GIPFELRUF
Folge 57: Mathias Jeschke

Mathias Jeschke (*1963)

  • Lyriker und Lektor aus Stuttgart
  • www.mathiasjeschke.de

In loser Folge stellt Franziska Röchter für dasgedichtblog die Teilnehmer des »Internationalen Gipfeltreffens der Poesie« am 23.10.2012 in München vor. Sie sprach mit Gipfelteilnehmer Mathias Jeschke über Seefahrt, Berufswünsche und die Achtung vor den Mitgeschöpfen.

Mathias Jeschke. Foto: Jannis Dornheim

»Wenn einer erst einmal seinen Meister gefunden hat im Leben, wird das Herz fester.«
Mathias Jeschke

dasgedichtblog: Herr Jeschke, Sie studierten Theologie an diversen Universitäten. Was war Ihr ursprünglicher Berufswunsch?

Mathias Jeschke: Als Kind wollte ich Matrose werden oder Kapitän, auf jeden Fall aber zur See fahren. Nach dem Abitur dann hätte ich eigentlich ganz gerne Germanistik studiert, konnte mir aber zu der Zeit keinen Beruf mit dieser Ausbildung denken, denn Lehrer wollte ich auf keinen Fall werden. Pastor zu werden konnte ich mir dagegen gut vorstellen – ich hatte ein Vorbild in meiner Heimatgemeinde. Also habe ich angefangen Theologie zu studieren. Dann aber habe ich bereits während des Studiums Lektoratsaufträge von Verlagen übernommen und eigene Texte publiziert. Und dabei ist es nach dem Diplom dann auch geblieben.

dasgedichtblog: Sie fuhren einmal fast ein ganzes Jahr zur See. Inwieweit prägte diese Erfahrung Ihre Einstellung zum Dasein und somit auch zum Schreiben?

Mathias Jeschke: Bei einem Ritt durch die Biskaya bei 12 Beaufort erlebte ich, wie sehr jauchzende Freude und bleiche Angst ineinander verschlungen sein können. Dieses Verschlungensein war gleichzeitig eine Erfahrung höchster Vitalität und tiefster Ohnmacht. Wenn einer erst einmal seinen Meister gefunden hat im Leben, wird das Herz fester.

»Kinder sind unsere Vergangenheit und unsere Zukunft.«

dasgedichtblog: Lieber Mathias Jeschke, Sie arbeiten als Lektor bei der Deutschen Bibelgesellschaft, wo Sie an einer modernen Bibelübersetzung mitwirken. Handelt es sich dabei um die sogenannte ›crossmediale‹ Basisbibel? Was unterscheidet diese von herkömmlichen Bibeln?

Mathias Jeschke: Ja, bei der BasisBibel habe ich einzelne Bücher des Neuen Testaments bearbeitet. Die BasisBibel ist auf einem einfacheren sprachlichen Niveau gehalten, das auch jungen Leuten und Menschen mit Migrationshintergrund ein gutes Verständnis ermöglicht. Sie versucht den Lesegewohnheiten der Netzgemeinde entgegenzukommen, indem der Satz in nach Sinnabschnitten gegliederte Zeilen gebrochen ist. Außerdem stellt sie dem gedruckten Buch die elektronische Nutzung gleichwertig zur Seite. Jede Buchseite ist mit ausführlichen Informationen im Internet verlinkt. Und die BasisBibel geht auch in der Buchgestaltung neue Wege, für die wir erfreuliche Auszeichnungen bekommen haben, so mehrere Awards des Art Directors Club (ADC), einen red dot design award und nicht zuletzt einen Goldenen Löwen auf dem Festival in Cannes. Einziger – vorläufiger – Nachteil, es gibt bisher nur das Neue Testament und die Psalmen.

dasgedichtblog: Des Weiteren betreuen Sie dort auch das Kinderprogramm und sind Autor von kindgerechten Bibelfassungen sowie von eigenen Bilderbuchgeschichten und einem Gedichtband für Kinder. Seit wann schreiben Sie für Kinder, und was ist das Besondere daran, für Kinder zu schreiben?

