Der Poesie-Talk – Folge 1: José F. A. Oliver

Es muss nicht immer nur Schreiben sein – über manches lässt sich einfach am besten sprechen. Deshalb lassen wir im Monat Autorinnen und Autoren aus DAS GEDICHT zu Wort kommen. Timo Brandt unterhält sich mit ihnen über Gedicht und Welt, Profanes und Arkanes.

 

José F.A. Oliver

geb. 1961 in Hausach / Schwarzwald. Andalusischer Herkunft. Ausgezeichnet u.a. mit dem Basler Lyrikpreis (2015). Jüngste Publikation: „21 Gedichte aus Istanbul, 4 Briefe und 10 Fotow:orte. Matthes & Seitz, Berlin 2016. Oliver ist Kurator des von ihm initiierten Literaturfestivals Hausacher LeseLenz (www.leselenz.com). Näheres: www.oliverjose.com

1. Zusammen mit Anton G. Leitner betreust du die Herausgabe der 25. Ausgabe von »DAS GEDICHT«, den Jubiläumsband. Wie wurdest du zum ersten Mal auf die Zeitschrift aufmerksam? Welche Geschichten, Erfahrungen und Erinnerungen verbindest du mit ihr?

Oh, das ist verdammt lang her. So genau erinnere ich mich auch nicht mehr an den Zeitpunkt. Ich weiß nur noch, dass ich »DAS GEDICHT« in einem Regal hinter dem Verkaufstresen in einer Bahnhofsbuchhandlung irgendwo in Deutschland gesehen hatte und völlig überrascht war, dass ich an einem solchen für die Poesie doch eher ungewöhnlichen Ort einen derart akzentuierten Platz für zeitgenössische Lyrik vorfand. Diese unverhoffte Begegnung schenkte mir indes ein elementares Erlebnis. Natürlich war ich sehr angetan; ja, ich könnte sagen, ich war fast ein wenig stolz über diesen Fund, obwohl gar keine Gedichte von mir in dem Band publiziert waren. Aber allein die Tatsache, dass eine Literaturzeitschrift oder in diesem Falle ein »Literaturjahrbuch«, das sich ausschließlich der Lyrik widmete, an einem derart populären Durchgangsort zum Sortiment gehörte, stimmte mich zuversichtlich froh … Heute sieht das in aller Regel ja anders aus.
 

2. Was zieht dich zur Lyrik, was fasziniert dich an ihr? Wie kamst du zum ersten Mal mit ihr in Berührung und wie kam es dazu, dass du selber Dichter wurdest?

Das Offene, das Unerwartete, die Vielfalt der Formen und Rhythmen, die ungemein Wort erkundende und Wort reflektierende Sprache, das Nicht-zu-Sagende der Dinge im Wundlauf der Vergänglichkeiten; die auf den Punkt-Genauigkeit des Auslassens und die unendlich wagemutige Annäherung im Ausfransenden, Einholenden, Innehaltenden der Kompositionsstrukturen eines Gedichtes; die Kraft der klaren Gefühle und aufbegehrenden Gedanken; das Universum in der Konzentration der Augenblicke, die über sich hinausweisen; die Kompromisslosigkeit und das Entschiedene; das ins Allgemeine Verweisende im Eigenen; das Gem:einsame der Sehnsucht, Wort zu w:erden und W:orte zu sein; das Abenteuer sich selber zu entdecken, zu verschlüsseln und wieder zu dechiffrieren; die filigrane Komplexität der scheinbaren einfach »gestrickten« Verhältnisse etc. etc. – ach, es gäbe so viele Aspekte, die sich mit dem Gedicht in Verbindung bringen ließen: Eins-Werden in der Irritation und sich auch beim Lesen immerneu einzuschreiben in die Wahrnehmung aus Wirklichkeiten und Fiktionen; Das viel-wundersame Ich, das sich unaufhaltsam her- fort- und weiterschreibt.

Dichter-Sein ist eine Seins-Form. In anderen Worten: ich bin auch Dichter, wenn ich frühstücke, wenn ich schlafe oder wenn ich nicht schreibe … Dichter als Liebender, als Zweifler, als Bruder, Sohn, Freund … Deshalb kenne ich einen Ausdruck wie »Schreibkrise« oder »Schreibblockade« nicht, sondern lediglich jene Zeiten des Nicht-Schreibens als Voraussetzung ins Weiterschreiben.

Ich wurde Dichter, weil ich Dichter war. Das kannst du Dir nicht aussuchen. Du bist es oder bist es nicht. Die einzige Entscheidung ist diejenige der Entscheidung: ob du aus der Berufung einen Beruf machst oder nicht. Es waren keine leichten Monate, bis ich schließlich den Mut aufbringen konnte aus der Leidenschaft des Schreibens mein Leben zu gestalten und das Dichter-Sein auch als meine Arbeit, meinen »Broterwerb« anzunehmen und mir dafür meinen Beruf jeden Tag von neuem zu erfinden. Ja, ich glaube, dass sich ein Schriftsteller seinen Beruf jeden Tag von neuem erfinden muss. There is no choice.
 

