»Die zwei Jahreszeiten. Gedichte« von Richard Dove

rezensiert von David Westphal

Mit »Nichts« beginnt Richard Dove seinen aktuellen Gedichtband »Die zwei Jahreszeiten«, erschienen beim Allitera Verlag in München. Wie üblich in der Lyrikedition 2000 fügt sich auf dem in schlichtem Weiß gehaltenen Cover ein Farbfeld mit der Unterschrift des Autors ein. Diese persönliche Note ist Gedichtbänden sicherlich angemessen. Ebenso persönlich ist jene Kategorie des Nichts, die Philosophen und Philosophinnen spätestens seit der Existenzphilosophie beschäftigt, beginnend mit Heidegger, und Dichter von heute wieder magisch anzuziehen scheint. Ich bin beeindruckt von Doves Nichts. Es begräbt wahrhaftig, sich selbst unterminierend, »das schmetterlingshafte Erlebnis« unter einem »Haufen / Druckerschwärze«. Diese Schwere und Ohnmacht kehrt in seinen Gedichten häufig wieder und sucht ihren Anker an realen Orten und Ereignissen ebenso wie in der Innerlichkeit.

Die Innerlichkeit eines Dichters freilich ist von Gedichten durchsetzt. So liest man in »Die zwei Jahreszeiten« viele Gedichte über Gedichte und Meta-Dichtung über die Tätigkeit des Dichtens und den Umgang mit Lyrik: »Während du plump / von einer halbbegriffenen Zeile / zur nächsten hinabsteigst / oft ausrutscht, in den Abgrund stierst«. In diesem Ausrutschen und Umdeuten finden sich Namen wie George, Bachmann, Hoddis, Sappho und viele andere, die der Autor in die Gegenwart zu tranportieren versucht. Er ist darin ein Zeitgenosse, der im nächsten »Weltende« schon das »AfD-Geschrei« hört und Begriffe wie »Überfremdung« hinterfragt. Zum Schluss bleibt dann doch das Nicht-schaffende, Nichtssagende der Lyrik übrig: »Vergiß die Gedichte in Büchern«. Das ist eben darum nicht Nichts. Dieses persönliche Leiden macht den Band zum Gegenteil, er wird zu Etwas, das den Titel zeitgenössische Poesie verdient und obendrein lesenswert ist.

Dem gegenüber, ja, dem entgegen stehen einige Entscheidungen der Gesamtkomposition. So implizieren der Titel und die Kapitelüberschriften etwa eine Art Jahreszyklus. Das kann natürlich sehr viel bedeuten, aber offenbar bedeutet es gar nichts. Ein postmoderner Jahreszyklus darf (oder muss sogar) zerfallen, in Anbetracht der Grundstimmung des Bandes passt dies auch gut. Die Kunst (das Schwierige) aber ist, im Zerfallen noch ein Werk zu schaffen, das eine Einheit behält, gleich einem Jahr, das, egal was es füllt, immer ein Jahr bleibt. Diese Einheit kommt bei mir leider nicht an, mir fehlt der erkennbare Kompositionsgedanke, auch wenn der Verlag den Band als eine Fortschreibung von Georges »Das Jahr der Seele« positioniert.

Meines Erachtens hätte ein anderes Konzept die vielen starken Gedichte eindeutig besser zur Geltung gebracht. Der stärkste Zusammenhalt ist zwischen dem ersten und letzten Gedicht, zwischen dem Nichts der Lyrik und dem Vergessen, und das ist mutig und erhaben, da der Dichter über Kimme und Korn sich selbst anvisiert.
 

Richard Dove: Die zwei JahreszeitenRichard Dove
Die zwei Jahreszeiten. Gedichte

Allitera Verlag, München 2016
Softcover, 175 S.
€ 14,90 (D)

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