Dichterbriefe – Folge 16: Ist die Lyrik postfaktisch? Christophe Fricker schreibt nicht nur Freunden

Christophe Fricker schreibt jeweils am 1. des Monats einem Dichterfreund, dessen Buch er gerade gelesen hat. Die Texte sind eine Mischung aus Offenem Brief zu Lyrik und Gesellschaft, bewusst parteiischer Rezension und vertrautem Austausch. Und damit hoffentlich auch weniger langweilig als Rezensionen, die ihre eigene Voreingenommenheit vertuschen.

 

Liebe Leserin, lieber Leser,

vielleicht können Sie das Wort »postfaktisch« schon nicht mehr hören. Aber als Freund der Literatur, die mit Worten Wirklichkeit schafft, sind Sie plötzlich – wie auch ich – unter Druck. Besonders wenn Sie Lyriker sind. Viele Lyriker – Dichter! – sind überzeugt, dass Schaffenskraft und Klarsicht zusammengehören. Wer von ihnen wollte sich also dem Risiko aussetzen, als Trump-Komplize vorgeführt zu werden?

Aber wäre da etwas dran? Ist die Lyrik postfaktisch? Unausweichlich, indem sie sich wenig um Tatsachen schert und lieber eigene, machtvolle Bilder entwirft, die dann in der Gesellschaft ihre Wirkung entfalten? Diese Fragen sind nicht so einfach von der Hand zu weisen. Ich will sie im Monat der Amtseinführung des neuen US-Präsidenten auch hier stellen. Denn wenn der »post-truth« »pussy grabber« als verdeckter Twitter-Poet gelten müsste, hätte das auf mein Selbstverständnis wahrscheinlich so seine Auswirkungen. Womöglich auch auf das Ihre. Ich möchte meinen Dichterbrief zum Auftakt des neuen Jahres 2017 daher der Suche nach Antworten widmen und hoffe, dass Sie mir diese Abweichung vom üblichen Format verzeihen.

Was ist postfaktisch? Als »postfaktisch« bezeichnet inzwischen nicht mehr nur die linksliberale Politik eine Haltung und eine politische Strategie, die der politischen Korrektheit den Kampf ansagt. Protagonisten wie Fußvolk der postfaktischen Bewegung kritisieren ein breites Spektrum von Institutionen, die sie mit der politischen Korrektheit assoziieren und die ansonsten als Grundpfeiler der demokratischen Ordnung gelten und bisher kaum je mit solcher Vehemenz für illegitim erklärt wurden: Volksparteien, die beiden großen Kirchen, das Verfassungsgericht, der öffentlich-rechtliche Rundfunk, überregionale Zeitungen, Think tanks, große Stiftungen.

Der Fokus der »pro-faktischen« Fraktion liegt darauf, die »postfaktische« Bewegung vor allem in der Substanz ihrer Aussagen wahrzunehmen und zu versuchen, durch die Widerlegung von Falschaussagen Boden gutzumachen. Dahinter steht der Gedanke, dass sich die öffentliche Auseinandersetzung im demokratischen Gemeinwesen vor allem im Wege eines Ringens um die besseren Argumente vollzieht. Wie kaum ein anderer steht Jürgen Habermas in der Bundesrepublik Deutschland für diese Position.

Die »Profaktischen« sind 2016 wieder und wieder sichtlich verblüfft gewesen, wenn diese Strategie nicht verfing. Sie stehen einer Symbolwelt gegenüber, die sich aus den nur halböffentlichen sozialen Netzwerken herausschälte, aggressiv nach politischem Einfluss strebte und diesen auch gewinnt. Was vor Kurzem als Ausrutscher, als unverzeihliche Äußerung, als Ausweis mangelnder Qualifikation gegolten hätte – frauen-, schwarzen-, behinderten-, schwulenfeindliche Statements, offenkundig falsche Aussagen über triviale Sachverhalte, die fehlende Kenntnis der Funktionsweise von Verfassungsorganen – steht dem von Mehrheiten sanktionierten Machtgewinn nicht mehr im Wege. Es kann sich erfolgreich als bodenständig und erfahrungsgesättigt inszenieren.