Mathias Jeschke: Kinder sind unsere Vergangenheit und unsere Zukunft. Zum einen stammen wir von ihnen ab, da wir alle mal Kinder waren und das Kind, das wir waren, immer noch in uns tragen. Zum anderen begegnen wir in ihnen der Gesellschaft der nächsten Jahrzehnte. Wenn wir unsere Kraft und Zeit in Kinder investieren, können wir die Zukunft so gestalten, wie wir sie für lebenswert halten. Ich selbst schreibe seit zehn Jahren für Kinder und genieße besonders die Veranstaltungen mit ihnen, denn sie sind ein dankbares Publikum, bei ihnen weiß man als Autor sofort, ob das, was man da verzapft hat, etwas taugt oder nicht.

dasgedichtblog: Ab Herbst werden Sie eine eigene Lyrikreihe edieren, die »LYRIKPAPYRI« (Edition Voss bei Horlemann). Auf was dürfen wir uns da freuen?

Mathias Jeschke: Wir starten die »LYRIKPAPYRI« – eine Buchreihe mit zeitgenössischen, deutschsprachigen Gedichten – in diesem Herbst mit den Autoren Gregor Däubler, Andreas Münzner und Arne Rautenberg und planen, in jedem Programm etwa drei neue Titel zu bringen. Neben vielen anderen, die sich inzwischen um die Lyrik verdient machen, wollen auch der Verleger Tim Voß und ich als Herausgeber ein Zeichen setzen für die Lebensnotwendigkeit und Lebendigkeit der Lyrik.

dasgedichtblog: Sie sind auch als Dozent für Kreatives Schreiben an der Kinder- und Jugendakademie Stuttgart tätig. An wen richten sich die Kurse dort?

Mathias Jeschke: Es handelt sich um eine Exzellenzinitiative, Kinder mit besonderen Interessen und speziellen Begabungen sollen gefördert werden. Das geht von den Naturwissenschaften über den Sport bis hin zu Sprachkursen. Unterrichtsbegleitend finden Semesterkurse statt. Mir macht es viel Spaß, mit den Kindern aus den Klassenstufen 3 und 4 zusammenzuarbeiten, sie haben wunderbare Ideen, sind ganz unverstellt und bringen viel Eigenes ein. Ich glaube, es ist für beide, für die Kinder und für mich, eine große Bereicherung.

dasgedichtblog: Ihre Frau ist ebenfalls Schriftstellerin. Man liest ja schon einmal von Paaren, die sich gegenseitig Konkurrenz machen, wenn die Berufe einander zu ähnlich sind, vor allem wenn es um Erfolg oder Verkaufszahlen angeht. Was muss man dafür tun, damit so eine Konstellation gutgeht?

Mathias Jeschke: Meine Frau schreibt Erzählungen und Romane, ich schreibe Gedichte und Bilderbuchgeschichten, wir haben das Feld also weitestgehend aufgeteilt. Wir tauschen uns aus, manchmal mehr über den Betrieb als über unsere eigenen Texte. Außerdem können wir uns annähernd neidlos über den Erfolg des anderen freuen und haben natürlich jeweils ein besonderes Verständnis für Enttäuschungen, die man als Autor unweigerlich erlebt. Regeln für ein Gelingen kann ich allerdings keine aufstellen.

»Klar ist, dass Heranbildung der Sprachfähigkeit einen elementaren Anteil an der Persönlichkeitsentwicklung hat.«

dasgedichtblog: Ihr 2010 erschienenes Kinderbuch »Der Wechstabenverbuchsler« (Boje Verlag) kommt aufgrund der vielen Wortverdrehungen und der liebevollen Illustrationen von Karsten Teich bei den meisten Kindern und auch Eltern gut an. Wie gehen Sie damit um, wenn ein Elternteil weniger begeistert reagiert, weil die Lektüre bzw. das Vorlesen als zu ›anstrengend‹ empfunden wird?

Mathias Jeschke: Bis auf eine marginale Äußerung in einem Kundenforum habe ich es noch nicht erlebt, dass jemand ungehalten reagiert. Ganz im Gegenteil, die Begeisterung bei Kindern und Erwachsenen ist groß und ich freue mich riesig, dass so viele die Herausforderung annehmen. Immerhin hat das Buch in den vergangenen zwei Jahren fünf Auflagen erlebt und ich konnte bei zahlreichen Veranstaltungen Hunderte von Kindern mit dem Wechstabenverbuchsler-Virus anstecken. Und ganz besonders freue ich mich darüber, dass im nächsten Jahr ein zweiter Band erscheinen wird. Das ist alles ist schlichtweg ein riesiger Spaß.

dasgedichtblog: Wie kommt es Ihrer Meinung nach, dass heutzutage immer mehr Kinder therapiert werden müssen, etwa in der Logotherapie? Wird zu wenig vorgelesen?

