GIPFELRUF
Folge 58: Ulla Hahn

Ulla Hahn (*1946)

  • Schriftstellerin aus Hamburg

In loser Folge stellt Franziska Röchter für dasgedichtblog die Teilnehmer des »Internationalen Gipfeltreffens der Poesie« am 23.10.2012 in München vor. In dieser Folge stellt sie poetologische Werke der Gipfelteilnehmerin Ulla Hahn vor.

Der Grande Dame der deutschen Lyrik und Literatur mittels eines kurzen Features gerecht werden zu wollen, ist unmöglich. Allein ihr umfangreiches prosaisches Werk bedürfte intensiver eigener Betrachtung. Ihr autobiografischer Bildungsroman ›klassischen Zuschnitts‹, »Das verborgene Wort« (DVA, München, 2001; 2002 Deutscher Buchpreis für Belletristik in Leipzig), welcher die engen kleingeistigen Umstände beschreibt, in denen die Heldin Hilla Palm aufwächst, findet Fortsetzung in dem ebenfalls vielbeachteten Roman »Aufbruch« (DVA, München, 2009), welcher auch als anrührender Entwicklungsroman und »detailreiches Sittengemälde der Bundesrepublik Mitte der sechziger Jahre« (Klappentext) beschrieben wird. Wer also Näheres über Ulla Hahn als Person erfahren möchte, dem seien diese beiden Bücher ans Herz gelegt.

Für ihren ersten Gedichtband »Herz über Kopf« (DVA, München, 1981) wurde Ulla Hahn 1981 mit dem Leonce-und-Lena-Preis der Stadt Darmstadt ausgezeichnet. In der Begründung der Jury heißt es, dass Ulla Hahns Lyrik einen besonderen »Reichtum an Stimmungen und Empfindungen« aufweise.

Nach vielen weiteren erfolgreichen Lyrikbänden erschien 2011 bei der DVA ein Band, der es sich zur Aufgabe gemacht hatte, den Gedichten aus »Herz über Kopf« ein jeweils aktuelles Gedicht gegenüberzustellen. Ulla Hahn nannte ihn »WIƎDER WORTE«. Die Idee war, Ulla Hahns jungem poetischen Selbst mit »Variationen, Gegenreden und Fortführungen« quasi in einem lyrischen Selbstgespräch zu antworten. Dazu gibt es auch eine Hör-CD, die von der Autorin selbst gesprochen wurde.

Gedichteschreiben führt zum Selbst

Spezielles Augenmerk möchte ich aber auf zwei Werke aus der Feder Ulla Hahns richten, die jenseits ihrer eigenen Lyrik und autobiografischen Prosa angesiedelt sind. Das erste heißt »Dichter in der Welt – mein Schreiben und Lesen« und erschien 2006 in der Deutschen Verlags-Anstalt München. In diesem Band sind Essays, Reden und zum Teil unveröffentlichte Kritiken zwischen zwei Buchdeckeln vereint. Ich beschäftige mich näher mit zwei Vorträgen im Rahmen von Ulla Hahns Heidelberger Poetik-Dozentur im Jahr 1994. Der erste Vortrag trägt den Titel »Vergnügen und Verantwortung beim Schreiben von Gedichten«. Darin stellt Ulla Hahn die Frage nach dem Warum des Gedichte-Schreibens. Sie stellt fest, dass der Gedichteschreiber ein Bedürfnis haben und einen Sinn in seinem Tun sehen müsse, denn »wer mit sich und der Wirklichkeit, so wie sie ist, zufrieden ist«, der würde wohl vermutlich keine Gedichte schreiben. Ebenfalls betont Ulla Hahn die Ventilfunktion von Gedichten. Gleich eingangs spricht sie von der heilenden und therapeutischen Wirkung von Gedichten sowohl während der Lektüre als auch während des Schreibprozesses. Dieser Effekt sei zwar nicht der alleinige, aber auch nicht zu unterschätzen. Der Grund, sich dieses Vergnügen selbst zu bereiten, liegt nach Ulla Hahn im Willen des Menschen zur Transformation. Gedichteschreiben führe zum Selbst und sei das Gegenteil von entfremdeter Arbeit.