Was hat das mit der Literatur, gar mit der Lyrik zu tun? Etwas ganz Zentrales: Die Literatur darf fast alles sagen – sie ist nicht darauf angewiesen, sich sklavisch an die Wirklichkeit zu halten. Sie darf mit Aussagen, die sich einer ausgedacht hat, werben, sie darf diese verbreiten, sie darf damit Stimmung machen und wird damit Menschen zum Denken anregen. Sie wird dies in aller Regel, auch in der Moderne, in der Absicht tun, Menschen zu belehren oder zu unterhalten oder einem Impuls ihres Autors oder ihrer Autorin Genüge zu tun. Ein erfahrener Wahlkämpfer wie Mario Cuomo, der frühere Gouverneur des US-Bundesstaates New York, muss es daher auch als Kompliment gemeint haben, wenn er sagte, »You campaign in poetry«, selbst wenn er mahnend hinzusetzte: »you govern in prose«.

Nun werden Sie zwei berechtigte Einwände haben: Was ich über die Literatur gesagt habe, sei von der Kunstfreiheit geschützt, und Donald Trump verstehe sich doch nicht gerade als Künstler. Und Mario Cuomos Aussage sei eine Metapher.

Darauf ließe sich entgegnen, dass ein anderer postfaktischer Protagonist sich sehr wohl als Künstler versteht und dass Gouverneur Cuomo sicher nicht ganz zufällig eine literarische Metapher für angemessen erachtet hat. Aber damit würde ich es mir zu leicht machen.

Denn erstens traue ich mir beim besten Willen keine Aussage darüber zu, als was sich Donald Trump versteht. Jedenfalls nicht in erster Linie als Politiker. Darauf kommt es aber auch gar nicht an. Denn die Abgrenzung einer dezidiert politischen von anderen gesellschaftlichen oder privaten Sphären ist im Laufe des letzten halben Jahrhunderts fast unmöglich geworden. Sie wurde bewusst beseitigt. Und zwar nicht (erst) von neoliberalen Unternehmern, die sich Gesetzen und Regeln entziehen wollten, sondern von jener Bewegung, die »alles« für politisch erklärte und den Begriff und sein Substrat damit ad absurdum führte. (Dass westliche Staaten – ihre Bürokratien, Haushalte, vor allem Sozialhaushalte – gerade in diesem halben Jahrhundert eine vorher völlig undenkbare Ausdehnung erlangten, ist vielleicht gar kein unbeabsichtigter Nebeneffekt. In jedem Fall ist es ein Effekt, der kaum eine griffige, attraktive, narrativ und symbolisch – oder gar lyrisch – überformte Darstellung findet.)

Der zweite Grund, warum ich zwischen Trump und der (literarischen) Kunst und ihrer Freiheit eine Schnittmenge sehe, ist die Tatsache, dass wir im letzten halben Jahrhundert gelernt haben, dass »alles« nicht nur Politik, sondern auch Kunst, Diskurs, Sprache sei. Der Fettfleck steht im Museum, vier fliegende Hubschrauber sind Musik, Pornos, Hasstiraden und vieles mehr kann sich als Kunst gerieren, ohne dass die kritische Öffentlichkeit sich ein Urteil darüber zugesteht, ob das gerechtfertigt ist.

Dass nach Religion und Kunst nun eben die Politik zur Angelegenheit persönlicher Vorlieben wurde, ist folgerichtig. »Persönliche Vorliebe« ist ein arg negativer Begriff. Der positive lautet »Autorschaft«. Einen Autor zu widerlegen ist so schwierig, wie einen Trump-Pudding an die Facebook-Wall zu nageln. Man kann eben zwar gegen eine Aussage ihr Gegenteil ins Feld führen, aber das Gegenteil eines Romans oder eines Gedichts schreiben kann niemand.

Nun plötzlich auf der strikten Trennung von Kunst und Politik zu beharren ist schwierig. Die Realität, die Fakten, das Vertrauen in einen genuinen Zuständigkeitsbereich von Politik wird sich erst dann erneuern, wenn diejenigen, die es verloren haben, die Wähler »postfaktischer« Kandidaten und Parteien, von diesen enttäuscht werden. Trump steht unter Druck: Er muss die tatsächlichen (faktisch gegebenen) Interessen jener vermeintlich vernachlässigten Wählermehrheit effektiv bedienen. Industriepolitik machen. In Infrastruktur investieren. Sozialer Unsicherheit entgegentreten. Daran wird er von seinen Wählern gemessen werden. (Das habe ich schon im Januar 2015 so gesagt.)