3. Was liest du gerade? Oder welche Bücher liest du immer wieder?

Im Augenblick lese ich eine Auswahl an Büchern derjenigen Autorinnen und Autoren, die in diesem Jahr zum 20. LeseLenz nach Hausach kommen werden. (www.leselenz.com). Das braucht Zeit. Natürlich lese ich, davon unabhängig, sehr viel Lyrik – ich versuche zu lesen, zumindest anzulesen, was jedes Jahr an Lyrik in deutscher Sprache veröffentlicht wird. Hinzu kommt, dass ich ja auch auf Spanisch, Englisch und Französisch lese, sprich, der »Lese-Stoff« geht mir wahrlich nicht aus. Ich habe jeden Tag meine festen Lese-Zeiten. In aller Regel am sehr frühen Morgen. Da werde ich nicht »gestört«. Manchmal »schlendere« ich aber auch durch meine Bibliothek und ziehe Bücher heraus, die ich schon gelesen habe, um mich ihnen erneut zu stellen … zurzeit Octavio Paz, Rafael Alberti, Paul Celan, Émile Nelligan …
 

4. Mittlerweile kannst du auf eine 30jährige Publikationslaufbahn zurückblicken. Hat sich dein Blick auf das Schreiben verändert, seit du damit an die Öffentlichkeit getreten bist? Wie würdest du deine Wahrnehmung des – wie man leichthin sagt – »Literaturbetriebs« beschreiben/zusammenfassen?

Ja, ich bin geduldiger geworden, was meine Veröffentlichungen anbelangt. Es muss nicht immer alles sofort oder bald publiziert werden. Mein letzter Lyrikband wurde 2010 bei Suhrkamp veröffentlicht. Der nächste kommt jetzt im Frühjahr 2018 – das sind fast 8 Jahre, wenn ich dann noch die »Wartezeit« hinzurechne sind es fast 10 … Mein Schreiben selber ist nach wie vor Teil meiner Neugier, die Dinge erfahren zu wollen. Diese Neugier oder dieser »Wunderfitz« – wie die Alemannen sagen – ist mir geblieben. Deshalb auch meine Freude am Sprach- und Sprechexperiment. Was mir durchaus wichtiger geworden ist im Vergleich zu meinen Anfängen Mitte der achtziger Jahre ist die Literaturvermittlung. Ich führe nicht nur Schreibwerkstätten durch, habe gemeinsam mit dem Literaturhaus Stuttgart verschiedene Konzepte entworfen, wie Literatur im Deutsch-Unterricht eine poetischere Dimension erfahren könnte, und ich habe deshalb auch schon ein Lehrbuch für Deutschlehrerinnen und Deutschlehrerin Klett-Verlag publiziert – »Lyrisches Schreiben im Unterricht« – und wirke gerade an drei Schulbüchern in Bayern mit unter dem Leitmotiv einer »Didaktik des Dialoges«. Eine derartige Didaktik gibt es nämlich noch nicht. Ich bin davon überzeugt, dass der Dialog auch in den Schulen viel mehr gefördert gehört. Der »Literaturbetrieb« ist auch ein Thema sui generis. Was soll ich sagen – ich wünschte mir weniger Kommerz und mehr Poesie.
 

5. Ein Motto der Zeitschrift »DAS GEDICHT« ist: »Poesie rettet den Tag«. Was für einen Ehrgeiz hast du in Bezug auf dein Schreiben? Was kann Lyrik deiner Ansicht nach bewirken, bewegen?

Ich möchte einfach die Möglichkeiten haben, die Zeit und den Raum, mich immer weiterschreiben zu können. Das ist mein einziger »Ehrgeiz«. Das Gedicht wühlt mich auf, hinterfragt mich, versöhnt und beruhigt mich aber auch. Die einzige Antwort auf das politische, wirtschaftliche und dadurch auch oft kulturelle Desaster ist die Poesie – und die finde ich in jedem Menschen. Das ist mein Credo. Anders ausgedrückt: Antonio Machado hat uns einst in einem Liebesgedicht mit folgenden Verszeilen beglückt: »Ich weiß nicht, bist du der Durst oder das Wasser auf meinem Weg«. So geht es mir mit den Gedichten … Ich weiß nicht, sind sie der Durst oder das Wasser auf meinem Weg. Damit ist alles gesagt.
 

6. Gibt es Lyriker*innen und Gedichte, die dir viel bedeuten?

Ja, natürlich – jede Menge … Federico García Lorca, Rafael Alberti, Vicente Alexeindre, Octavio Paz, Paul Celan, Friederike Mayröcker, Rose Ausländer, Ann Cotten, Mikael Vogel, Arne Rautenberg, Bjorn Kuhligk, Tom Schulz, Klaus F. Schneider, Nora Gomringer … um nur einige zu erwähnen … Die Reihe ist lang und wird immer länger … Volker Sielaff, Maren Kames, Daniela Seel, Monika Rinck … Die zu ergänzende Liste wäre ein eigenes Gespräch!
 