»Gedichte brauchen Zeit. Lebenszeit und Lebenserfahrung. Sie sind Kondensate gelebten Lebens«, heißt es weiter. Ulla Hahn führt das Aufgehen in und die Hingabe an die Sprache, die Liebe zu Wörtern an. Die Erforschung des Selbst, das Interesse an der eigenen Person, an der Welt, an anderen Menschen sei Voraussetzung für das Schreiben von Gedichten. Jedoch könnten erst dann gute Gedichte entstehen, wenn der Schreiber von sich selbst absehen könne, sich an die Sprache hingebe, sich in ihr verliere. Was Ulla Hahn hier beschreibt, ähnelt dem sogenannten »Flow«, der die Energien fließen lässt. Allerdings müsse zusätzlich eine Art »Überpersönlichkeit« des Gesagten entstehen, damit nicht nur der Dichter selbst von seinen Gedichten profitieren kann.

Im zweiten Teil ihrer ersten Vorlesung kommt Ulla Hahn auf den ewigen Diskurs über das Verhältnis von »Geplantem«, »Überlegtem« und der »Eingebung« beim Gedichteschreiben zu sprechen und betont die Wechselwirkung zwischen beiden Polen. Gutes Handwerk sei zudem eine »Selbstverständlichkeit«. Hierzu gehöre auch das Lesen, um zu schauen, wie es denn die anderen machen. Auch Übersetzen gehöre zu diesem Handwerk. Ulla Hahn betont die Beharrlichkeit und den Fleiß als Rüstzeug beim Schreiben und vergleicht die Beziehung zur Sprache mit der Beziehung zu einem Menschen. Man müsse sie umwerben und bereit sein, viel zu geben, dann würde man umso mehr zurückerhalten. Eine gewisse Ruhe sei unabdingbar, um sich in den Schreibprozess zu versenken. Introversion könnte man diesen Zustand nennen.

Das sinnliche Vergnügen mit Gedichten

Ulla Hahn beschreibt ihr eigenes »sinnliches Vergnügen« beim Umgang mit Sprache, Rhythmus und Metrik. Oft sei der Rhythmus noch vor dem Wort da. Sie bedauert, dass Gedichte allzu oft fürs Auge und für den Verstand geschrieben würden und somit die sinnliche Dimension verlorengehe. Denn im »Ton« eines Gedichtes sei bereits eine Aussage enthalten. Durch die »Einheit von Klang und Sinn« könne ein Gedicht nie wirklich international sein. Dabei sei bei einem gelungenen Gedicht die Frage, ob gereimt oder nicht, redundant. Anhand ihres ungefähr 1978 geschriebenen Gedichtes »Ars Poetica« erläutert Ulla Hahn das Stilmittel Ironie, welches nicht nur durch den Inhalt, sondern durch eine besondere Vortragsweise deutlich würde: eine falsche Vortragsweise könne somit die Aussage eines Gedichtes verfälschen.

Der »Spielraum der Poesie«, das Sujet, die Form müssen kontinuierlich erweitert werden, das Neue, noch nicht Tradition Gewordene, das zunächst »Unpoetische« könne die Poesie lebendig halten, so dass sie sich weiterentwickeln könne. Gegenstände und Wissen müssen derart in Sprache transformiert werden, dass eine »dem Autor zugehörige Anschauung«, eine neue Sichtweise, entstehe, welche erst das Gedicht möglich mache.

