Fremdgehen, jung bleiben – Folge 14: Şafak Sarıçiçek

Junge Lyrik sieht sich selbst oft als eine Quelle der Innovation. Die Schnelllebigkeit der modernen Sprache, die Vielfalt der heutigen Gesellschaft mit all ihren frischen Einflüssen aus Ost, West, Süd und Nord verändern auch die Literatur tiefgreifend. Und so legt Leander Beil an jedem 8. des Monats den Fokus auf das kulturell und sprachlich Andere, das vermeintlich Fremde in der noch jungen Textwelt. »Fremdgehen, jung bleiben« nimmt jeweils einen Text oder Textausschnitt unter die Lupe und spielt essayistisch mit diesem – ohne den Spielregeln einer starren Analyse zu folgen.

 

Bereits vor ein paar Monaten wurde an dieser Stelle ein Gedicht des Dichters Şafak Sarıçiçek (geboren 1992 in Istanbul) besprochen. Sein neues Buch erschien erst vor Kurzem. Da kommt man einfach nicht umhin, sich noch einmal den klangvollen Gedichten aus »spurensuche« (erschienen im Elif-Verlag) zu widmen.

In fünf Kapiteln zeigt Sarıçiçek in seinem Erstlingswerk, dass er auf seiner Spurensuche bereits viele besondere Augenblicke festhalten konnte. Von einem »Papierhomunkulus« bis zu einer »giftgrünen Fliege« macht vieles Spaß und schafft es immer wieder, stille Momente mit Leben anzureichern. Der Leser fühlt sich ernstgenommen, aber auch nicht zu ernst. Er fühlt sich angekommen in den kleinen alltäglichen Wirrungen, die einen nicht loslassen wollen.

In »unter einem baum ist aussicht« gibt der Autor vor, dem Lesenden Zeit zu verschaffen, eine kleine Atempause für zwischendurch. Doch das trifft nicht ganz zu. Denn die Suche nach Grenzen beginnt aus dem Idyll heraus.

Vom Baum bis in den Kosmos, vom Dunkel einer Treppe bis in die unergründlichen Tiefen Schwarzer Löcher. In Sekundenschnelle kommt es zu Sinnsteigerungen, die einen überraschen, die einen bewegen können, lässt man sich nur auf sie ein. Madonnenhaft kauert man auf Stufen, blickt gen Himmel und fragt sich, wie man dieser allgegenwärtigen Grenzenlosigkeit entfliehen kann. Muss man das überhaupt? Der Leser ergibt sich.
 

Şafak Sarıçiçek: spurensuche (erschienen im Elif-Verlag)

Şafak Sarıçiçek: spurensuche (erschienen im Elif-Verlag)

unter einem baum ist aussicht

auf die küste gegenüber, in der straßen und häuser
lichterfunken und leuchtkerzenköpfe sind.

in das dunkel einer treppe aus holz, unter dem firmament,
kauern auf den stufen,

mit blick nach oben, gaskörper
am wachsen und silberner staub,

sterbend, tod, zu schwarzen löchern implodiert und
geboren, blicke in raumkarten der vergangenheit.
die tastatur die hände befehle aus dem gehirn
noch in einer urgemeinschaft, in wortlosigkeit,

wo leben noch im sternenstaub,
wo alles eins ist, in das licht.
 

© Şafak Sarıçiçek, Heidelberg
 

Leander Beil. Foto: Volker Derlath

Leander Beil. Foto: Volker Derlath

Leander Beil, geboren 18.08.1992 in München, lebt und studiert nach mehrjährigem Brasilienaufenthalt in München. Mitglied des Münchner Lyrik-Kollektivs »JuLy in der Stadt« (www.julyinderstadt.de). Erste Lyrikveröffentlichungen in »Drei Sandkörner wandern« (Deiningen, Verlag Steinmeier 2009), Versnetze 2/3 (hg. von Axel Kutsch, Weilerswist, Verlag Ralf Liebe 2009), NRhZ-Online (Literatur), »Die Hoffnung fährt schwarz« (München, Verlag Sankt Michaelsbund 2010), »Ois is easy« (München, Verlag Sankt Michaelsbund 2010), »Der deutsche Lyrikkalender 2012« (Boosstraat, Alhambra Publishing 2011), www.lyrikgarten.de (Online Anthologie des Anton G. Leitner Verlags), DAS GEDICHT Bd. 17, Bd. 18, Bd. 19, Bd. 22, Bd. 23 (Weßling, Anton G. Leitner Verlag), »Pausenpoesie« (Weßling, Anton G. Leitner Verlag 2015).
Alle bereits erschienenen Folgen von »Fremdgehen, jung bleiben« finden Sie hier.

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