GIPFELRUF
Folge 64: Franz Xaver Kroetz

Franz Xaver Kroetz (*1946)

  • Lyriker aus München und Teneriffa
  • www.kroetz-dramatik.de

In loser Folge stellt Franziska Röchter für dasgedichtblog die Teilnehmer des »Internationalen Gipfeltreffens der Poesie« am 23.10.2012 in München vor. Sie sprach mit Gipfelteilnehmer Franz Xaver Kroetz über das Drama des Dramatikers und den Traum vom makellosen Gedicht.

Franz Xaver Kroetz. Foto: privat

»Der Widerspruch zwischen Aufwand, Anspruch und Ergebnis ist einfach schrecklich.«
Franz Xaver Kroetz

dasgedichtblog: Herr Kroetz, Sie gehören zu den Autoren, die das politische Volkstheater mitbegründeten. In den 70er und 80er Jahren gehörten Sie nach Brecht zu den meistgespielten und gefragtesten deutschsprachigen Dramatikern. Was fehlt dem deutschen Theater heute, falls ihm etwas fehlt?

Franz Xaver Kroetz: Die Frage sollte man jemandem stellen, der sich mit dem aktuellen deutschen Theater besser auskennt als ich. Ich hatte zuletzt am 17. Januar 2007 Premiere an einem deutschen Theater (»Der Gwissenswurm« von Ludwig Anzengruber, Residenztheater München). Seitdem hat sich viel verändert, viele ›Alte‹ (z. B. Dieter Dorn) sind gegangen und viele ›Junge‹ – zu viele? – sind gekommen. Ich bin in den letzten Jahren kaum noch im Theater gewesen und weiß deshalb nicht, was fehlt, falls was fehlt.

dasgedichtblog: Vor über zehn Jahren haben Sie gesagt, dass Selbstmord die normale Berufskrankheit eines Schriftstellers sei. Ist der Beruf des Autors oder Schriftstellers etwas für Masochisten?

Franz Xaver Kroetz: Na ja, man kann schon schwarz sehen… Selbstmord begingen Hemingway und Sarah Kane, Ernst Toller und Heinrich von Kleist, Gisela Elsner und Brigitte Schwaiger, Kurt Tucholsky und Ferdinand Raimund und und und… Nun mag jede Verzweiflung anders liegen, aber sicher ist der Widerspruch zwischen Aufwand, Anspruch und Ergebnis einfach schrecklich. Wir schreiben in dem Bewusstsein, mit einem guten Gedicht die Welt zu verändern, wenigstens zu berühren, und dann finden wir nicht mal einen Verleger, und wenn wir einen finden, keine Leser.

Mit Masochismus hats gar nichts zu tun, der Masochist hat ja Vergnügen dran, dass man ihn quält. Der Dichter hat kein Vergnügen an seiner Qual. Ich notierte am 13. 4. 1995: »Es kotzt mich alles an. Ich könnt das Leben speihen.« Und am 11. 4. 2000: »Schreiben ist Selbstvernichtung + nicht mehr Selbstverwirklichung.« Von diesem Zeitpunkt an wurde es immer schrecklicher und ich musste aufhören mit dem sinnlosen Stückeschreiben. Der Entschluss, 2004 keine Theaterstücke mehr zu schreiben, war richtig. Es hätte mich in die Nervenklinik oder die Trinkerheilanstalt gebracht. Ich schaute oft zu meinem Schreibtisch und dachte: Hier finden die letzten Zuckungen eines Irrsinnigen ihren Niederschlag. Allerdings wurde alles auch deshalb so schlimm, weil es mit meiner Karriere als Dramatiker unaufhaltsam zu Ende ging.

»Müsste man sein Leben nicht grundsätzlich von dem Ende her sehen?«

dasgedichtblog: Beschäftigt man sich ab einem bestimmten Alter über Gebühr oft mit der vergänglichen Natur des Lebens?

Franz Xaver Kroetz: Mit dem Stück »Ende der Paarung« hab ich mich erstmals, glaub ich, dezidiert mit dem politischen und privaten Verfall beschäftigt. Uraufführung war am 5. Februar 2000 am Berliner Ensemble, Regie führte Claus Peymann. Da wollte ich ergründen, was ist, wenn alle gesellschaftlichen Erwartungen zugrunde gegangen, alle politischen Utopien zerfallen sind. Und was ist, wenn dazu noch der private, ja intime Verfall kommt? Kelly, Bastian. Hält man das aus oder bringt man sich um?