Doch kehren wir zurück zur Frage nach der Postfaktizität von Literatur. Sie werden wieder zwei berechtigte und kluge Einwände haben. Bezeichnete erstens nicht Hölderlin, jener dichterischste aller Dichter, die dichterische Sprache als »tödlich faktisch«? Und decken zweitens nicht Lyriker ein ebenso breites politisches Spektrum ab wie die Gesellschaft als ganze? Vom faschistischen Pound bis zum marxistischen Brecht, vom exquisiten Stefan George bis zum ordinären Quatschkopf Hugo Ball, vom in sich gekehrten Mallarmé bis zum aktivistischen Kurt Marti? Wäre es folglich nicht Irrsinn, die gesamte Literatur auf einem Punkt des aktuellen sozialen Spektrums zu verorten?

Lassen Sie mich versuchen, in drei Thesen zu formulieren, warum ich die Frage nach einer möglichen Postfaktizität von Lyrik für wichtig halte.

Erstens, die Protagonisten des lyrischen Betriebs haben ausweislich ihrer Werke wenig Kontakt mit den Vertretern postfaktischer Bewegungen. Weiße Industriearbeiter oder panische Babyboomer, die ihren sozialstaatlich abgesicherten Lebensabend damit verbringen, Verschwörungsvideos zu liken, tauchen nur selten in der Lyrik auf. Und postfaktische Wahlkämpfe kommen ohne Bezug zur Literatur aus. Wer als Lyriker ein Unbehagen am Erfolg postfaktischer Bewegungen verspürt, muss sich deren Vertretern auch stellen. Sonst verhallt die Kritik an Echokammern.

Zweitens, die Lyrik muss den Mut haben, wichtige gesellschaftliche Fragen zu behandeln. Sie hat die Möglichkeit, im öffentlichen Raum an der Auseinandersetzung um Werte und Hoffnungen teilzunehmen, Erfahrungen und Träume auszudrücken und Gemeinschaft zu stiften. Wenn sie es nicht tut, tun es andere. Wenn sie sich zu schade dazu ist, Klimawandel, Geschlechtergerechtigkeit oder Bildungschancen zu thematisieren, tun es andere – oder eben nicht. Wenn sie ihre Sprache nicht am Gegenstand, an den Gegebenheiten, am anderen Menschen schult und ihre Werke nicht dem Gespräch aussetzt, wird sie sich nicht bewähren.

Drittens, die Lyrik kann sich dabei auf ganz bestimmte Stärken berufen. Sie deckt zwar tatsächlich ein breites ideologisches Spektrum und viele verschiedene Menschenbilder ab, aber sie ist erfahrungsgemäß wenig geneigt, sich der Ölindustrie, dem Waffenhandel, der Privatisierung des Gesundheitswesens zu verschreiben. Das kann Hoffnung machen.

Mit anderen Worten: Es spricht auch in postfaktischen Zeiten nichts dagegen, wirklichkeitsgesättigte, gemeinschaftsorientierte, zukunftweisende Lyrik zu schreiben. Den Willen dazu hat sich der lyrische Mainstream des letzten Jahrhunderts programmatisch ausgetrieben. Das lässt sich auch wieder ändern.

Ich würde mich über Antworten auf diesen Brief besonders freuen.

Alles Gute
Ihr Christophe Fricker
 

Christophe Fricker. Foto: © Chiara Dazi

Christophe Fricker.
Foto: © Chiara Dazi

Christophe Fricker, geb. 1978, schreibt über die Möglichkeiten von Freundschaft, die Grenzen des Wissens und die Unwägbarkeiten der Mobilität. Mit Tom Nolan und Timothy J. Senior veröffentlichte er den zweisprachigen, illustrierten Gedichtband »Meet Your Party«. 2015 gab er die »Gespräche über Schmerz, Tod und Verzweiflung« zwischen Ernst Jünger und André Müller heraus, die das Deutschlandradio eine »Sensation« nannte. Frickers Buch »Stefan George: Gedichte für Dich«, eine Einführung in das Werk Georges, stand auf Platz 2 auf der NDR/SZ-Sachbuchbestenliste. Für den Gedichtband »Das schöne Auge des Betrachters« wurde er mit dem Hermann Hesse Förderpreis ausgezeichnet. Alle bereits erschienenen Folgen von »Dichterbriefe« finden Sie hier.

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