GIPFELRUF
Folge 18: Gerhard Ruiss

Gerhard Ruiss (*1951)

  • Lyriker aus Wien

Der Lyriker Gerhard Ruiss, Teilnehmer beim »Internationalen Gipfeltreffen der Poesie« am 23.10.2012 in München, stellt sich den Fragen unseres dasgedichtblog-Fragebogens.

Gerhard Ruiss. Foto: Ulli Stecher

Lyriker-Steckbrief

Name / Vorname: Ruiss, Gerhard

Geburtsdatum: 29.05.1951

Geburtsort: Ziersdorf, Niederösterreich

Augenfarbe: blau

Größe: 1,78

Wohnort (mit Bundesland): Wien

Aktueller Gedichtband (mit Erscheinungsjahr, Erscheinungsort, Jahr und Verlag): Gerhard Ruiss / Oswald von Wolkenstein. Lieder. Nachdichtungen. Gesamtausgabe in drei Bänden (Folio Verlag, Wien / Bozen, 2011)

23 Fragen an den Lyriker Gerhard Ruiss
und ein Satz zum Ergänzen

1. Wann sind Sie zum ersten Mal mit einem Gedicht in Kontakt gekommen?

Ich bin mit Zweizeilern aufgewachsen. Es hat sie überall gegeben, zu jedem Anlaß. Wir haben am Land gelebt, Bücher, die man wo kaufen hätte können, oder Büchereien gab es keine. Irgendein Buch, aus dem einem als Kind vorgelesen worden ist, war aber trotzdem immer da. Das hat man dann so oft gehört, daß man es irgendwann auswendig konnte. Mit dem Nachplappern eines Zweizeilers aus einem solchen Buch habe ich laut meiner Mutter zu sprechen begonnen.

2. Haben Sie den ersten Kontakt mit Lyrik in positiver oder negativer Erinnerung?

Sagt man als Kind ein Gedicht auf, wird man gelobt, das ist auch heute noch so. Es ändert sich erst später, wenn es einem zu kindisch wird oder etwas nur für Mädchen sein soll. Als Willy Brandt zur Einweihung unseres Gemeindebaus nach Wien gekommen ist, hätte eigentlich irgendein älterer Bub ein für ihn zur Begrüßung vorgesehenes Gedicht aufsagen sollen, aber es hat sich kein älterer Bub gefunden, also habe ich es aufgesagt. Beliebt waren die Werbesprüche, die sich ebenfalls gereimt haben. Und dann hat es noch die gereimten Verhaltensregeln gegeben, die aber keiner ernst genommen hat, und die Bestrafungen mit dem Auswendiglernen müssen von Gedichten, aller Strophen der »Glocke« von Schiller zum Beispiel.

3. Wann haben Sie Ihr erstes Gedicht geschrieben und wie lautet dessen Titel?

Von meinem frühesten Versuch, ein Gedicht zu schreiben, mit zehn, elf, weiß ich nur noch, es hat mit meiner Verehrung eines Heldentums der edlen Ziele zu tun gehabt. Ab 1969, 1970, also mit achtzehn, neunzehn, sind dann meine ersten systematisch geschriebenen Gedichte entstanden, die ich so lange wieder weggeworfen habe, bis die aus Veröffentlichungen erhaltenen Gedichte übergeblieben sind. Mein erstes veröffentlichtes Gedicht wurde gar nicht als Gedicht, sondern als Motto vor einem Begleittext zu einer Ausstellung abgedruckt. Es hatte wahrscheinlich einen Titel, es wurde aber als Motto verwendet, und so hat es diesen Titel nicht behalten.

4. Wo haben Sie Ihr erstes Gedicht veröffentlicht?

Im Bezirksblatt »Unser Währing« im Herbst 1972, mit 21.

5. Was haben Sie der Lyrik zu verdanken?

Ich habe jahrelang mit Bezeichnungen gelebt, für die ich keine Inhalte gehabt habe. Diese Inhalte habe ich nicht in Lehr- oder Sachbüchern gefunden, sondern in Gedichten, Erzählungen, Romanen oder Theaterstücken. Es geht mir auch heute noch beim Lesen von Gedichten gleich. Erst spüre ich sie, danach beginne ich sie zu begreifen. Als Autor habe ich mit Gedichten versucht, mir alles Unverständliche verständlich zu machen. Das ist heute nicht mehr so. Für diesen Teil, mir und anderen etwas zu verdeutlichen, habe ich andere Möglichkeiten. Aber nach wie vor sind Gedichte für mich die genaueste und kompakteste Form, etwas zum Ausdruck bringen und vermitteln zu können.