7. Hat jeder Gegenstand für dich poetisches Potenzial?

Ja.
 

José F. A. Oliver. Foto: José F. A. Oliver

José F. A. Oliver. Foto: José F. A. Oliver

8. An was schreibst/arbeitest du zurzeit?

Es wird noch in diesem Jahr ein Lyrikband mit einer Auswahl von 50 meiner Gedichte aus den vergangenen drei Jahrzehnten in einer zweisprachigen Ausgabe in den USA erscheinen. Wir sind gerade im Lektorat und in der Diskussion um das Cover. Dann liegt ein neuer Essay-Band vor, der sicherlich auch ein paar Justierungen verlangen wird, und im Frühjahr 2018 wird mein neuer Lyrikband in deutscher Sprache erscheinen. Bei allen drei Buchprojekten bin ich in der »Feinarbeit«. Daneben arbeite ich an einem Buch über »Kairo«, an diversen Übersetzungen und an zwei neuen Schulbüchern … Oh Gott, ganz schön viel …
 

9. Wie würdest du reagieren, wenn man dir vorwerfen würde, nicht politisch genug in deinem Schreiben zu sein?

Das kann man mir nicht vorwerfen. Ich war und bin immer auch politisch.
 

10. Wie gehst du beim Schreiben vor? Arbeitest du viel mit Notizen? Was inspiriert dich am meisten: ein sinnlicher Eindruck, ein gedanklicher Komplex, eine Begegnung, eine Leseerfahrung?

Es ist immer ein Viererschritt: Aus der Notiz in ein Notat, aus dem Notat in eine Verdichtung und aus der Verdichtung in ein Gedicht.

Was mich inspiriert? Das kommt ganz auf die Situation, auf die Umstände an. Alles kann mich inspirieren, all die Aspekte, die du soeben erwähnt hast. Am meisten inspirieren mich jedoch Gespräche und Begegnungen.
 

11. Arbeitest du manchmal transdisziplinär, verknüpfst deine Texte in der Publikation oder bei Lesungen mit visuellen oder auditiven Adaptionen, Erweiterungen? Wenn ja, in welcher Hinsicht und was versprichst du dir davon?

In aller Regel nicht. Was ich wohl mag ist der Dialog mit der Musik. Das kann ein Gesang oder ein Instrument sein – oder beides. Dabei gibt es drei von mir bevorzugte Instrumente: Das Schlagzeug, das Saxophon und das Cello. Ich selber greife ja auch ab und nach meiner Gitarre. Was mich auch verführerisch reizt, ist die Körper-Bewegung. Im Sydney Opera House beispielsweise wurden meine Gedichte vor ein paar Jahren getanzt …
 

12. Wovon wünschst du dir mehr/weniger in der Gegenwartsliteratur?

In den Schulen, ja, dort wünschte ich mir wirklich mehr heutige Literatur im Regelunterricht. Deshalb sind mir die Lesungen an den Schulen während des Hausacher LeseLenzes so wichtig.
 

13. 2015 erschien dein Essayband »Fremdenzimmer«, in welchem du dein Aufwachsen mit verschiedenen Sprachen (Deutsch und Spanisch) und Dialekten (Andalusisch und Alemannisch) thematisierst. Wie hat sich diese Mehrsprachigkeit auf deine Beziehung zur Sprache ausgewirkt?

Die Mehrsprachigkeit ist der Atem meines Schaffens und damit seine Seele. Ich höre mir beim Schreiben auch immer in einer anderen Sprache zu – meistens auf Spanisch und umgekehrt. Das ist spannend, schenkt mir eine biographische Nähe zu mir selber und wandelt diese Nähe doch immer auch in eine nicht zu fassende Distanz um … Wenn ich schreibe übersetze ich. Ständig. Ich ist Mehrere.
 

14. Gibt es einen Tipp, einen Ratschlag, den du jungen Autor*innen geben würdest?

Ratschläge eher nicht. Das klingt so seltsam. Vielleicht wäre es besser von Gedankenmitbringseln zu sprechen: beharrlich sich selber zu w:erden und zu sein. Das wäre so ein Mitbringsel oder wie die Lyrikerin Zehra Çırak sagen würde: »Mitgebsel«. Und vielleicht noch diesen Satz von Octavio Paz: »Es gibt keine endgültige Version eines Gedichtes. Vielleicht ist jedes Gedicht der Entwurf eines Gedichtes, das wir niemals schreiben werden.«

 

Timo Brandt

Timo Brandt

»Der Poesie-Talk« wird Ihnen von Timo Brandt (Jahrgang 1992) präsentiert. Er studiert derzeit an der Universität für angewandte Kunst in Wien, am Institut für Sprachkunst. Er schreibt Lyrik und Essays, außerdem veröffentlicht er Literatur-Rezensionen auf seinem Blog lyrikpoemversgedicht.wordpress.com, Babelsprech.org und Amazon. 2013 war er Preisträger beim Treffen junger Autoren.

Alle bereits erschienenen Folgen von »Der Poesie-Talk« finden Sie hier.

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