GIPFELRUF
Folge 63: Robert Schindel

Robert Schindel (*1944)

  • Lyriker aus Wien
  • www.schindel.at

In loser Folge stellt Franziska Röchter für dasgedichtblog die Teilnehmer des »Internationalen Gipfeltreffens der Poesie« am 23.10.2012 in München vor. Sie sprach mit Gipfelteilnehmer Robert Schindel über Authentizität und Mut zum Schreiben.

Robert Schindel. Foto: privat

»Es kann nie genug Engagement geben.«
Robert Schindel

dasgedichtblog: Robert Schindel, Sie wurden 1944 in Bad Hall als Kind jüdischer Kommunisten geboren, die aus Frankreich zurückkamen, um Widerstand zu leisten. Sie überlebten als Säugling unter falschem Namen die Deportation, weil die jüdische Fürsorgerin Franzi Löw und die jüdische Kinderschwester Mignon Langnas Sie versteckten. Ihr Vater wurde 1945 im KZ Dachau ermordet, Ihre Mutter überlebte die KZs Auschwitz und Ravensbrück und kehrte 1945 nach Wien zurück, wo sie ihren Sohn wiederfand. Können Sie Ihr Verhältnis zu Wien beschreiben?

Robert Schindel: Früher war es eine Hassliebe, inzwischen habe ich ein freundschaftliches Verhältnis zu Wien, es ist eine sehr lebenswerte Stadt. Ich verdanke ihr literarisch sehr viel.

dasgedichtblog: Eine zentrale Rolle in Ihren Werken spielt die Shoah und Ihr ambivalentes Verhältnis zu Wien, der »Vergessenshauptstadt«. Sie schreiben an gegen das Vergessen, plädieren für eine wiederholte Auseinandersetzung mit Ereignissen aus der Geschichte, selbst in dritter und vierter Generation. »Wer sich mit der Vergangenheit nicht auseinandersetzt, droht sie zu wiederholen.« Glauben Sie, dass sich Schulen diesbezüglich ausreichend engagieren?

Robert Schindel: Was ist schon ausreichend? Aber es geschieht recht viel, manchen Schülern ist‘s zu viel.

dasgedichtblog: Sie sollen sich in jüngeren Jahren einer Psychoanalyse unterzogen haben. Davon kursiert auch ein Foto. Hat es Ihnen etwas gebracht, sich auf die Couch zu begeben?

Robert Schindel: Es war die Rettung meines psychischen Lebens, glaube ich. Das Foto hat damit nichts zu tun. Das wurde Jahre später in London auf der Originalcouch des Professors aufgenommen. Ein Jux.

»Ich schreibe, um mir etwas klarzumachen.«

dasgedichtblog: Herr Schindel, In einem Interview nennen Sie die Literatur im Allgemeinen machtlos. Sie konstatieren, dass das literarische Schreiben nicht unmittelbar etwas bewirke. Ist der Literat ein Sisyphos?

Robert Schindel: Ich schreibe nicht vordergründig, um etwas zu bewirken. Ich schreibe, um mir etwas klarzumachen. Wenn andere partizipieren, freut‘s mich.

dasgedichtblog: Mitte dieses Jahres haben Sie sich als Professor und Vorstand vom Institut für Sprachkunst der Universität für angewandte Kunst Wien zurückgezogen, an dessen Aufbau Sie federführend beteiligt waren. Wie haben Sie sich während der Abschiedsveranstaltung gefühlt?

Robert Schindel: Das Institut steht, darüber freue ich mich, meine Nachfolger werden es gut weitermachen, ich bin wieder Nurschriftsteller. Das ist fein.

dasgedichtblog: Wie gestaltet sich das Aufnahmeprocedere an der Angewandten, an der die ›technische Grundlagen des literarischen Schreibens‹ gelehrt werden?

Robert Schindel: Das wäre einen eigenen Aufsatz wert. Aufnahmsprüfung. Aus den eingereichten Texten werden an die fünfzig zur schriftlichen Klausur eingeladen. Darin wird unter anderem eine kleine Erzählung verlangt, eine Bildbeschreibung und ähnliches. Hernach, einige Tage später, gibt es mit allen ein circa 30-minütiges Einzelgespräch. Dann sucht die Prüfungskommission circa 15 Leute aus.