6. Was treibt Sie zum Schreiben von Gedichten an?

Ich habe nicht nur ein Motiv, warum ich Gedichte schreibe. Jedes Mal, wenn ich beschließe, keine Gedichte mehr zu schreiben, entstehen wieder welche. 1987 hat mich ein Überraschungserfolg mit meinem ersten veröffentlichten Gedichtband, den der Wiener Autor und Verleger Werner Herbst aus von mir zum Wegwerfen bestimmten Gedichten zusammengestellt hat, so irritiert, daß ich nie wieder ein Gedicht schreiben wollte. Es ging mir offenbar immer darum, daß das Gedichteschreiben in irgendeiner Form meine Privatangelegenheit bleibt. Das verträgt sich natürlich schlecht mit ihrer Veröffentlichung. Ich brauche diese langsame Annäherung auch heute noch und diesen Zweiten, der an die Notwendigkeit der Veröffentlichung meiner Gedichte glaubt. Als ich vor ein paar Jahren, nachdem ich aus privater Neugier schon zahlreiche Gedichte von Oswald von Wolkenstein nachgedichtet gehabt hatte, Ludwig Paulmichl vom Folio Verlag, weil ich ihn als Freund der Familie bei einer vielleicht irgendwann doch möglichen Veröffentlichung nicht übergehen konnte, gefragt habe, ob das für seinen Verlag interessant sein könnte, und er zu meiner Überraschung »ja« gesagt hat, war ich mir wochenlang böse, weil meine Nachdichtungen damit aufgehört haben, meine persönliche Angelegenheit zu sein.

7. Was macht für Sie den Reiz der Poesie aus?

Man kann mit Gedichten nur Gedichte schreiben oder sie geschrieben haben, man kann nicht eigentlich andere Absichten mit ihrem Schreiben verfolgen, schon gar nicht welche, die beispielsweise einer Karriere als Wirtschaftsmanager förderlich wären. Man verdient kein Geld mit ihnen, man muß sie schreiben wollen. Man kann sich nicht einmal sicher sein, ob das für eine besonders ernstzunehmende Tätigkeit gehalten wird. Und was mich als Leser wie als Autor gleichermaßen an Gedichten fasziniert, ist, wenn ein Gedicht gelungen ist, seine unabänderliche Form.

8. Ihr Lieblingsschriftsteller?

Ich habe keinen einzelnen Lieblingsschriftsteller, ich habe viele: die meiner Leseentwicklung wie u. a. Bertolt Brecht, Ingeborg Bachmann, Erich Kästner, Upton Sinclair, Albert Camus, Peter Weiss, Robert Musil, Peter Altenberg, Karl Kraus, Marie Ebner-Eschenbach, Christa Wolf, Franz Kafka, François Villon / Paul Zech, Jean Paul Sartre, Antoine de Saint-Exupéry, Friedrich Dürrenmatt oder Samuel Beckett, dann die meiner nicht mehr lebenden Kollegen wie u. a. Ernst Jandl, H. C. Artmann, Erich Fried, Milo Dor, Hilde Spiel oder Gert Jonke, dann die meiner erst sehr späten Entdeckungen wie Oswald von Wolkenstein, und sehr viele lebende, meist aber eher die einzelnen Bücher, Gedichte, Erzählungen und Theaterstücke als die jeweiligen Autoren gesamt.

9. Ihr Lieblingskünstler?

Meine Lieblingskünstler leiten sich noch viel mehr als in der Literatur von einzelnen Werken ab. Ein paar meiner Lieblingswerke sind, vielleicht sollte ich aber besser sagen, am meisten beeindruckt haben mich: Das »Mahnmal gegen Krieg und Faschismus« von Alfred Hrdlicka am Wiener Albertinaplatz, die Jugendstilkirche am Wiener Steinhof von Otto Wagner und seine Industriebauten, der »Totentanz meines Schwiegervaters« Luis Stefan Stecher in Plaus in Südtirol, die »Bauernhochzeit«, die »Jäger im Schnee« und der »Turmbau zu Babel« von Pieter Bruegel im Wiener Kunsthistorischen Museum, die Häuserbilder von Egon Schiele im Leopold Museum im Wiener Museumsquartier, das »Weltgerichtstryptichon« von Hieronymus Bosch in der Galerie der Wiener Akademie der Bildenden Künste usw. usf. Aber natürlich ist man als Jugendlicher an den bekannten Werken von Klimt nicht vorbeigekommen, genauso wie man nicht an Beethoven in der Musik vorbeigekommen ist oder in der Literatur an Rilke und Hesse. Rilke, mit Ausnahme seines Gedichts »Der Panther«, und Hesse haben sich damit für mich erledigt, an Klimt und Beethoven kann man auch noch ganze andere Seiten entdecken.