In ihrem zweiten Vortrag in »Dichter in der Welt« geht es Ulla Hahn um das »Vergnügen« und die »Verantwortung beim Lesen von Gedichten«. Sie betont die interpretatorische Vielseitigkeit von Gedichten, die Möglichkeit unterschiedlicher Sichtweisen je nach Leser sowie die große Wahrscheinlichkeit eines Restes von »Nichtverstehen-Können« trotz eines vorausgehenden Verstehen-Wollens. Nichts aus der Erfahrungswelt eines Menschen dürfe aus der Dichtung ausgeklammert werden, allerdings würden manche Themen eine schwierigere Akzeptanz beim Leser beinhalten. Das Gedicht müsse in der gegenwärtigen Realität verankert sein, damit es für den Leser eine Bedeutung haben könne. Es müsse gewisse Widerstände enthalten und dürfe nicht nur zum Abnicken verführen. Wem Vieldeutigkeit oder die von Hilde Domin beschriebene »unspezifische Genauigkeit«, die Bedeutung des »Nicht-Gesagten«, zu viel seien, der solle lieber keine Gedichte lesen.
Ulla Hahn sagt, sie schreibe nicht nur mit den »Ohren«, sondern sie lese auch mit den Ohren. Das impliziere natürlich lautes Lesen, sowohl beim Schreiben als auch beim Rezipieren. Ulla Hahn betont die Nähe der Lyrik zur Musik.

Eine Sonderform des Lesens von Lyrik sei die Lyrikkritik. Dem Lyrikkritiker würden oftmals zwei Dinge fehlen: die Liebe zur Literatur sowie Fairness. Der Kritiker solle sich mit seinem Urteil schon auf das ganze Gedicht stützen und nicht nur auf ein paar herausgenommene Zeilen. Des Weiteren solle der Leser beim Lesen von Lyrikkritik darauf achten, ob der Kritiker nur unter einer geltungssüchtigen »Formulierungssucht« leide oder ob er ein ernstes sachliches Interesse habe. Zumindest ein ganzes Gedicht solle zur »Beweisführung« mit abgedruckt werden. Ein Lyrikkritiker solle über eine nachweisbare Erfahrung im Umgang mit Gedichten verfügen.

»An-Eignen« = Learning by heart

Nun aber zu einem anderen Standardwerk von Ulla Hahn, welches bereits 1999 erstmalig in der Deutschen Verlags-Anstalt erschien: »Gedichte fürs Gedächtnis – Zum Inwendig-Lernen und Auswendig-Sagen«, ausgewählt und kommentiert von Ulla Hahn, mit einem Nachwort von Klaus von Dohnanyi. In dieser Anthologie geht es Ulla Hahn laut Vorwort um eine »An-Eignung« von Texten »im eigenen Gedächtnis«. Dies habe mit dem altmodischen Auswendiglernen aus der Schule wenig zu tun. Schon Golo Mann habe gesagt: »Ein nicht inwendig erlebtes Gedicht ist keines.« Das englische »learning by heart« oder das französische »apprendre par coeur« komme diesem »Inwendiglernen« näher als das deutsche »Auswendiglernen«.

Ulla Hahn verweist auf überlieferte ›technische‹ Praktiken, die das Inwendiglernen und Auswendigsagen erleichtern können, wie z. B. die Kombination von Bildern und Orten, die Methoden der Visualisierung. Hieraus ließe sich schlussfolgern, dass besonders bildreiche Gedichte leichter zu lernen seien. Aber auch über die Hörmuster und Klangstruktur bestehend aus Metrum, Rhythmus und Reim könne das Memorieren erfolgen. Schließlich sei das Lesen überhaupt erst im 18. Jahrhundert durch die Vormachtstellung des Optischen ›still‹ geworden.
»Wenn wir begreifen wollen, was ein Gedicht in seinem Kern ausmacht, müssen wir es wieder in den Mund nehmen«, schreibt Ulla Hahn im Vorwort zu »Gedichte fürs Gedächtnis«. Diese sinnliche Erfahrung des Gedichtes sei eine unabdingbare Ergänzung zur analytisch-intellektuellen Annäherung. Im Aussprechen würde sich das Gedicht zu einem Gegenstand materialisieren. Am wichtigsten zum Verständnis eines Gedichts sei die sensible Offenheit des Lesers und seine Bereitschaft, sich auf das Gedicht einzulassen. Ein wenig Zeit und Muße brauche es dafür schon.