»Es kann nie genug Engagement geben.«

dasgedichtblog: Sie sind auch Mitglied der seit 1949 bestehenden Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung (DASD), die sich unter anderem der Aufgabe verschrieben hat, den öffentlichen Sprachgebrauch zu begleiten und zu kommentieren. Welche Worte würden Sie nach Möglichkeit am liebsten komplett aus dem Sprachgebrauch streichen?

Robert Schindel: Ich bin kein Zensor. Verwendet werden muss, was nötig erscheint.

dasgedichtblog: Herr Schindel, gleich auf der Startseite Ihrer Homepage bekommt man einen Eindruck Ihres sozialen Engagements: Sie werben für »Ärzte ohne Grenzen«. Fehlt es an derartigem Engagement seitens der Künstler?

Robert Schindel: Es kann nie genug Engagement geben.

»Gute Literatur ist immer authentisch.«

dasgedichtblog: In Ihrem Essay »Über die Figur« (in: »Man ist viel zu früh jung«, Jüdischer Verlag im Suhrkamp Verlag, Berlin, 2011) schreiben Sie: »Ich tendiere dazu, ohne dass es sich um ein Gesetz handelt, anzunehmen, dass bei den authentischen Künstlern das Thema den Künstler aussucht.« Wie viel Authentizität gibt es in der Literatur? Kann ein Künstler ›unter Vertrag‹ noch authentisch sein?

Robert Schindel: Dafür gibt es keine Regeln. Manche brauchen Verträge, Termine, andre blockiert das. Gute Literatur ist immer authentisch.

»Zum Schreiben gehört allerdings Mut.«

dasgedichtblog: Ihre Poesie wird als eine »Sprache der Liebe, des Begehrens und der Aufmüpfigkeit« bezeichnet. Im Nachwort Ihrer Gedichtsammlung »Fremd bei mir selbst. Die Gedichte (1965 – 2003)« (Suhrkamp, 2004) bezeichnet Marcel Reich-Ranicki Ihre Gedichte als widerborstig. Durch Ihre in sich gegensätzliche Diktion würden Sie den Leser vor den Kopf stoßen. Sie selbst sagen, Sie seien aus purer Feigheit Schriftsteller geworden. Muss man nicht besonders mutig sein, um Schriftsteller sein zu wollen?

Robert Schindel: Da das ein Prozess war, Schriftsteller zu werden und zu sein und ausschließlich zu sein, war es bei mir nicht mit Mut verbunden. Es ist ein Ritt über den Bodensee. Zum Schreiben gehört allerdings Mut. Courage ist so wichtig wie Talent, glaube ich.

dasgedichtblog: Lieber Robert Schindel, ganz herzlichen Dank für dieses Gespräch.
 

Für dasgedichtblog hat Robert Schindel exklusiv einige Audio-Aufnahmen seiner Gedichte erstellt:

Audiodatei: Robert Schindel liest »Beim Besilben«

Audiodatei: Robert Schindel liest »Dem Herzschatten nahe«

Audiodatei: Robert Schindel liest »Lemberg«

Audiodatei: Robert Schindel liest »Scharlachnatter«

Audiodatei: Robert Schindel liest »Serpentin«

 

Robert Schindel
Mein mausklickendes Saeculum. Gedichte

Suhrkamp, Frankfurt a. M., 2008
103 Seiten
ISBN 978-3-518-42024-9
Euro 17,80 [D]





Das »Internationale Gipfeltreffen der Poesie: 20 Jahre DAS GEDICHT« ist eine Veranstaltung von Anton G. Leitner Verlag | DAS GEDICHT in Zusammenarbeit mit dem Kulturreferat der Landeshauptstadt München und dem Literaturhaus München. Hugendubel.de unterstützt das »Internationale Gipfeltreffen der Poesie: 20 Jahre DAS GEDICHT« als Förderpartner. Die Veranstaltung wird vom BR für sein Fernsehprogramm BR-alpha aufgezeichnet (geplante Erstsendung: Samstag, 12. Januar 2013, 22.30 Uhr, Reihe »Denkzeit«, BR-alpha). Das Aus- und Fortbildungsradio München afk M94.5 und dasgedichtclip – lyrik tv sind weitere Medienpartner.


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