GIPFELRUF
Folge 28: Felizitas Leitner

Felizitas Leitner (*1957)

  • Allgemeinärztin in Weßling
  • www.felizitas-leitner.de

In loser Folge stellt Franziska Röchter für dasgedichtblog die Beteiligten am »Internationalen Gipfeltreffen der Poesie« am 23.10.2012 in München vor. Heute widmet sie Dr. med. Felizitas Leitner ein Geburtstags-Special.

Felizitas Leitner. Foto: Boerboom & Vogt, Münsing

Hinter den meisten erfolgreichen Männern steht eine starke Frau. Oftmals – besonders in der Politik – kann die Öffentlichkeit nur mutmaßen, wie sehr ein bestimmter Kurs, eine Entscheidung oder Maßnahme in Wirklichkeit auf das Konto des Ehepartners gehen oder zumindest maßgeblich von diesem mitgetragen werden.

Nun ist Dr. med. Felizitas Leitner selbst aber so gut beschäftigt, dass sie gar keine Zeit hat, ihrem Mann in das poetische Tagesgeschäft hineinzureden. Dennoch ist sie schon vor mehr als zwei Jahrzehnten mit dem Poesie-Virus angesteckt worden und zeigt symptomatisch eine große Sympathie für die Dichtkunst. Im Jahr 2004 erschien folgerichtig Dr. Felizitas Leitners viel diskutiertes Buch »Die Venus streikt. Gesund durch die Kraft der Poesie« (Daedalus Verlag, Münster). Darin ordnet die Autorin erstmals einzelne Gedichte bestimmten Diagnosen zu, kommentiert diese anhand von Fallbeispielen aus ihrer Praxis und empfiehlt sie zur Unterstützung der medizinischen Behandlung. Wenn Dr. Leitner Lyrik als ›Katalysator‹ einsetzt, kommt die Allgemeinärztin mit Patienten leichter ins Gespräch. Tabuthemen gibt es dann nicht mehr. Indem Patienten lernen, das Wesen ihrer Krankheit im Kern zu erkennen und anzunehmen, können sie aktiv an der Behandlung und am Heilungsprozess mitwirken. Dr. Leitners Band erschien 2009 in 6. überarbeiteter Auflage, was berechtigten Grund zu der Annahme gibt, dass dieses Buch eine echte Lücke auf dem Buchmarkt füllt.

Einen etwas humorvoll überhöhten Zusammenschnitt diverser Filmaufzeichnungen von Dr. med. Felizitas Leitner bei ihrer Ringvorlesung »Humanität in der Medizin« an der Technischen Universität München kann man hier sehen:

Um die beschriebenen (Aus-)Wirkungen von bestimmten Gedichten auf den menschlichen Organismus weiter zu untermauern, wurden verschiedene bekannte Dichter und Kabarettisten um einen kleinen Vers oder ein kurzes Statement zum Thema »Lyrik und Medizin« gebeten. Dabei kamen sehr interessante Ergebnisse heraus:

Ein ganz frisch geschriebenes Gedicht sandte Friedrich Ani, welches nicht besser zum Thema passen könnte:

Da sein

Einst fehlte mir Luft und ich
sog einen Vers in mich
ein und es war, als
zerrisse mein Zelt und ich
flög übers Land, übers Meer. Und
fliege wahrhaftig, verstehe die
Freiheit aufzubrechen, wohin ich
will und gehöre am End.

© Friedrich Ani, München


Horst Samson, gerade frisch von einem Weingut zurückgekehrt, wollte seine im Rebensaft gesuchte und offensichtlich auch gefundene Inspiration ebenfalls sofort weitergeben:

Stehgebet

Motto: Gebet hin und dichtet!
Einer meiner Zaubersprüche,
Fürs Büro und für die Küche:
Poesie ist Medizin,
Für den Kopf, speziell fürs Hirn!
Alles andere sind Gerichter,
Spricht entschieden hier der Dichter,
Doch, ach ja, auf unsereiner
Hört ja wieder einmal keiner!
Fragt noch wer: Was ist Poesie?
Sag ich: Viel Talent plus noch mehr Müh’!

