GIPFELRUF
Folge 30: Norbert Göttler

Norbert Göttler (*1959)

  • Lyriker aus Dachau
  • www.norbertgoettler.de

dasgedichtblog gratuliert Norbert Göttler, Teilnehmer beim »Internationalen Gipfeltreffen der Poesie« am 23.10.2012 in München, ganz herzlich zum Geburtstag. Franziska Röchter sprach mit ihm über Heimat, Geschichte und Lyrik.

»Gedichte sind für mich der persönlichste Ausdruck literarischen Schreibens.«
Norbert Göttler

dasgedichtblog: Herr Göttler, Ihr Buch »Leben mit dem Schatten« (Sankt Michaelsbund, 2011) ist sehr berührend. Ich erinnere mich an eine Klassenfahrt nach München in den 70er Jahren. Davon blieben mir besonders zwei Dinge im Gedächtnis: der Besuch in Dachau mit Besichtigung der Krematorien sowie die Verhaftung einer Mitschülerin am hellen Tag inmitten Münchens von der Polizei. Man hatte sie mit einer gesuchten Terroristin verwechselt. Wie sehr hat Sie ihre Kindheit und Jugend in Dachau geprägt, wie sehr prägt der Ort Sie heute noch?

Norbert Göttler: Ich bin 1959 in Dachau geboren und in unmittelbarer Nähe zum ehemaligen Konzentrationslager aufgewachsen. Grundstücke meiner Familie wurden 1933 für den Bau der SS-Schießplatzanlage nahezu enteignet. Ich selbst habe natürlich keine unmittelbare Erfahrung mit der Kriegs- und Nachkriegszeit, aber eine gute Erinnerung an die Stimmung der 60er und 70er Jahre. Als das ehemalige KZ zum Lager für Flüchtlinge, Heimatvertriebene und displaced persons umfunktioniert war. Als die Errichtung einer Gedenkstätte, später einer Jugendbegegnungsstätte in Dachau höchst umstritten waren. Auch durch meine Arbeit als Historiker, Filmemacher und Schriftsteller bin ich mit der Aufarbeitung der Geschichte Dachaus seit Jahrzehnten verbunden. Der Ort hat mich geprägt und prägt mich bis heute.

Schießplatz bei Dachau

Stille Brombeerranken wuchern,
bedecken blutige Erde.
Bunte Schmetterlinge und Vögel
über verfallenen Schützengräben.

Monolithisch drohend
das kalte Grau des Kugelfangs.
Von Salven gezeichnet
vor Jahr und Tag.

© Norbert Göttler, Dachau

dasgedichtblog: An der Hochschule für Philosophie in München (Studieren bei den Jesuiten) werden Sie geführt als »Göttler, Norbert, Dr. phil., Lehrbeauftragter für journalistische Praxis«. Was bringen Sie da den Studenten bei?

Norbert Göttler: Journalistisches, aber auch literarisch-kreatives Schreiben ist natürlich vor allem eine Frage des Talentes, aber auch eine Frage der handwerklichen Fähigkeiten – und die kann man lernen und lehren. Viele Studierende haben kaum mehr Erfahrung mit dem Schreiben, weil einführende Praktiken wie Brief- und Tagebuchkultur aussterben. SMS und Facebook bieten da wenig Alternativen. Also muss man erst die Berührungsängste vieler junger Menschen mit dem Verfassen längerer Texte überwinden. Das kann man mit spielerisch-kreativen Mitteln sehr gut erreichen. Konkretes Handwerkszeug und Tipps für den journalistischen Alltag kommen dann dazu.

dasgedichtblog: Seit 2012 sind Sie hauptamtlich Bezirksheimatpfleger für Oberbayern. Welche Aufgaben genau hat ein Bezirksheimatpfleger?