In der Sammlung selbst finden wir dann Lieder von Walther von der Vogelweide über Heinrich Heine bis Brecht, Balladen von Goethe über Schiller bis Erich Kästner, wir finden Sonette von Rückert über Rilke bis Hofmannsthal, Gedanken-Gedichte von Lessing über Hölderlin und Sokrates bis Gottfried Benn, Meditationen von Mörike über Storm bis Nietzsche, Bachmann und Celan. Den Gedichten ihrer Anthologie gab Ulla Hahn außerdem Kommentare zur Entstehungsgeschichte bei.

Ulla Hahns Ehemann Klaus von Dohnanyi beschreibt im Nachwort, wem er seine große Liebe zur Lyrik verdanke: seiner Mutter, die Verse und Gedichte immer auswendig gekonnt habe. So wird noch einmal die enge Verwobenheit lyrischer Affinität mit der Muttersprache deutlich. Klaus von Dohnanyi war aber auch in seiner Kindheit umgeben von Malerei und Musik und betont den Zugang zu Gedichten über die Musik und Liedstrophen sowie die enge Verwandtschaft dieser drei Künste zueinander.

Gerade in unserem schnelllebigen Informationszeitalter könnte es – nicht nur für junge Leute – einen großen Gewinn darstellen, »Gedichte fürs Gedächtnis« zur Hand zu nehmen. Denn die Beschäftigung mit sauberer oder eindringlicher Metrik oder mit holperfreien Rhythmen könnte auch so manchem Song-Lyrics-Schreiber oder frischgebackenem Rap-Poeten nicht von Schaden sein.

Ulla Hahn
Wiederworte. Gedichte

DVA, München, 2011
192 Seiten
ISBN 978-3-421-04524-9
Euro 16,99 [D]





Das »Internationale Gipfeltreffen der Poesie: 20 Jahre DAS GEDICHT« ist eine Veranstaltung von Anton G. Leitner Verlag | DAS GEDICHT in Zusammenarbeit mit dem Kulturreferat der Landeshauptstadt München und dem Literaturhaus München. Hugendubel.de unterstützt das »Internationale Gipfeltreffen der Poesie: 20 Jahre DAS GEDICHT« als Förderpartner. Die Veranstaltung wird vom BR für sein Fernsehprogramm BR-alpha aufgezeichnet (geplante Erstsendung: Samstag, 12. Januar 2013, 22.30 Uhr, Reihe »Denkzeit«, BR-alpha). Das Aus- und Fortbildungsradio München afk M94.5 und dasgedichtclip – lyrik tv sind weitere Medienpartner.


2 Kommentare

  • Dank für diesen ausgewogenen und kritischen Beitrag. Mit Blick auf den immer unübersichtlicher werdenden Kanon würde ich hinzufügen wollen: Ulla Hahns „Herz über Kopf“ ist auch heute noch eine bemerkenswerte Veröffentlichung aus den depolitisierten 80er Jahren und in diesem Sinne repräsentativ für die zaghafte ’neue Sinnlichkeit‘, die Einzug hält in den kulturellen Diskursen jener Zeit. Dazu passte damals – wenigstens in meiner Sicht der Dinge – die sich erneuerende Sprache der jungen deutschen Musik, z.B. der Band ‚Fehlfarben‘: „Es liegt ein Grauschleier über der Stadt / den meine Mutter noch nicht weggewaschen hat…“

    • Heidrun Schaller

      Seit 40 Jahren versuche ich mit der Leitung Kreativer Schreibwerkstätten an Volkshochschulen das nichtveröffntlichte, unbekannte Lyrikvolk zu Originalität, Kreativität und Metapher zu ver-leiten, was mir auch immer wieder gelingt – doch wünschte ich mir, daß die Lyrik jenseits von “ Erlebtem“ in über personaler Form auch in Zeitungen – normalen Alltagsblättern und anderen Medien wieder ein bißchen Fuß fassen würde, einen Raum in den Herzen von Lesern finden könnte.

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