Kann man sich überhaupt »über Gebühr« mit seinem Ende beschäftigen? Müsste man sein Leben nicht grundsätzlich von dem Ende her sehen, verstehen, leben? »Was auch Ihr Kulturniveau sein mag, wenn Sie nicht tiefschürfend über den Tod nachdenken, sind Sie nur ein armer Schlucker. Ein großer Gelehrter – der nur das ist – ist einem Analphabeten weit unterlegen, dem die letzten Fragen keine Ruhe lassen.«, schrieb bereits Emil M. Cioran. Ich glaub, der Tod ist immer modern.

dasgedichtblog: Herr Kroetz, in einem Interview zu Ihrem Schauspielerfolg in »Der Brandner Kaspar« an der Seite von Michael Bully Herbig, für den Sie den Bayerischen Filmpreis 2008 erhielten, stellten Sie fest: »Ich hab mit den Bayern ein inniges Liebe-Hass-Verhältnis. Ich mag sie, aber ich versteh sie nicht. Ich möchte kein normaler Bayer sein.« Was würden Sie gerne am Freistaat ändern, wenn Sie könnten?

Franz Xaver Kroetz: Ein unnormaler, aber echter Bayer war Oskar Maria Graf. Auch
Karl Valentin. Auch Bert Brecht. Ändern: Bayern braucht wieder einen König. Nach allem, was Bayern seinen Dichtern angetan hat, wär ein Dichterfürst an der Reihe: König Franz Xaver I.

dasgedichtblog: Vor Jahren berichteten Sie in der Presse über eine etwaige Schreibblockade, thematisierten das auch in Geschichten und Gedichten. Ist es vielleicht so, dass man automatisch irgendwann ruhiger wird, wenn man wie Sie alles Wesentliche bereits in unzähligen Theaterstücken ›dramatisiert‹ hat?

Franz Xaver Kroetz: Ich hätt noch Stücke schreiben können, vermutlich. Aber meine zuletzt geschriebenen Stücke wollte ja schon keine Sau mehr aufführen. Warum also noch mehr schreiben, wenn es sowieso furchtbar schwer fällt und der Markt nichts mehr will? Da hab ich dann wieder mehr als Schauspieler gearbeitet, das wird besser bezahlt und ist auch leichter.

»Das Gedicht muss eine Story erzählen, wie der Film.«

dasgedichtblog: Ist die Poesie das probate Mittel, um nun in einer Sinn‐ oder Schaffenskrise das Leben eher kontemplativ und vielleicht auch interpretierend oder resümierend zu vertexten?

Franz Xaver Kroetz: Das Gedicht muss eine Story erzählen, wie der Film. Es gibt grad ums Gedicht herum einen Haufen Buchstabenfurzer, die damit auffallen, dass sie nichts zu erzählen haben, das aber besonders ausgetüftelt tun. Meine Gedichte sind eruptive Tiefschläge, Onanie vom Feinsten, Geschwüre aus dem Leierkasten und manchmal einfach Scheiße.

dasgedichtblog: Herr Kroetz, Sie erwähnten, dass sie derzeit auf Teneriffa Ihren nächsten Gedichtband zu Ende bringen. Haben Sie schon einen Titel, und was erwartet den Leser?

Franz Xaver Kroetz: »Verwesung schwelgt im Honeymoon. 89 Totenköpfchengedichte«
– diese magische Zahl 89…

Den Leser – hoffentlich gibts welche – erwartet das, was der Titel sagt: der persönlichen Weltuntergang, der Tod. Es geht um meine letzten Jahre. Um das Massaker Altern. Keinen mehr hoch kriegen. Zähne ausfallen. Pinkeln ohne dass was rauskommt. Seniorenwindel und Antifaltencreme. Implantat und Kukident. Magengeschwür und Cortison. Herzkranzgefäße und Kernspin. Zucker im Blut und Blut im Mund. Verlust und Flächenbrand. Hass auf die Jugend. Hass auf die Alten.

dasgedichtblog: Herr Kroetz, zu den Zeiten, als Sie hauptsächlich als Dramatiker tätig waren, haben Sie wie ein Besessener geschrieben. Sah Ihr Schreibprozess bei Ihren 2006 erschienenen sehr erfolgreichen ›ungewaschenen‹, deftigen Kurzgeschichten »Blut und Bier« (Rotbuch 2006) anders aus?