Norbert Göttler: Ein Heimatpfleger hat zu zeigen, dass alles, was wir tun und schaffen, auf kulturhistorischem Boden steht. Dass wir Glied einer Kette sind. Das bedeutet, dass wir versuchen, Kulturgüter – wie historische Gebäude, Kunst- und Handwerke, Dialekte, Bräuche, Trachten, Literaturen usw. – zu erforschen und der Nachwelt zu erhalten. Dass wir aber auch neue Wege der Vermittlung gehen und Ausdrucksformen der modernen Regionalkultur fördern wollen. Das kann durch die finanzielle Unterstützung bestehender Initiativen geschehen, aber auch durch eigene Ausstellungen, Publikationen und Veranstaltungen. Ich bin in dieser Funktion für den Regierungsbezirk Oberbayern zuständig und sitze mit meinen Mitarbeiterinnen im Maierhof des alten Klosters Benediktbeuern.

dasgedichtblog: Sie waren in der Vergangenheit auch sehr stark in ehrenamtlichen Bereichen tätig. So haben Sie u. a. 1980 die Gründung von amnesty international Dachau e.V. initiiert. Bis 2007 waren Sie zehn Jahre Mitglied bei Rotary International. Welche Projekte haben Sie da vorangetrieben?

Norbert Göttler: Heimatpflege, literarisch-publizistische Arbeit und Menschenrechte sind für mich keine Gegensätze, sondern verschiedene Facetten der Lebensbewältigung. Kaum eine Generation vor uns war so sehr gefordert, sich eine neue, tragfähige Philosophie unseres Zusammenlebens zu schaffen, seit die religiösen Begründungen weitgehend an Tragfähigkeit verloren haben. Indem ich über Fragen der Zukunft nachdenke, bin ich Teil dieses Prozesses. Das kann man allein für sich tun, oder im Verbund mit Gleichgesinnten. Ich versuche das z.B. auch als Mitglied des deutschen und des deutsch-schweizer PEN-Zentrums, wo man sich für verfolgte Schriftsteller und die Freiheit des Wortes einsetzt.

»Ich bin eher Universalist als Spezialist.«

dasgedichtblog: Auf Ihrer Homepage kann man 25 Gedichte von Ihnen lesen. Eines lautet:

Gedankenverloren

Endlose Alleen entlanggehen.
Herbstlaub aufwirbeln.
Und unseren Atem
in einer großen, weißen Wolke
vermischen.

© Norbert Göttler, Dachau

Für mich ist das Gedicht Ausdruck eines tiefen spirituellen Empfindens innerhalb der Natur. Vielleicht auch Ausdruck dessen, dass Grenzen – auch zwischen Menschen – nur künstlich geschaffen sind. Was ist Ihre persönliche Motivation, neben all Ihren Tätigkeiten noch Gedichte zu schreiben?

Norbert Göttler: Gedichte sind für mich der persönlichste Ausdruck literarischen Schreibens. Mit wenigen Worten die Wirklichkeit ›verdichten‹, die eigene Stimmung und die Zeitstimmung auf den Punkt bringen, das vermögen nur wenige literarische Gattungen. Allerdings erreicht man nur wenige Menschen damit, vor allem in Deutschland. Verleger, Buchhändler und Leser machen in der Regel einen großen Bogen um Gedichte.

dasgedichtblog: Was mich immer wieder fasziniert, ist die Vielseitigkeit der Münchner Turmschreiber. Sie haben ein Buch über die Räterepublik herausgebracht, historisch und kulturgeschichtlich orientierte Bücher über Dachau, ein Buch über Mutter Theresa, einen Vatikan-Krimi, 2009 ein Buch der Turmschreiber herausgegeben (»Das große bayerische Lesebuch: 50 Jahre Münchner Turmschreiber«, Verlag Sankt Michaelsbund 2009). Sie schreiben Lyrik. Sie filmen bzw. führen Regie, Sie moderieren, Sie dokumentieren… Wie schaffen Sie das alles und was dürfen wir als Nächstes erwarten?

