GIPFELRUF
Folge 59: Matthias Politycki

Matthias Politycki (*1955)

  • Lyriker und Schriftsteller aus Hamburg
  • www.matthias-
    politycki.de

In loser Folge stellt Franziska Röchter für dasgedichtblog die Teilnehmer des »Internationalen Gipfeltreffens der Poesie« am 23.10.2012 in München vor. Zum Erscheinen von DAS GEDICHT Bd. 20 porträtiert sie in dieser Folge Gipfelteilnehmer Matthias Politycki, Mitherausgeber der Jubiläumsausgabe.

Matthias Politycki. Foto: Franziska Röchter

Matthias Politycki ist einer der Weltreisenden unter den deutschen Schriftstellern. Nach einigen Semestern Lehrtätigkeit als Akademischer Rat am Münchner Institut für Deutsche Philologie wandte er sich 1990 ganz der freien Schriftstellerei zu. Matthias Politycki ist Mitglied des P.E.N.-Zentrums Deutschland. Er lebt in Hamburg und München.

Matthias Politycki hat viele Romane, Erzählungen, Gedichte, Essays sowie Hörbücher publiziert und durfte für seine Bücher diverse Male Fernreisen unternehmen, um entweder zu recherchieren (für »Herr der Hörner«, Hoffmann und Campe, 2005, in Kuba) oder um für »In 180 Tagen um die Welt: Das Logbuch des Herrn Johann Gottlieb Fichtl« (mare, 2008) während einer halbjährigen Weltreise als non-writer-in-residence an Bord des Kreuzfahrtschiffes Europa zu schreiben. Bekannt wurde er vor allem durch seinen »Weiberroman« (Luchterhand, 1997) und eben erwähnte Kreuzfahrtsatire. Seine »Jenseitsnovelle« (Goldmann, 2011) wurde ins Englische und Französische übersetzt.

Zuletzt kuratierte Matthias Politycki das Münchner Literaturfest 2011.

Matthias Politycki ist ein Verfechter der ›neuen Lesbarkeit‹ in der deutschen Literatur und schreibt Gedichte, die der Reallyrik zuzuordnen sind. Außerdem postuliert er: »Literatur muss sein wie Rockmusik.« Lyrik, so sagt er, sei die schnellstmögliche Kommunikation zwischen Menschen.

›Relevanter Realismus‹

2005 verfasste Matthias Politycki zusammen mit drei Schriftstellerkollegen anlässlich der Elmauer »Ohne Titel«-Treffen ein gemeinsames Positionspapier zum Thema ›Relevanter Realismus‹ in der Gegenwartsliteratur. In diesem Papier wurde ein »Mangel an Weltanschauung« festgestellt, für die es eine angemessene Sprache zu finden gelte. Matthias Politycki fühlt sich einem realistischen Erzählkonzept verpflichtet, einer sparsamen Dosierung literarischer Mittel, und hält eine oftmals selbstreferentielle 1:1-Wirklichkeitsabbildung mit unbefriedigenden gestalterischen Handgriffen für irrelevant. Auch eine umfassende Kenntnis grammatikalischer Strukturen, die nicht zwingend in Manierismus ausarten müsse, sowie umfassende orthographische Kenntnisse werden in diesem von Politycki postulierten Wertekonservatismus neu eingefordert (nachzulesen in: Matthias Politycki‚ »Vom Verschwinden der Dinge in der Zukunft. Bestimmte Artikel 2006 – 1998«, Hoffmann und Campe, 2007).

Global Gourmet

Es fällt auf, dass viele Gedichtbände von Matthias Politycki schon im Titel etwas mit kulinarischen Genüssen zu tun haben. Sei es »Ratschlag zum Verzehr der Seidenraupe. 66 Gedichte« (Hoffmann und Campe, Hamburg 2003), »Die zwei Arten, den Caipirinha zu bestellen. Ein Gedicht« (limitierter Sonderdruck; Verlag Ulrich Keicher, Warmbronn 2000), »Jenseits von Wurst und Käse. 44 Gedichte« (Luchterhand Literaturverlag, Hamburg 1995) oder »Die Wahrheit über Kaffeetrinker. Ein Gedicht« (limitierter Sonderdruck; Verlag Ulrich Keicher, Warmbronn 1993).

2009 war Matthias Politycki Writer in Residence am Queen Mary College der Universität London. In dieser Zeit wurde er zu zwei neuen Veröffentlichungen inspiriert: Die Herausgeberschaft einer spannenden Exkursion in und um London mit dem Titel »London, Signale aus der Weltmaschine« (Corso, Hamburg 2011), sowie »London für Helden – The Ale Trail« (Hoffmann und Campe, Hamburg 2011).

A Pint of Lager, please!

