Gedicht und Gehirn

von Annette Hagemann

Raoul Schrott und dem Hirnforscher Arthur Jacobs zufolge lassen Gedichte das Gehirn in noch komplexerer (»dichterer«) Weise in Aktion treten als andere (prosaischere) Kunstformen, denn sie sprechen die Gehirnareale für Denken, Sprache, Bilder, Melodie und Rhythmik gleichermaßen an. Um ein Gedicht in seiner logisch-musisch-bildhaften Komplexität zu erfassen, muss man also alles anschmeißen, was man hat: Kirmes im Gehirn! Jedenfalls kann man, um ein Gedicht zu schreiben oder zu verstehen, seinen Verstand und sein Verständnis nicht einfach auf Standby laufen lassen. Und seien wir ehrlich: Genau deshalb lesen auch nur wenige Menschen Gedichte nach Feierabend.

So lange in dieser Gesellschaft die Muße noch rarer ist als die Muse, sind die Umstände keineswegs optimal für einen Gedichteboom. Andererseits: Würden wir alle rituell jeden Morgen ein Gedicht lesen oder schreiben, also unser Gehirn und alles, was sich an Erfahrung und Menschsein dahinter verbirgt, auf Hochtouren bringen, dann würde die menschliche Evolution wahrscheinlich rasante Fortschritte machen.

Doch so gut es ist, wenn Gedichte viele Menschen erreichen – und manche haben es bereits auf legalen Umwegen geschafft, sei es über Reim und Humor wie bei Gernhardt, sei es in Verbindung mit Musik wie bei Bob Dylan –, so endgültig erlaubt muss es auch sein und bleiben, dass Gedichte nicht von jedermann auf Anhieb verstanden werden. (Wäre ein Gedicht ein Witz, wo wäre dann noch seine Pointe?) Ich glaube, dass es unerhört wichtig für ein Gedicht ist, dass es seinen Startpunkt in größerer Entfernung von den Massen nimmt, dass es im (nennen wir das Kind ruhig beim altbackenen Namen:) Elfenbeinturm geschrieben wird.

Das Politische eines Gedichts besteht doch gerade darin, beim Schreiben oder Lesen möglichst unbeeinflusst zu sein von den Vielen – endlich mal maßlos individuell zu sein, zuallererst sich selbst im Gedicht zu hören und zu verstehen. Und so ist das Kriterium eines gelungenen Gedichts meinem Verständnis nach auch nicht die Popularität, sondern die Authentizität – und die kann ein Leser erstaunlicherweise bei einem hermetischen Gedicht Paul Celans ebenso wahrnehmen wie bei einem politischen Enzensberger oder einer sphärischen Marion Poschmann oder einem lebens-enzyklopädischen Paulus Böhmer oder einem lustvoll-hintergründigen Thomas Rosenlöcher oder bei den grandios-gedankenverschiebenden Klebegedichten Herta Müllers oder oder…

Gerade was authentisch ist, hat das Zeug zum Populärwerden. Sicher nicht ohne Zufall, Glück oder einen guten Vertrieb – aber die Stille am Anfang immer vorausgesetzt, behaupte ich.

Ein Kommentar

  • Ralph Pordzik

    Dieser Beitrag, stimmig wie er ist, geht leider zu wenig auf Schrotts provokanten und gelungenen Versuch ein, dem Gedichtverstehen aus neurowissenschaftlicher Sicht innovative Perspektiven zu vermitteln. Ich verstehe seine Studie auch als einen interessanten Versuch, überkommene Lesarten zu befragen (biographische Denkansätze z.B., die in der deutschen Germanistik noch immer ihr Unwesen treiben und wohl zu den unausrottbarsten Mythen der zeitgenössischen Leserfolklore zählen) und an ihrer Stelle frische Denkabdrücke zu hinterlassen. Schon aus dieser Perspektive gebührt dieser Darstellung großes Lob: Das Gedicht wird entmystifiziert, in seiner immensen Bedeutung (als Ansporn zu reger Hirntätigkeit, Kreativität, Kommunikation, libidinöser Selbstfreisetzung, etc.) aber auch neu zentriert und gefeiert.
    Um so problematischer stellt sich in diesem Zusammenhang die (verständliche) Kritik an der fehlenden Muße dieser Zeit dar. Jeder verlässt sich heute auf die Instrumente des digitalen Zeitalters, um seine eigenen Vorstellungen zur Literatur zu ventilieren; es werden Gedichte in Blogs und auf Webseiten veröffentlicht, diese ausgiebig kommentiert und mit anderen Seiten verlinkt, etc. Die Beteiligten geraten in eine Spirale der Zwangskollektivierung ihrer Aufmerksmakeit, deren Ende nicht abzusehen ist. Mit anderen Worten: Wir beklagen uns über die fehlenden Muße zur künstlerischen Betätigung, zerstreuen uns aber unentwegt mit Hilfe gerade derjenigen Medien, die wir als Autoren, Dichter und Leser für ihre Zersetzungskraft kritisieren. Wenn ich immer weniger Zeit und Konzentration zum Schreiben aufbringe, so ist dies nicht zuletzt meiner (unentschuldbaren) Schwäche geschuldet, dass ich mich von Blogs und – das ist das Fatale dabei – spannenden Internsetseiten zur Literatur und Lyrik, etc. immerzu davon abbringen lasse…

Kommentar verfassen