Norbert Göttler: Ich bin eher Universalist als Spezialist. Mich interessiert vieles. Das hat den Vorteil, dass in meinem Leben wenig Langeweile und Enge aufkommen. Der Universalist muss allerdings aufpassen, dass er nicht zum Dilettanten seiner Steckenpferde wird. Diese Gefahr besteht immer. Was ist für die Zukunft geplant? In der Heimatpflege sind ein »Salon Oberbayern« und eine »Zukunftswerkstatt Heimat« im Entstehen, vielleicht auch ein dezentrales Dokumentarfilmfestival. Auf literarischem Gebiet wird nächstes Jahr ein Band mit phantastischen Kurzgeschichten von mir erscheinen, bibliophil gestaltet von Illustrator Klaus Eberlein. Solche Gemeinschaftsprojekte mit anderen Künstlern machen mir viel Spaß. Und wenn in einer ruhigen Stunde noch das eine oder andere Gedicht entstünde, wäre das auch kein Nachteil!

dasgedichtblog: Norbert Göttler, vielen Dank für das Gespräch!


Rezension: »Leben mit dem Schatten«

Norbert Göttlers jüngste Veröffentlichung »Leben mit dem Schatten« (Verlag Sankt Michaelsbund, München, 2011) erzählt in zwei Perspektiven von den Schrecken der Vergangenheit und ihren Auswirkungen auf die Gegenwart. Die eine Perspektive ist die eines Jungen in den Sechziger Jahren, der immer wieder mit Relikten aus der Zeit der Nazi-Verbrechen konfrontiert wird: Gebäude mit Einschusslöchern, ein stillgelegtes Eisenbahngleis mitten in der Stadt, ein künstlich geschaffener See am Stadtrand. Die andere Perspektive ist die des Erwachsenen, der sich an Episoden seiner Kindheit zu erinnern versucht und deren Zusammenhängen nachspürt.

Bemerkenswert ist dabei, dass auch die Bedeutung von Poesie in extremen Zeiten thematisiert wird. So erfährt der Leser, dass die Figur Nevio Vitelli in einem Dachauer Krankenhaus das einzige Gedicht seines Lebens schreibt. Vitelli überlebt das Kozentrationslager zwar schwerkrank, stirbt jedoch nach der Befreiung mit nur 20 Jahren als Folge seiner Krankheiten. Durch sein Gedicht bleibt seiner Mutter jedoch etwas von ihrem Sohn erhalten.

Spannend sind die historischen Zusammenhänge, die anhand von Einzelschicksalen besonders kritischer ehemals Internierter geschildert werden. Diese dokumentarisch-zeitgeschichtlichen Einblicke zeichnen die komplizierten Verstrickungen von Kirche, Politik und Widerstand nach und zeigen, welche katastrophalen Auswirkungen das Erlebte auch Jahrzehnte nach Kriegsende auf manche Betroffene hat.

Einprägsame Linolschnitte von Klaus Eberlein verleihen der beklemmenden Atmosphäre der Erzählung ein Gesicht. Im Epilog verdeutlicht Norbert Göttler die Bedeutung Dachaus als Teil eines kollektiven Gedächtnisses. Sein Appell gegen das Vergessen ist ebenso deutlich wie beeindruckend.

Im Nachwort erklärt Dr. Erich Jooß unter anderem, wie die gereimte ›Heldenlyrik‹ aus der NSDAP-Zeit zu einer Hinwendung zur reimlosen Dichtkunst der Nach-Auschwitz-Generation geführt hat.

Norbert Göttler
Leben mit dem Schatten

Verlag St. Michaelsbund, 2011
80 Seiten
978-3-939905-96-7
Euro 12,90  [D]





Das »Internationale Gipfeltreffen der Poesie: 20 Jahre DAS GEDICHT« ist eine Veranstaltung von Anton G. Leitner Verlag | DAS GEDICHT in Zusammenarbeit mit dem Kulturreferat der Landeshauptstadt München und dem Literaturhaus München. Die Veranstaltung wird vom BR für sein Fernsehprogramm BR-alpha aufgezeichnet (geplante Erstsendung: Samstag, 12. Januar 2013, 22.30 Uhr, Reihe »Denkzeit«, BR-alpha). Hugendubel.de unterstützt das »Internationale Gipfeltreffen der Poesie: 20 Jahre DAS GEDICHT« als Förderpartner.


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