Gedichte für Kinder – Folge 25: Sieben Kindergedichte von Mathias Jeschke

Uwe-Michael Gutzschhahn präsentiert jeweils am 10. eines Monats auf DAS GEDICHT blog faszinierende Kindergedicht-Autoren mit ihren vielfältigen Spielarten der Kinderpoesie. Denn das Kindergedicht soll lebendig bleiben – damit aus jungen Gedichtlesern neugierige Erwachsene werden, die sich an die Klänge und Bilder der Poesie erinnern, statt an die Last der didaktischen Lyrikinterpretation.

 

Zufall

Horch, es tagt.
Ich bin es, der das sagt.
Noch ist es kühl,
doch ich hab so ein Gefühl:
Heute wird mir was gelingen.
Die Vöglein singen,
dass es Morgen werde.
Ein erster Schein fällt auf die Erde.
Ich heb ihn auf
und sehe, es sind 100 €!
Ich lache, weil ich mich freu, wo
auch mir mal etwas zufällt –
und sei es Geld.

 

Kontro-Verse

Ich bin ganz dagegen
und will euch widerlegen,
das sagt euch dies Gedicht.
Und glaubt ihr mir noch nicht,
dann sag ich’s noch einmal:
Ihr alle könnt mich mal!
Ihr liegt doch ganz daneben,
ich werd euch Kontra geben.
Ihr wollt nicht auf mich hören?
Es stimmt! Ich kann‘s beschwören!
Ach, bleibt mir doch gestohlen.
Ich kann nur wiederholen –
ihr werdet’s wissen, eh es tagt:
Wenn ihr das meint, was ihr da sagt –
ihr irrt! Es stimmt nicht! Nein!
Ich habe recht! Nun seht’s doch ein.

 

Leibgericht

Dass es gut riecht,
berührt mich nicht.
Wenn einer schon die Nüstern biegt,
bewahr ich Ruhe im Gesicht.

Dass es gut aussieht,
lässt mich kalt.
Was andre so in seinen Bann zieht,
das nimmt mir nicht den Seelenhalt.

Dass es gut schmeckt,
ist nicht viel wert.
Wenn einer sich die Lippen leckt,
lässt mich das völlig ungenährt.

Erst, wenn’s gut klingt,
fühl ich mich wohler.
Mein Magen singt
bei Rosenkohl und Dosencola.

 

Wer hat denn nun schuld?

Wir vielleicht?
Vielleicht sie?
Ich vielleicht?
Vielleicht er?
Viel leichter
wär’s, wenn du
mal bei dir selber,
lachen alle Kälber,
dumme Kuh!

 

Alle sauber!

Wirschen
Ihrschen
Erschen
Ichschen
Sieschen
Duschen

 

Fragen an die Küche

Warum ist denn die Butter heute so
ausgelassen?

Und was ist denn wohl den Tomaten
passiert?

Welcher Kunstbanause hat denn die Milch
entrahmt?

Und was hat denn bloß den Teig so
gerührt?

 

Frühling

Überm frühbesonnten Feld
steigt hinauf in seine Welt,
höher als die Schar der Lerchen,
ein verliebtes Drachenpärchen.

Streichelt sich mit bunten Bändern,
kost sich zwischen Wolkenrändern.
Es lieben sich am Himmelsblau
so Drachenmann und Drachenfrau.

 

© Mathias Jeschke

 

Mathias Jeschke ist Schriftsteller. Sein Geld verdient er aber vor allem durch die Arbeit in einem Verlag. Im Boje Verlag hat er zwei sprachspielerische Bilderbücher mit den Titeln »Der Wechstabenverbuchsler« und »Der Wechstabenverbuchsler im Zoo« (illustriert von Karsten Teich) sowie einen Gedichtband für Kinder mit dem Titel »Wie das Wiesel dem Riesen den Marsch blies« veröffentlicht. Seit einigen Jahren reist er mit seinen Gedichten und Geschichten durchs Land und infiziert Kinder und Erwachsene mit dem Sprachspielvirus. Er ist der festen Überzeugung, dass Kinder, die spielerisch mit Sprache umgehen, die beste Voraussetzung haben, phantasievolle und kluge Menschen zu werden. Jeschke lebt mit seiner Frau in Stuttgart. Gerade ist von ihm auch unter dem Titel »Luftstudien« sein fünfter Gedichtband für Erwachsene erschienen (edition offenes feld, Dortmund, 2016).

Uwe-Michael Gutzschhahn. Foto: Volker Derlath

Uwe-Michael Gutzschhahn. Foto: Volker Derlath

Uwe-Michael Gutzschhahn, Jg. 1952, lebt in München und hat an der Universität Bochum über den Lyriker Christoph Meckel promoviert. Seit 1978 hat er zahlreiche eigene Gedichtbände veröffentlicht, u. a. »Fahrradklingel« (1979), »Das Leichtsein verlieren« (1982) und »Der Alltag des Fortschritts« (1996). Zwischen 1988 und 1991 gab er die 12-bändige Kinder-Taschenbuchreihe »RTB Gedichte« mit Texten u. a. von Ernst Jandl, Oskar Pastior, Friederike Mayröcker und Sarah Kirsch heraus. 2003 folgte die Anthologie »Ich liebe dich wie Apfelmus«, die er mit Amelie Fried zusammenstellte und die gerade in einer Neuausgabe wiederaufgelegt wurde. Sein erster eigener Kindergedichtband folgte 2012 unter dem Titel »Unsinn lässt grüßen«. Und im Herbst 2015 erschien seine große Nonsenslyrik-Anthologie »Ununterbrochen schwimmt im Meer der Hinundhering hin und her.«

Alle bereits erschienenen Folgen von »Gedichte für Kinder« finden Sie hier.

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