dasgedichtblog-Fragebogen: Mario Wirz

Mario Wirz (*1956)

  • Lyriker aus Berlin

Der Lyriker Mario Wirz, ein langjähriger Wegbegleiter der Zeitschrift DAS GEDICHT, stellt sich den Fragen unseres dasgedichtblog-Fragebogens.

Mario Wirz. Foto: © privat

Lyriker-Steckbrief

Name / Vorname: Wirz, Mario

Geburtsdatum: 03.12.56

Geburtsort: Marburg / Lahn

Augenfarbe: Braun

Größe: 184

Wohnort (mit Bundesland): Berlin

Aktueller Gedichtband (mit Erscheinungsjahr, Erscheinungsort, Jahr und Verlag): Vorübergehend unsterblich (Aufbau Verlag, Berlin, 2010)

23 Fragen an den Lyriker Mario Wirz
und ein Satz zum Ergänzen

1. Wann sind Sie zum ersten Mal mit einem Gedicht in Kontakt gekommen?

Meine Mutter las mir Gedichte von Busch und Storm und Fontane vor, sie las mit Temperament und großer Ausdruckskraft, sie war eine phantasievolle Schauspielerin, die ›alles gab‹ für ihren einzigen Zuschauer / Zuhörer. Ich war nicht nur ihr Sohn, ich war auch ihr FAN.

Ich erinnere mich an das Fontane-Gedicht: »Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland«, war ich sechs Jahre alt? Sieben Jahre? Das weiß ich nicht mehr so genau, aber ich erinnere mich an meine Begeisterung. Meine Mutter inszenierte das Gedicht mit einer überwältigenden Intensität.

2. Haben Sie den ersten Kontakt mit Lyrik in positiver oder negativer Erinnerung?

Gedichte waren spannend und unterhaltsam, sie waren ein Teil meines Kinderlebens und so selbstverständlich wie die Luft zum Atmen und die Hühner unserer Nachbarin. Ich ging davon aus, dass alle Kinder mit Gedichten aufwachsen, und war überrascht, als ich erkannte, dass die Tatsachen ganz anders waren.

3. Wann haben Sie Ihr erstes Gedicht geschrieben und wie lautet dessen Titel?

Mit sieben oder mit acht Jahren schrieb ich meiner Mutter ein Gedicht zum Muttertag. »Muttertag« war auch der Titel. Ich erinnere mich an meinen Jungdichter-Stolz, als meine Mutter das Gedicht rahmen ließ und ihm einen Platz im Flur suchte. Nun war ich tatsächlich ein Dichter. So wie Fontane und Storm.

4. Wo haben Sie Ihr erstes Gedicht veröffentlicht?

Die erste ruhmreiche Veröffentlichung war der Flur unserer kleinen Wohnung. Besucher lasen das Gedicht und reagierten auf den Text. Eine aufregende Erfahrung. Einige Jahre später erschienen Gedichte in der Schülerzeitung (»Pennenspatz«).

5. Was haben Sie der Lyrik zu verdanken?

Eine glückliche Kindheit. Liebe und Lachen und Leichtigkeit. Geborgenheit. Freude. Träume. Die Gewissheit, dass die Welt größer und bunter war als unsere Kleinstadt.

6. Was treibt Sie zum Schreiben von Gedichten an?

So genau kann ich das nicht sagen. Ich habe schon sehr früh begonnen, mit Gedichten auf das Leben zu antworten. Gedichte waren auch ›Waffen‹, mit denen ich mich gegen dumme Nachbarn und Lehrer und Mitschüler wehrte.

Gedichte halfen mir, das Leben in der Kleinstadt für eine Weile zu verlassen. Und nun, einige Jahrzehnte später, helfen mir Gedichte manchmal, die Gespenster der Angst zu vertreiben.

7. Was macht für Sie den Reiz der Poesie aus?

Die Poesie ist eine geheimnisvolle Fremde, in deren Gegenwart ich mich besonders lebendig fühle. Manchmal erscheint sie mir wie eine zärtliche Freundin, und dann ist wieder alles anders, und wir fremdeln, aber immer gibt es diese Sehnsucht, ihr nah zu sein. Ich suche sie täglich, brauche täglich mindestens ein Gedicht, und das hat sicher auch mit den Ritualen meiner Kindheit zu tun.

Vor der Poesie sind alle Worte, die sie erklären wollen, närrisches Geschwätz. So lange sie mit mir spricht, bin ich nicht wehrlos vor vermeintlichen Tatsachen. Ich mag ihren Ernst und ihre Genauigkeit, lasse mich aber auch gerne von ihren Verrücktheiten und Launen und Verspieltheiten verführen. Ich mag das große bunte Jawort der Poesie mit allen Formen und Nuancen, ihre promiskuitive Lust auf Vielfalt und Mehrdeutigkeit. Ich mag ihr Geheimnis, das sich allen Schubläden verweigert. Und natürlich komme ich an ihrer Seite immer wieder nach Hause. Ganz buchstäblich, in jeder Hinsicht.

