Die Eisenbahn

von Rainer Rebscher

Gemächlich fährt die Eisenbahn
schnurrend auf dem Tisch herum,
immer in derselben Richtung
und dieselben Kreise.
Ein Rentner fährt den Zug nach Plan,
er stoppt in Jena und in Tann,
kontrolliert Signale, Weichen
akkurat und leise.

Keiner darf den Zugchef stören,
auch nicht seine Frau,
Dienstmütze der Ostreichsbahn,
die Uniform in Blau
mit Orden. Stolz auf seinen Rang
lenkt er den Schnellzug Stunden lang
im Kreis herum und hoch und runter
und bleibt bis spät am Abend munter.

Von Zeit zu Zeit fühlt er sich leer,
ihn quält das Fernweh allzu sehr.
Frühmorgens schon poliert er dann
die Lok und alle Gleise.
Heut ist es wieder mal so weit,
der Rentner wagt Geschwindigkeit,
in der steilen Alpenkurve
entgleist der Mann. »Ach Scheiße!«

Die heiß geliebte Bahn zerbricht,
geschockt ist seine Frau,
er schmeißt die Kappe an die Wand,
die Uniform so blau,
schnappt stumm das Voposturmgewehr
und ballert Katzen hinterher,
rennt zum Bahnhof auf die Gleise
und wirft sich in die letzte Reise.

 
© Rainer Rebscher, Villingen-Schwenningen

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