© Horst Samson, Neuberg

Der bayerische Kabarettist Josef Brustmann hält in seinem Beitrag die gesundheitsfördernde, weil lebensverlängernde Wirkung des Gedichtschreibens fest:

wenn ich ein gedicht schreibe
wird mir ganz warm ums herz

darum schreibe ich gedichte
dass mir warm wird ums herz

ein warmes herz ist gut gegen den tod
ein warmes herz ist dem tod ein Gräuel

© Josef Brustmann, Icking

Und der fränkische Mundartdichter Fitzgerald Kusz, dessen Devise oftmals »Spontan oder gar nicht« lautet, schickte ein therapeutisches Gedicht, welches bei manchem Nichtfranken u. U. schon allein durch die geforderte ›Übersetzungsleistung‹ von den eigenen Wehwechen abzulenken vermag:

das verschluckte gedicht

haid fräih houi ass väsäing
ä gedichd väschluckd
des houd goä ned wäihdou
erschd is mä ä zeidlang
im bauch rumgangä
und dann ismä aff amall
in kubf naufgschdieng:
iich hou nix dägeeng
dou koos vo miä aus bleim

© Fitzgerald Kusz, Nürnberg

Arne Rautenberg schickte sogleich etwas »poemedizin« durch den Äther, die wie jede Medizin natürlich auch leichte Nebenwirkungen haben kann. Aber was wiegen diese schon gegen das Glücksgefühl, ein gutes Gedicht geschrieben oder gelesen zu haben?

poemedizin

dichten macht arm
dichten beglückt

dichten hält warm
dichten entrückt

gedichte schreiben
ist mir medizin*

*medizin für den ruin

© Arne Rautenberg, Kiel

Wolfgang Oppler nutzte die Gunst der Alphawellen im frühmorgendlichen Halbschlaf, um auf den gefahrlosen Vorzug von Gedichten hinzuweisen:

Gefahrengeneigtes Tun

Während ich diese Zeilen zu Papier bringe,
bin ich gefeit vor der nahezu allgegenwärtigen Gefahr,
bei Sport, Spiel, Hausarbeit, Treppensteigen, Straßenverkehr
Verrenkungen, Prellungen, Brüche und Faserrisse zu erleiden.

Bevor mich ein Krampf
in Daumen und Zeigefinger ereilt,
höre ich lieber auf.

© Wolfgang Oppler, Unterschleißheim

Die leichte Zugänglichkeit eines Gedichtes lobt Rudolf Kraus:

dieses gedicht
unterliegt nicht
der rezeptpflicht

denn es besticht
durch zuversicht

© Rudolf Kraus, Wien

Zur Wechselbeziehung zwischen Gedichten und körperlichem Empfinden schickte Gerhard Ruiss gleich mehrere unveröffentlichte Gedichte:

WEITERBRINGEN 1 – 3

steht

gibt und geht
geht und gibt
geht nicht jetzt
gibt mir nichts.

schrittfolge

zehe ferse
zehe ferse
zehe zehe
ferse ferse
bleibe stehe
mühe stärke
stärke mühe
stärke stärke
fehle gehe
gehe fehle.

marschzweifel

links vor
drei vier
links wo?
drei vier
links apropos
drei vier
links jetzt?
gehts rechts?
getreckt
ach so
gleich von sich
drei vier
beginnts.

freiwilliger selbstkontrollen-blues

freiwilliger selbstkontrollverlust
du weißt
was du tust
freiwilliger selbstvertrauenskontrollverlust
du weißt nicht
was du tust
mit zusatz
du weißt nicht
was du hast.

© Gerhard Ruiss, Wien

Zum Thema »Nährwert der Poesie« verdeutlicht Alfons Schweiggert seine Verse sogleich mit einer eigenen Zeichnung:

Es lebte ein Mädchen in Neersen*,
das ernährte sich nur noch von Versen.
Sie verschlang – so ’s Gerücht –
Gedicht um Gedicht.
Man zählte sie zu den Perversen.

*Neersen ist ein poetisches Dorf
am Mittleren Niederrhein.

Limerick und Zeichnung
»Neersener Mädchen beim Osterspaziergang«,
© Alfons Schweiggert, München

Und auch der vielgereiste Michael Augustin hatte beim Thema »Medizin in Gedichten« gleich wieder die Fortbewegung im Sinn:

Was der Medizinmann zur Poeterey sagt

1. Ein gutes Gedicht macht abbe Flügel wieder dran (auch abbe Flossen oder Beine).
Doch wie weit du damit kommst (zu Luft, zu Wasser und zu Lande): das musst du selber rausfinden.