8. Ihr Lieblingsschriftsteller?

Truman Capote und Carson McCullers und Colette und Cocteau, um nur einige Namen zu nennen, die mit C beginnen wie Camus.

Ich bin ein polygamer Leser. An anderen Tagen streune ich durchs Alphabet und verliebe mich in das vielseitige B wie Bachmann und Baudelaire und Baldwin und Bowles und Brecht. Ach, ich bin sehr promisk und liebe mich gierig durch das Alphabet von A wie Artaud bis Z wie Zola. G wie Gide und Genet habe ich nun nicht genannt, auch nicht P wie Proust und Poe und Pavese. Auch das M wie Morante und Miller und Mann (Thomas und Klaus und Heinrich und Golo) wird maulen.

9. Ihr Lieblingskünstler?

Edward Hopper und David Hockney und meine Malerfreunde Rinaldo Hopf und Georg Weise und Klaus Vogelgesang.

10. Ihr Lieblingsmusiker?

Mahler.

11. Ihr Lieblingsfilm?

»Ludwig« (Visconti-Verfilmung).

12. Ihre Lieblingsfarbe?

Blau (von hellblau bis dunkelblau).

13. Ihr Lieblingswort?

Das Rudel meiner Lieblingsworte ist groß, seit einigen Wochen ist NÄRRISCH das Alpha-Wort.

14. Ihr Lieblingsvers?

»Erlkönig« (Goethe).

15. Ihr Lieblingsgedicht?

»Australien« (Jan Wagner).

16. Ihr größter Fehler?

Jähzorn.

17. Was loben Ihre Freunde an Ihnen?

Humor.

18. Mit wem würden Sie gerne gemeinsam auftreten?

Mit meinem prinzlichen Dichterfreund Detlev Meyer bin ich früher oft zu gemeinsamen Lesungen gefahren. Es war ein inspirierendes Glück, mit ihm zu reisen und zu lesen und nach den Veranstaltungen zweisam zu lästern. Detlev Meyer starb 1999, doch in meinen Erinnerungen bin ich immer wieder mit ihm unterwegs.

19. Wem möchten Sie nicht in der Sauna begegnen?

Mir selbst nicht. Ich bin kein Sauna-Freund. Und wäre ich vom Saunen begeistert, hätte ich inzwischen vielleicht andere Gründe, die Sauna zu meiden.

20. Welcher Vorzug von Ihnen wird verkannt?

Da müsste ich jetzt flink einige Vorzüge erfinden. Die unzählbar vielen guten Eigenschaften, über die ich verfüge, haben sich rumgesprochen.

21. Was war Ihr bislang schönstes Erlebnis mit einem Gedicht?

1998 erschien im MännerschwarmSkript Verlag ein neuer Lyrikband von Detlev Meyer. »Stern in Sicht«. Auf Seite 17 fand ich ein Gedicht, das mir gewidmet war. »Mario Masslos«, ein liebevoll-spöttisches Gedicht, das auch meine Macken nicht verschweigt. Es war eine große Freude, von diesem Gedicht überrascht zu werden.

22. Wenn Sie einen Wunsch frei hätten, was würden Sie sich wünschen?

Zeit für mich und meinen Lebensgefährten. An seiner Seite möchte ich 99 Jahre alt werden. Mindestens!

23. Welche Nebeneffekte im Literaturbetrieb wären für Sie verzichtbar?

Kein ›Nebenaspekt‹ darf fehlen, weder Missgunst noch Neid, weder Ignoranz noch Opportunismus, weder Intrige noch Mafia-ähnliche Befangenheiten und Durchschaubarkeiten bei den Preisverteilungen, und auch auf unser verlässliches Lamento will ich nicht verzichten müssen. ALL DAS beschreibt den Literaturzirkus, in dessen Manegen wir mehr oder weniger kunstvoll unsere Purzelbäume schlagen.

Und zum Abschluss eine Satzergänzung:

Wenn ich nochmals auf die Welt käme, würde ich…
…mich fünfundzwanzigjährig wieder in einer magischen Oktobernacht mit Mond in einem gewissen Park rumtreiben, um den Mann wieder zu finden, mit dem ich im vorigen Leben uralt geworden bin.

Mario Wirz
Vorübergehend unsterblich. Gedichte

Aufbau Verlag, Berlin, 2010
160 Seiten
ISBN 978-3-351-03314-9
Euro 17,95 [D]

 

 

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