte sich dabei um Annette von Droste-Hülshoffs Prologgedicht zu »Die Judenbuche«, das ich wegen Schwätzens zur Strafe daheim auswendig lernen und dann am nächsten Tag vor der ganzen Klasse aufsagen musste.

2. Haben Sie den ersten Kontakt mit Lyrik in positiver oder negativer Erinnerung?

Meinen ersten Kontakt zur Lyrik habe ich in deutlich negativer Erinnerung, da er im Rahmen einer Strafaufgabe erfolgte. Mich schaudert es heute noch, wenn ich an zwangsweise memorierte Verse von Hülshoff denke wie: »Wo ist die Hand so zart, daß ohne Irren / Sie sondern mag beschränkten Hirnes Wirren« und so weiter und so fort.

3. Wann haben Sie Ihr erstes Gedicht geschrieben und wie lautet dessen Titel?

Es muss im Jahr 1978 oder 1979 gewesen sein, als ich mein erstes Gedicht geschrieben habe. Es hieß »Lebensbaum«.

4. Wo haben Sie Ihr erstes Gedicht veröffentlicht?

Mein erstes Gedicht publizierte ich in der Schülerzeitung des – wegen seiner Strenge berühmt-berüchtigten – humanistischen Wittelsbacher Gymnasiums in München. In diese ehemalige Kadettenanstalt hatten mich die Eltern zur Besserung gesteckt, nachdem meine wilden Starnberger Unterstufenjahre von Verweisen regelrecht gespickt waren. Präzise gesagt erfolgte mein lyrisches Debüt im »WiKu« (Abkürzung für »Wittelsbacher Kurier«) Nummer 28/2 im Jahr 1980. Wenn ich meine ersten Verse heute lese, klingen sie pathetisch-neoklassizistisch, ein wenig verschwurbelt – fast so, wie wenn Günter Grass zu Ostern oder Pfingsten über Israel, Griechenland und die Eurokrise in der Süddeutschen Zeitung dichtet – : »Lebensbaum, gezeichnet von unzähligen Ringen, / vieles schon hast du erlebt / seit die Gestirne ihre funkelnden Strahlen / zur Mutter Erde geschickt« lauteten meine ersten lyrischen Gehversuche …

5. Was haben Sie der Lyrik zu verdanken?

Fast alles in meinem Leben verdanke ich der Poesie. Ohne sie wäre ich nicht das, was ich heute bin. Sie ist meine Berufung, die ich zum Beruf gemacht habe. Im Übrigen habe ich meine ersten Freundinnen gewonnen, indem ich ihnen als Gymnasiast bzw. Student Liebesgedichte zusteckte. Lyrik kann sogar bei Juristinnen, die mitunter als ›kühl‹ gelten, wahre Wunder bewirken! Meine Frau Felizitas habe ich Anfang der 90er Jahre während einer Literaturtagung auf Burg Rothenfels am Main kennengelernt. Das Thema lautete: »Eros in der deutschen Gegenwartsliteratur – Trauma oder Traum?«.

6. Was treibt Sie zum Schreiben von Gedichten an?

Heute treibt mich meine innere Unruhe zum Dichten an, vielleicht auch der Wunsch, Ruhe und Konzentration zu finden im lyrischen Ausdruck. In den frühen Jahren waren es, wie schon gesagt, profanere Motive: In Dialog zu treten mit dem anderen Geschlecht.

7. Was macht für Sie den Reiz der Poesie aus?

Gedichte helfen mir dabei, mich mit sprachspielerischem Ernst, aber auch mit Rhythmus und Melodik, in der Welt zu verorten.

8. Ihr Lieblingsschriftsteller?

Mein Lieblingsromancier ist Miguel de Cervantes Saavedra wegen der Erfindung des unvergleichlichen, sinnreichen Junkers Don Quijote de la Mancha. Kaum zu glauben, dass Cervantes die Arbeit an dem großen Roman in Schuldhaft begann und später in bitterer Armut vollendete. Meine lyrischen Hausgötter heißen seit mehr als drei Jahrzehnten schon Karl Krolow und Giuseppe Ungaretti.

9. Ihr Lieblingskünstler?

Wenn ich darüber spontan nachdenke, kommt mir als Lieblingskünstler wieder einmal der Expressionist Karl Schmidt-Rottluff (1884 – 1976) in den Sinn. Seine Werke haben mich schon in den Studienjahren fasziniert, als ich noch viel Zeit hatte und regelmäßig Ausstellungen und Museen besuchte.

10. Ihr Lieblingsmusiker?

Mein Lieblingsmusiker ist seit über einem Jahrzehnt die Rocklegende Bob Dylan, im Bereich des Jazz seit über drei Jahrzehnten der Saxophonist Dexter Gordon.

11. Ihr Lieblingsfilm?

Der Film »Wallers letzter Gang« des Allgäuer Regisseurs Christian Wagner nach einer Romanvorlage von Gerhard Köpf (»Die Strecke«) kann mich bis heute zu Tränen rühren. Beim letzten Gang als Streckengeher reflektiert Waller sein ganzes Leben, mit allen Höhen und Tiefen, bevor die Bahnstrecke, die er Tag für Tag abgegangen ist und kontrolliert hat, stillgelegt wird und schließlich Gras über alles wächst.

12. Ihre Lieblingsfarbe?

Meine Lieblingsfarbe ist Rot, auch wenn ich ansonsten gerne schwarz-weiß trage, aber das sind ja ›unbunte‹ Farben.

13. Ihr Lieblingswort?

Mein liebstes Wort heißt logischerweise »Poesie«.

