Fremdgehen, jung bleiben – Folge 10: Ricarda Kiel

Junge Lyrik sieht sich selbst oft als eine Quelle der Innovation. Die Schnelllebigkeit der modernen Sprache, die Vielfalt der heutigen Gesellschaft mit all ihren frischen Einflüssen aus Ost, West, Süd und Nord verändern auch die Literatur tiefgreifend. Und so legt Leander Beil an jedem 8. des Monats den Fokus auf das kulturell und sprachlich Andere, das vermeintlich Fremde in der noch jungen Textwelt. »Fremdgehen, jung bleiben« nimmt jeweils einen Text oder Textausschnitt unter die Lupe und spielt essayistisch mit diesem – ohne den Spielregeln einer starren Analyse zu folgen.

 

Nein, einen Beitrag zu junger Lyrik beginnt man am besten nicht mit einem Blondinenwitz – auch wenn es an dieser Stelle vielleicht passen würde. Denn es ist die Autorin des hier besprochenen Gedichts, Ricarda Kiel (geboren 1983 in Stuttgart), die einen Blick auf die Blondinen »ihrer Stadt« wirft. Und die müssen keine Glühbirnen reinschrauben oder sich mit pseudophilosophischen Grundsatzfragen beschäftigen, wie das in den meisten Witzen der Fall ist. »Diese Stadt« bricht vor der eigenen Haustür los: »Vor meinem Haus übergeben sich Blondinen«.

Was beginnt wie eine groteske Persiflage auf das städtische Nachtleben, entwickelt ungeahnte Tiefen und geht hinaus über die einfache Idee: »Tu was Gutes, dann können Engel fliegen«. Da geht es um ganz Grundsätzliches – um Nächstenliebe, Freiheit, um Sexualität. Der Leser fühlt sich hineingezogen und stellt sich selbst die Frage: Soll ich helfen? Soll ich den Damen die Haare halten? Und während das lyrische Ich noch unentschlossen ist, hat das Alter Ego schon eine Entscheidung gefällt: »er bringt ihnen Kuchen / hält ihnen die Haare und wischt ihre Stirn führt sie in weiche Betten und / deckt sie zu die Blondinen seufzen«. Die bedrohlich intime Nähe gepaart mit absoluter Hilflosigkeit versetzt einem einen ersten Stoß: Wie weit darf man, wie weit soll man gehen?

Was Ricarda Kiel in »Diese Stadt« kreiert, das bedrückt, das beengt, das regt zum Nachdenken an. Es ist die gefährliche Gratwanderung zwischen Hilfe und dem, was vielleicht darüber hinausgeht. Zwischen dem Absurden und dem Ernsthaften. Mit sprachlicher Klarheit und frappierenden Bildern geht sie dem Leser nah, diese kleine Welt unter einem bedrohlich roten Himmel.
 

Diese Stadt

Vor meinem Haus übergeben sich Blondinen unter rotem Himmel

Ich stehe am Fenster und nage an einem Knochen sie stützen sich
so schön ab und werden morgen alle stinken ich stehe am Fenster und
reibe meine Hosennähte soll ich ihnen ein Stück Kuchen bringen

Durchsichtige Engel haben genug von dieser Stadt sie suchen Hunde
denen sie in die Augen schauen können und verpassen darüber ihren Flug
im DM am Flughafen suchen sie Trost

Mein Bruder steht nicht mehr an seinem Fenster er bringt ihnen Kuchen
hält ihnen die Haare und wischt ihre Stirn führt sie in weiche Betten und
deckt sie zu die Blondinen seufzen

Die Engel bekommen einen Flieger und können endlich
ihre Stirn an das doppelte Glas lehnen
 

© Ricarda Kiel, München

 

Leander Beil. Foto: Volker Derlath

Leander Beil. Foto: Volker Derlath

Leander Beil, geboren 18.08.1992 in München, lebt und studiert nach mehrjährigem Brasilienaufenthalt in München. Mitglied des Münchner Lyrik-Kollektivs »JuLy in der Stadt« (www.julyinderstadt.de). Erste Lyrikveröffentlichungen in »Drei Sandkörner wandern« (Deiningen, Verlag Steinmeier 2009), Versnetze 2/3 (hg. von Axel Kutsch, Weilerswist, Verlag Ralf Liebe 2009), NRhZ-Online (Literatur), »Die Hoffnung fährt schwarz« (München, Verlag Sankt Michaelsbund 2010), »Ois is easy« (München, Verlag Sankt Michaelsbund 2010), »Der deutsche Lyrikkalender 2012« (Boosstraat, Alhambra Publishing 2011), www.lyrikgarten.de (Online Anthologie des Anton G. Leitner Verlags), DAS GEDICHT Bd. 17, Bd. 18, Bd. 19, Bd. 22, Bd. 23 (Weßling, Anton G. Leitner Verlag), »Pausenpoesie« (Weißling, Anton G. Leitner Verlag 2015).
Alle bereits erschienenen Folgen von »Fremdgehen, jung bleiben« finden Sie hier.

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