Gedichte für Kinder – Folge 9: Sieben unveröffentlichte Kindergedichte von Ralf Thenior

Uwe-Michael Gutzschhahn präsentiert jeweils am 10. eines Monats auf DAS GEDICHT blog faszinierende Kindergedicht-Autoren mit ihren vielfältigen Spielarten der Kinderpoesie. Denn das Kindergedicht soll lebendig bleiben – damit aus jungen Gedichtlesern neugierige Erwachsene werden, die sich an die Klänge und Bilder der Poesie erinnern, statt an die Last der didaktischen Lyrikinterpretation.

 

Achtundzwanzig Rüsselhündchen

Vierzehn
Vierzehenrüsselhündchen
und vierzehn
Goldrückenrüsselhündchen
feiern das Vierzehnvierzehenrüsselfest nie,
denn die Goldrückenrüsselhündchen
rudeln nur am Abend
und die Vierzehenrüsselhündchen
rudeln ausschließlich in der Früh‘.
 

Drei Schneemänner

Drei Schneemänner standen im Schnee.
Die Sonne tat ihnen weh.
Da sind die Köpfe abgeschmolzen.
Nun stehen sie ohne Kopf, die Stolzen,
und halten ihre Besen hoch.

Das geht grad noch.

Doch wenn die Sonne morgen scheint,
sind drei Kinder traurig
und eins davon weint.

Zum Glück haben die Kinder
Fotos gemacht.
Da haben alle wieder gelacht,
Denn die Schneemänner
sind noch da.
 

Schlechte Woche

Am Montag fiel ich in den Teich.
Doch jemand rettete mich gleich.

Am Dienstag lief ich vor den Bus.
Das gab ‘ne Beule wie ‘ne Nuss.

Am Mittwoch hab ich mich verbrannt.
Da kam die Nachbarin gerannt.

Am Donnerstag hab ich gebrochen.
Das geht jetzt leider schon seit Wochen.

Am Freitag hab ich blau gemacht.
Da hat man mich zur Sau gemacht.

Am Samstag hat die Straßenbahn
Mir einen Finger abgefahren.

Am Sonntag tat ich die Augen zu.
Nun hat die liebe Seele Ruh.
 

Der Marabu

Der Marabu ist tierisch eitel.
Er kämmt sich einen Mittelscheitel.
Zwei Haare links, drei Haare rechts,
das macht er flink, ohne Gekrächz.

Ein Mädchen staunt den Vogel an,
froh, dass sie ihn benennen kann.
Der Vogel steht auf einem Bein,
das kann ein Klapperstorch nur sein.

Dem Marabu fällt Schweigen schwer.
Er schnarrt heraus: Bist du denn blind!
Ich bin ‘ne Sonnenblume, Kind!
Dann schweigt er wieder wie bisher.
 

Katzentraum

Die Katze sieht in ihrem Traum:
Es zappelt was im Apfelbaum.
Da tschilpt und flattert Katzenfutter,
mit Spätzlein spielt die Spatzenmutter.

Schnell macht sie sich auf ihre Pfoten,
sie weiß zwar, es ist ihr verboten,
doch schleicht sie heimlich und verstohlen,
sie will sich so ein Vöglein holen.

Sie schleicht heran und springt vom Fleck,
doch da sind alle Spatzen weg.
Ins Leere geht der Katzenbiss,
zum Trost gibt’s einen Spatzenschiss.
 

Der Tortenbarsch

Im Schaufenster von Bäcker Karsch
schwimmt heute Nacht ein Tortenbarsch
und frisst von allen Törtchen
die Kirschen und Rosinen ab.
Der Bäcker träumt’s voll Wut und denkt:
Hier wird bezahlt und nichts verschenkt.
Der bringt mich noch ins Grab!
 

Flimmerfische

Im tiefen, schwarzen Meer,
da wimmelt es umher,
da schwimmen blinde Wesen,
die sind noch nie im Licht gewesen.

Ziehst du den Taucheranzug an
und tauchst tief in den Ozean,
siehst du in stiller Finsternis
die Leuchtmakrele schweben,
die Blaulichtqualle und daneben
Blitzlichtbarsche, Flimmerschollen,
ja, sogar schwimmende Neonrollen
mit Fühlern, von denen Sternchen springen,
und dort zittert ein elektrischer Besen,
dessen Borsten das Wasser zum Leuchten bringen.
Und all diese flimmernden Tiefseewesen
sind dabei, der Dunkelheit Lieder zu singen.
 

© Ralf Thenior

Ralf Thenior wurde mit seinen Gedichtbänden „Traurige Hurras“ und Sprechmaschine Pechmarie“ in den späten 1970er Jahren einer der prägendsten und erfolgreichsten Lyriker. Immer geht es in seinen Gedichten um genaue Bilder des Alltags. Später schrieb er auch zahlreiche Romane sowie Kinder und Jugendbücher. Thenior, der in Schlesien geboren wurde, studierte und lebte lange in Hamburg und wohnt seit fast dreißig Jahren in Dortmund. Einen Kindergedichtband von ihm gibt es bis heute leider noch nicht.

Uwe-Michael Gutzschhahn. Foto: Volker Derlath

Uwe-Michael Gutzschhahn. Foto: Volker Derlath

Uwe-Michael Gutzschhahn, Jg. 1952, lebt in München und hat an der Universität Bochum über den Lyriker Christoph Meckel promoviert. Seit 1978 hat er zahlreiche eigene Gedichtbände veröffentlicht, u. a. »Fahrradklingel« (1979), »Das Leichtsein verlieren« (1982) und »Der Alltag des Fortschritts« (1996). Zwischen 1988 und 1991 gab er die 12-bändige Kinder-Taschenbuchreihe »RTB Gedichte« mit Texten u. a. von Ernst Jandl, Oskar Pastior, Friederike Mayröcker und Sarah Kirsch heraus. 2003 folgte die Anthologie »Ich liebe dich wie Apfelmus«, die er mit Amelie Fried zusammenstellte und die gerade in einer Neuausgabe wiederaufgelegt wurde. Sein erster eigener Kindergedichtband folgte 2012 unter dem Titel »Unsinn lässt grüßen«. Und im Herbst 2015 erschien seine große Nonsenslyrik-Anthologie »Ununterbrochen schwimmt im Meer der Hinundhering hin und her.«

Alle bereits erschienenen Folgen von »Gedichte für Kinder« finden Sie hier.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.