14. Ihr Lieblingsvers?

Meine Lieblingsverse ändern sich laufend. Es gibt dutzende, die in Frage kämen, insbesondere von Ungaretti, Krolow, Catull, Ovid, Benn, Stramm oder Gernhardt. Zur Zeit stammen sie von F. W. Bernstein: »Die schärfsten Kritiker der Elche / waren früher selber welche«.

15. Ihr Lieblingsgedicht?

»Die endgültige Reise« von Juan Ramón Jiménez (1881 – 1958) ist mein derzeitiges Lieblingsgedicht. Vor einigen Jahren habe ich meinen eigenen Garten neu entdeckt und die Vögel, die sich darin dank meiner großzügigen Fütterung, aber auch wegen des Baumbestandes, aufhalten und vielstimmig singen. »Und ich werde gehen. Und die Vögel werden bleiben und singen; / und bleiben wird mein Garten« … beginnen die ersten Verse (in der Übersetzung aus dem Spanischen von Hans Leopold Davi).

16. Ihr größter Fehler?

Einer meiner größten Fehler ist, dass ich nicht mehr loslassen kann, wenn ich begonnen habe, für eine Sache zu brennen.

17. Was loben Ihre Freunde an Ihnen?

Meine Freunde schätzen an mir vielleicht meine Respektlosigkeit gegenüber der Obrigkeit und die Hartnäckigkeit, mit der ich bestimmte Angelegenheiten verfolge, die mir am Herzen liegen. Vielleicht gefällt ihnen auch mein Mut, Tabuthemen aufzugreifen sowie meine Fähigkeit, mit Anekdoten zu unterhalten. Sicher aber freuen sie sich ganz besonders über meine Neugier und Begeisterungsfähigkeit für ihre Werke.

18. Mit wem würden Sie gerne gemeinsam auftreten?

Mit Ernst Jandl und / oder Karl Valentin würde ich gerne auftreten, wenn sie noch leben würden.

19. Wem möchten Sie nicht in der Sauna begegnen?

Ich war in meinem ganzen Leben noch nie in einer Sauna oder ALDI-Filiale und habe nicht vor, einen der beiden Orte je aufzusuchen. Wenn ich hinginge, wüsste ich sehr genau, wem ich dort nicht begegnen möchte. Mehr verrate ich nicht.

20. Welcher Vorzug von Ihnen wird verkannt?

Vielleicht wird verkannt, dass ich vor allem als GEDICHT-Frontmann deshalb oft Klartext spreche, weil ich Missstände aufzeigen möchte. Nicht selten helfe ich dann gleichzeitig hinter den Kulissen mit Manpower und dem Einsatz von finanziellen Mitteln zusammen mit meiner Frau, die beklagten Zustände zu verbessern oder zu beseitigen.

21. Was war Ihr bislang schönstes Erlebnis mit einem Gedicht?

In Ulm gab es im Jahr 2002 eine Kunstaktion im öffentlichen Raum, die »Lyrik nach dem Glockenschlag« hieß und bei der täglich der Münsterplatz nach den 16-Uhr-Glockenschlägen mit Lyrik beschallt wurde. Die Aktion lief im Hochsommer und wurde von Lesungen der beteiligten Schriftsteller flankiert. Ich erwischte für meinen Auftritt ausgerechnet den heißesten Tag des Jahres. Das Thermometer im Auto zeigte über 40 Grad Außentemperatur, als wir in Ulm ankamen. Der veranstaltende Buchhändler meinte es gut und verlegte die Lesung spontan in einen benachbarten Biergarten. Dieser wurde in der Mitte mit einer Kordel geteilt. Die eine Hälfte des Biergartens war für meine Lesung reserviert, eintrittspflichtig und zunächst so gut wie leer. Die unliterarische Hälfte hingegen war bestens frequentiert, vorwiegend von Frauen. Ich legte mich trotz der scheinbar aussichtslosen Lage ins Zeug, begann vor leeren Tischen und Bänken laut Liebesgedichte zu deklamieren. Nach einer Viertelstunde leerte sich nach und nach die gut besuchte Hälfte des Biergartens und auf einmal saßen alle Frauen in der – eintrittspflichtigen! – lyrischen Sektion. Das war ein wirklich erhebendes Gefühl, und ich ahnte, was einst Orpheus mit seinen Liedern bewirkt haben mochte.

22. Wenn Sie einen Wunsch frei hätten, was würden Sie sich wünschen?

Wenn ich einen Wunsch frei hätte, würde ich mir wünschen, zusammen mit Matthias Politycki zur Primetime eine Fernsehsendung zu moderieren, die Gedichte und Lyriker vorstellt, die über ein so großes Begeisterungspotential verfügen, dass sie auch ›Normalos‹ dazu bringen, am Samstagabend vom volkstümlichen Musikantenstadel zur Lyrik zu zappen.

23. Welche Nebeneffekte im Literaturbetrieb wären für Sie verzichtbar?

Was den deutschen Literaturbetrieb betrifft, so nervt mich die Vergabe von Literaturpreisen an die immer selben Autoren, was zumindest den Typus des taktischen ›Literaturstrebers‹ hervorbringt. Den Ausdruck ›Arschkriecher‹ wollte ich eigentlich vermeiden, aber er wäre leider oft angebracht in diesem Zusammenhang.

Und zum Abschluss eine Satzergänzung:

Wenn ich nochmals auf die Welt käme, würde ich…
…mein Leben wieder voll und ganz der Lyrik verschreiben.

Anton G. Leitner
Die Wahrheit über Uncle Spam und andere Enthüllungsgedichte

Daedalus Verlag, Münster, 2011
128 Seiten
ISBN 978-3-89126-192-7
Euro 9,95 [D]

 

 

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