2. Das eigentlich Interessante an einem Gedicht sind die Risiken und Nebenwirkungen.

3. Es ist zu viel Placebo auf dem Markt.

© Michael Augustin, Bremen

Dass selbst der Zustand des Todes Vorteile haben kann, zeigt uns Michael Augustin mit seinem Gedicht »Seebestattung«:

Und Martin Brinkmann kommentiert:

Poesie ist Selbstvergewisserung des Sprechenden. Ja, ich lebe noch. Ich habe gelebt. Und ich werde noch eine Weile weiter am Leben sein. Mein Kummer ist zwar groß. Aber indem ich ihn rhythmisch einwiege (auf allen Ebenen der Sprache), beschwichtige ich mich ein wenig. Das hält einen Moment vor. Bis zum nächsten Mal: hellwach oder todmüde, die Zweifel an der eigenen Existenz setzen erneut
ein …

© Martin Brinkmann, München

Auch Fritz Deppert sandte einen kurzen Text, vielleicht ein liberales Haiku, auf jeden Fall vermitteln der Wind und die vitalen Farben ein positives Gefühl von Optimismus:

Ein Text entsteht

Blätter auf meinem Schreibtisch;
Wind blies fensterein
Blattgelb und Blattrot.

© Fritz Deppert, Darmstadt

Das Glück im Unglück vermag Hans Eichhorn zu erkennen, somit ist auch sein Text bestens geeignet, das allgemeine Wohlbefinden, wie weit unten auch immer es sich befindet, anzuheben:

BRENNT DIR DER MASTDARM DEN WEG,
presst dir die Nierenkolik Sauerstoff ins Wort.
So nachhaltig faul auf der Liegestatt, dass dich
die Beschwerden zu einem reichen Mann machen.

© Hans Eichhorn, Attersee und Kirchdorf an der Krems (Österreich)

Ebenfalls extra für diesen Gipfelruf, trotz der enormen Hitze am 30. Juni 2012 in Wien, frisch gedichtet von Semier Insayif:

an
geheuert auf dieser erde
hab ich nie – und doch
spannt mein herz luft
wärts weiße segel auf
und hält sich selbst
grund los in den wind

© Semier Insayif, Wien

Schließlich wollte auch ich zu diesem wichtigen Thema noch einen ganz kleinen Beitrag leisten:

sonnen.los!

diesem sommer fehlt die sonne / farbenlos ist mein gesicht
auf den lidern liegen wolken / meinem garten fehlt das licht

plötzlich das bekannte klingen / der computer auf empfang
jemand schickte ein paar zeilen / ein gedicht und nicht mal lang

ah! nie ahnst du wers geschrieben / und es ist nicht mal für mich
doch gewob’nes von poeten / wärmt vorzüglich innerlich

© Franziska Röchter, Verl

In diesem Sinne wünschen dasgedichtblog et al. Felizitas Leitner alles erdenklich Gute zu ihrem Geburtstag und weiterhin viel Gesundheit und heilsame Poesie!

Ihr Ehemann Anton G. Leitner hat ihr jungvermählt bereits 1993 ein Gedicht gewidmet, das er ihr an dieser Stelle noch einmal widmet, zusammen mit der illustrierenden Collage von Elisabeth Süß-Schwend (München):

Kleine Welt Runde
mit F.

Alles, was ich brauche
Um mich: Du, will sagen
Bist der Halt, aber drehst dich
Mit mir im Kreis.
Wir beschreiben uns selbst
Im Drehen erst richtig:
Mann und Frau
Bis das Karussell still steht
Halten wir stand/p>

Freudenstadt, 1993

© 2006 lichtung verlag GmbH, Viechtach
(AGL.: »Im Glas tickt der Sand. Gedichte 1980 – 2005«)
Zum Videoclip »Kleine Weltrunde mit F.«

Illustration von Elisabeth Süß-Schwend zu »Kleine Welt Runde mit F.« von Anton G. Leitner

 
Dr. med. Felizitas Leitner
Die Venus streikt. Gesund durch die Kraft der Poesie

6., überarb. Aufl.
Daedalus Verlag, Münster 2009
152 Seiten
978-3-89126-149-1
Euro 16,80  [D]





Das »Internationale Gipfeltreffen der Poesie: 20 Jahre DAS GEDICHT« ist eine Veranstaltung von Anton G. Leitner Verlag | DAS GEDICHT in Zusammenarbeit mit dem Kulturreferat der Landeshauptstadt München und dem Literaturhaus München. Die Veranstaltung wird vom BR für sein Fernsehprogramm BR-alpha aufgezeichnet (geplante Erstsendung: Samstag, 12. Januar 2013, 22.30 Uhr, Reihe »Denkzeit«, BR-alpha). Hugendubel.de unterstützt das »Internationale Gipfeltreffen der Poesie: 20 Jahre DAS GEDICHT« als Förderpartner.


Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.