Mathias Jeschke: Ich bin zu wenig vom (pädagogischen, therapeutischen, statistischen) Fach, als dass ich das sachdienlich beantworten könnte. Meine persönliche Beobachtung ist, dass es erfreulich viele Eltern gibt, die sich sehr liebevoll und zugewandt um ihre Kinder kümmern. Ich begegne auch immer wieder Erzieherinnen, Lehrerinnen, Buchhändlerinnen und Bibliothekarinnen, die ein ernsthaftes Interesse an der Leseförderung haben. Aber als Autor treffe ich selbstverständlich gerade auf diesen Personenkreis und weiß dabei, dass es auch andere Verhältnisse gibt. Klar ist, dass Heranbildung der Sprachfähigkeit einen elementaren Anteil an der Persönlichkeitsentwicklung hat.

»Das Kind in mir freut sich, dass es das Einmaleins beherrscht.«

dasgedichtblog: Herr Jeschke, Ihr jüngster Lyrikband »Das Gebet der Ziege« (edition AZUR, 2010) fällt durch eine spezielle Formstrenge auf: 9 Gedichte / Strophen á 3 x 3 Zeilen. Die gleiche Formstrenge waltet auch in Ihrem Band »Der Graureiher« (Edition M25, 2006): 9 Strophen exakt á 12 Zeilen. Die Zahl 3 ist in der christlichen Symbolik ebenso bedeutungsgeladen wie die Zahl 9 und auch die Zahl 12. Wie entstehen bei Ihnen solche Zyklen? Ist das von vornherein stringent geplant?

Mathias Jeschke: Von vornherein geplant ist nichts. Der äußere Eindruck – Gesehenes, Gehörtes, Gelesenes, im weitesten Sinn sinnlich Wahrgenommenes – dringt in die Sinnesorgane ein, geht durch mein einigermaßen kompliziertes Innenleben hindurch und fließt in der Gestalt von Worten aus den Fingerspitzen wieder heraus. Diese Worte suchen sich dann selbst ihre Form, ich habe da kaum ein Mitspracherecht, gebe nur hier und da kleinere Anregungen. Das Kind in mir freut sich, dass es das Einmaleins beherrscht.

dasgedichtblog: Viele Texte in diesem Band wirken auf mich spirituell, handeln von Phänomenen der Natur. Sofort fielen mir diese Zeilen auf: »Immer dieses Gefühl, / ich müsse mich beim Fisch entschuldigen, / wenn ich ihn esse.« In diesen Zeilen spürt man so etwas wie ein Gewissen den Tieren gegenüber. Wäre es nicht logisch für sämtliche Christen oder auch Andersgläubige, den Fisch – und andere Tiere – gar nicht zu essen?

Mathias Jeschke: Natürlich steht es jedem frei, sich für oder gegen den Verzehr von getöteten Lebewesen zu entscheiden. Ich bin mir allerdings nicht sicher, was daran dann jeweils »logisch« wäre. Achtung und Achtsamkeit meiner Umwelt und der Schöpfung gegenüber halte ich für wesentlich notwendige Bestandteile unserer meist viel zu brutalen Existenz auf diesem Planeten. Ich stelle mal die vielleicht unbekömmlich wirkende Behauptung auf: Wer den Fisch als ein schönes und einem Wunder gleiches Geschöpf achtet, darf ihn auch jagen und essen – vielleicht in demselben Geist, in dem der Prophet Hesekiel in Kapitel 3, Vers 3 des gleichnamigen biblischen Buches die ihm aufgetischte Schriftrolle verzehrt, »und sie war in seinem Mund wie Honig«.

dasgedichtblog: Lieber Mathias Jeschke, vielen Dank für das Gespräch.

Mathias Jeschke
Das Gebet der Ziege. Gedichte

edition AZUR, Dresden, 2010
80 Seiten
ISBN 978-3-942375-00-9
Euro 14,90 [D]





Das »Internationale Gipfeltreffen der Poesie: 20 Jahre DAS GEDICHT« ist eine Veranstaltung von Anton G. Leitner Verlag | DAS GEDICHT in Zusammenarbeit mit dem Kulturreferat der Landeshauptstadt München und dem Literaturhaus München. Hugendubel.de unterstützt das »Internationale Gipfeltreffen der Poesie: 20 Jahre DAS GEDICHT« als Förderpartner. Die Veranstaltung wird vom BR für sein Fernsehprogramm BR-alpha aufgezeichnet (geplante Erstsendung: Samstag, 12. Januar 2013, 22.30 Uhr, Reihe »Denkzeit«, BR-alpha). Das Aus- und Fortbildungsradio München afk M94.5 und dasgedichtclip – lyrik tv sind weitere Medienpartner.


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