Zwar kann ich ein Lager von einem Stout unterscheiden, aber in der profunden Materie der soziokulturellen Bierwirtschaft fühle ich mich dennoch als Laie. Deshalb reichte ich Matthias Polityckis »Expedition ins Bierreich« zur Überprüfung des bierrelevanten Gehaltes an einen 21-jährigen anglophilen Bierliebhaber und äußerst London-affinen jungen Menschen weiter, der sich sehr gut vorstellen kann, diesen »Ale Trail« irgendwann einmal vor Ort zu verifizieren.

The One, Only and Ultimate Beer Quest

von Philipp Röchter (*1991)

Auf der Suche nach der ganz großen Erleuchtung über die von manchem Bierliebhaber skeptisch beäugte englische Braukunst begibt sich Matthias Politycki auf eine schwankende Gratwanderung durch Londons Pub-Höllen, um am Ende wieder vor dem unlösbaren Mythos zu stehen: Warum muss englisches Bier so schmecken, wie es schmeckt?!

In »London für Helden: The Ale Trail« nimmt Politycki den Leser mit auf eine promillegeschwängerte Odyssee quer durch Londons Kneipen und Bars, um dem Rätsel nach dem eigenwilligen englischen Bier auf den Grund zu gehen. Das Besondere dabei: Politycki schreibt nicht nur unterhaltsam und humorvoll, sondern zugleich poetisch. So ist das Buch als ein langes Gedicht in Versform gestaltet und erinnert an eine romantische Hommage an diese faszinierende Metropole, die einem scheinbar alle Möglichkeiten der Welt bietet, in der man aber auch jeden Moment unterzugehen droht.

Dabei kommen sowohl Bier-Fans als auch London-Liebhaber voll auf ihre Kosten, schließlich werden zahlreiche Biersorten und Orte beim Namen genannt. »London für Helden« kann somit auch als Anleitung bzw. ›Reiseführer‹ für den ultimativen Pub-Crawl, für den Abend der Abende verstanden werden, zumal Politycki gleich eine anschauliche Karte von London mit genauen Adress- und Standortbeschreibungen aller besuchten Kneipen mitliefert. Es geht von »London Pride« (welches nach einer Mischung aus »verranztem Murmeltier, räudigem Kater und Ziegenbock« schmeckt) über »Abbot Ale« (welches mit dem Slogan: »When you’re ready you’ll find it!« wirbt) zum »Dog’s Bollocks« und »Premium Spitfire Kentish Ale« (das berüchtigte »Bottle of Britain«-Bier mit dem Spruch: »No Fokker comes close! Downed all over Kent, just like the Luftwaffe!«). Heruntergekippt werden diese Exoten in nicht weniger außergewöhnlich klingenden »Schuppen« wie dem »Perseverance« (englisch für Durchhaltevermögen) oder dem »Dirty Dicks«.

»Dabei waren wir auf der Suche
nach dem einen, dem erlösenden Schluck.
Nach der einen, der erlösenden Erkenntnis.«

Zum Schluss bekommt der Leser noch einen knackigen Einblick in Polityckis Reflektion über seinen Selbstversuch auf der Suche nach dem großen Aha-Erlebnis mittels englischen Biers, wobei auch geschichtliche Fakten über die Herstellung des Ale nicht ausbleiben und der Autor uns einige interessante Gedanken über London mitteilt. Fazit: »London für Helden: The Ale Trail« ist eine profunde und gleichzeitig amüsante Geschichte über das englische Brauwesen, in der Matthias Politycki aufdeckt, dass auch eine gigantische Weltstadt hinter ihrer Fassade etwas von tiefster Provinz hat. Empfehlenswert nicht nur für Biertrinker und solche, die es werden möchten, sondern für jeden, der witzige und geistreiche Lyrik sucht oder an einer etwas anderen Betrachtungsperspektive auf London fernab der standardmäßigen Anpreisung bekannter Museen und Touristenattraktionen interessiert ist.

 

 

Matthias Politycki
London für Helden. The Ale Trail

Hoffmann und Campe, Hamburg, 2011
96 Seiten
ISBN 978-3-455-40323-7
Euro 18,00





Das »Internationale Gipfeltreffen der Poesie: 20 Jahre DAS GEDICHT« ist eine Veranstaltung von Anton G. Leitner Verlag | DAS GEDICHT in Zusammenarbeit mit dem Kulturreferat der Landeshauptstadt München und dem Literaturhaus München. Hugendubel.de unterstützt das »Internationale Gipfeltreffen der Poesie: 20 Jahre DAS GEDICHT« als Förderpartner. Die Veranstaltung wird vom BR für sein Fernsehprogramm BR-alpha aufgezeichnet (geplante Erstsendung: Samstag, 12. Januar 2013, 22.30 Uhr, Reihe »Denkzeit«, BR-alpha). Das Aus- und Fortbildungsradio München afk M94.5 und dasgedichtclip – lyrik tv sind weitere Medienpartner.


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