10. Ihr Lieblingsmusiker?

Alle paar Monate eine Neuentdeckung oder eine Wiederentdeckung eines Komponisten, Interpreten, Ensembles oder einer ganzen Musikrichtung.

11. Ihr Lieblingsfilm?

»Fellinis Satyricon« (1969) mit großem Abstand zu allen anderen Filmen.

12. Ihre Lieblingsfarbe?

Weinrot in Kombination mit dunkelblau oder die Farbintensität von Blumen in hohen Höhen.

13. Ihr Lieblingswort?

Hätte ich ein Lieblingswort, würde es nicht lange mein Lieblingswort bleiben.

14. Ihr Lieblingsvers?

»Die Jungen werfen zum Spaß mit Steinen nach Fröschen, die Frösche sterben im Ernst« von Erich Fried, oder »Es gibt nichts Gutes, außer: man tut es« von Erich Kästner und noch ein paar Tausend mehr. Oder unter den Aphorismen: »In zweifelhaften Fällen entscheide man sich für das Richtige« von Karl Kraus.

15. Ihr Lieblingsgedicht?

»Alle Tage« von Ingeborg Bachmann, »Heldenplatz«, »schtzngrmm« und »vater komm erzähl vom krieg« von Ernst Jandl, »An die Nachgeborenen« von Bert Brecht, »Was es ist« von Erich Fried, »Todesfuge« von Paul Celan, die Wiener Dialektgedichte und Wiener Dialekt-Nachdichtungen Villons von H. C. Artmann und noch ein paar Hundert andere.

16. Ihr größter Fehler?

Ich bin zu schnell, zu massiv.

17. Was loben Ihre Freunde an Ihnen?

Meine Unbeirrbarkeit?

18. Mit wem würden Sie gerne gemeinsam auftreten?

Mit allen meinen verstorbenen Schriftstellerfreunden in einer Massenlesung.

19. Wem möchten Sie nicht in der Sauna begegnen?

Menschen, die ich politisch unerträglich empfinde.

20. Welcher Vorzug von Ihnen wird verkannt?

Meine Solidarität über fast alle Schmerzgrenzen hinweg.

21. Was war Ihr bislang schönstes Erlebnis mit einem Gedicht?

Ein SMS von meinem damals 23jährigen Sohn, der mir geschrieben hat, ich hätte ihm durch ein für ihn und seinen beiden Schwestern geschriebenes Gedicht das schönste Weihnachtsgeschenk gemacht, das er je bekommen habe, und als zweitschönstes, ein bejubelter Auftritt mit ein paar von mir gelesenen Gedichten bei einer Demonstration gegen die schwarz-blaue österreichische Regierung vor 10.000 Leuten am Ballhausplatz in Wien. Mein drittschönstes Erlebnis war, daß eine vorbeifahrende Radfahrerin bei einer Lesung meiner Gedichte auf einem Platz zu mir gekommen ist und mich gefragt hat, von wem das Gedicht ist, das sie eben gehört habe und wo man es bekommen könne.

22. Wenn Sie einen Wunsch frei hätten, was würden Sie sich wünschen?

Keine Gewalt.

23. Welche Nebeneffekte im Literaturbetrieb wären für Sie verzichtbar?

Das immer lauter werdende Marktgeschrei.

Und zum Abschluss eine Satzergänzung:

Wenn ich nochmals auf die Welt käme, würde ich…
…gleich dort fortsetzen, wo ich aufgehört habe.

 

 

Gerhard Ruiss / Oswald von Wolkenstein
Lieder. Nachdichtungen

Folio Verlag, Wien / Bozen, 2011
516 Seiten, 3 Bände im Schuber
ISBN 978-3-85256-524-8
Euro 52,80 [D]





Das »Internationale Gipfeltreffen der Poesie: 20 Jahre DAS GEDICHT« ist eine Veranstaltung von Anton G. Leitner Verlag | DAS GEDICHT in Zusammenarbeit mit dem Kulturreferat der Landeshauptstadt München und dem Literaturhaus München. Die Veranstaltung wird vom BR für sein Fernsehprogramm BR-alpha aufgezeichnet (geplante Erstsendung: Samstag, 12. Januar 2013, 22.30 Uhr, Reihe »Denkzeit«, BR-alpha). Hugendubel.de unterstützt das »Internationale Gipfeltreffen der Poesie: 20 Jahre DAS GEDICHT« als Förderpartner.


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