Franz Xaver Kroetz: »Blut und Bier« hab ich 10 Jahre vor dem Erscheinen des Buches geschrieben. Es wollte niemand verlegen. Es entstand in einer frechen Zeit; da hab ich mir mal eine Zeitlang gesagt: du schreibst jeden Tag eine Kurzgeschichte, Kroetz, vorher darfst du nichts trinken. Erst schreiben, dann saufen. Hab ich einige Zeit durchgehalten, dann aber mehr gesoffen als geschrieben.

»Überarbeiten ist immer auch eine Form von Selbstzensur.«

dasgedichtblog: Drehen Sie beim Schreiben von Lyrik die Worte mehr um?

Franz Xaver Kroetz: Das kommt drauf an. »Das was ich bin, sind meine Fehler« heißts in einem der Gedichte. Überarbeiten ist ja immer auch eine Form von Selbstzensur. Verbessern ist eine Form von Zuschneiden, abschneiden, zurechtstutzen. Ist ein Ausdruck von Angst vor dem gewesenen, kreativen Augenblick. Man kann nichts verbessern, was nicht gut ist. Und was gut ist, muss man das verbessern? Grade ein Gedicht schreibt man doch oft in einem Zustand von Eingebung, Gnade, Extase, Rausch – Irrsinn. Wenn mans am nächsten Tag liest, merkt man, dass man die Hitze nicht mehr herstellen kann, die es braucht, um das Gedicht noch zu verstehen. Soll mans dann wegschmeißen oder ändern oder einfach lassen wie es ist?! Große Frage: keine Antwort. Ich kann nämlich auch an einem Satz eine Woche arbeiten. Und ich schreibe ein Gedicht manchmal 20mal ab und um, in der Hoffnung, beim 21. wirds genauer, schöner, weiter, heller… In den meisten guten Gedichten sind ein paar dürre Zeilen drin. Berufsrisiko. Immer träume ich von einem makellosen Gedicht…

dasgedichtblog: Wie würden Sie den Zusammenhang von Schreiben und Erotik definieren?

Franz Xaver Kroetz: »Die Frage nach einer Beziehung zwischen Nachlassen der Sexualität und Nachlassen der Produktivität ist vorläufig nicht zu beantworten. Sie wissen, Goethe liebte mit 75 Jahren Ulrike und wollte sie heiraten…«, stellte Gottfried Benn fest. Ich weiß es auch nicht besser. Wenn man sexuell aufgeladen ist, schreibt man manchmal toll, aber meistens nicht gut. Wenn man sich asexuell fühlt, ist eh alles Scheiße. Für mich gilt: Ich schreibe am besten, wenn eine zufriedene Frau neben mir schnarcht.

»Gedichte sind Kalenderblätter, die man sich von der Seele reißt.«

dasgedichtblog: Herr Kroetz, der Untertitel Ihres 1996 erschienen Gedichtbandes »Heimat Welt – Gedichte eines Lebendigen« (Rotbuch Verlag) lässt unterschwellig eine Beschäftigung mit dem Gegenteil des Lebendigen vermuten. Wenn man die Gedichte liest, erhärtet sich sehr schnell dieser Verdacht. Die Texte wirken stellenweise schwermütig, gleichzeitig authentisch und ungekünstelt, etwa wenn Sie schreiben: „Wenn ich Asche bin / werde ich das Knistern / vermissen?« Haben Sie einen Hang zur Melancholie?

Franz Xaver Kroetz: Ich bin glücklicherweise nicht im klinischen Sinne manisch-depressiv, wie ja so viele Künstler, aber ich fühle mich so. Leider bin ich nur manchmal manisch – da klappt das Schreiben! –, aber oft depressiv. Ich bekämpfe meine vielen Depressionen nicht mehr. Ich nehme sie als etwas Notwendiges, ja Selbstverständliches hin, das nur Dummköpfe nicht verstehen. »Einzig das Leid begründet das Bewusstsein.«, so Dostojewski. Ich höre in die Depressionen hinein. Ich rede mit ihnen. Was sagen sie mir? Ich höre ihnen zu. Ich sitze sie aus. Ich sitze da und dunkle mich ein, mit Geduld und Bier. Wenn sie vorüber sind, was Stunden, aber auch Tage dauern kann, merke ich, dass vor allem die Menschen, die mich umgeben, gelitten haben. Ich entschuldige mich bei ihnen für das Missgeschick. Ich hoffe auf ihr Verständnis.

dasgedichtblog: 2009 sagten Sie, Sie möchten sich auf Dinge konzentrieren, die sie beeinflussen können, und die Politik können Sie nicht beeinflussen. Glauben Sie, dass man mit Gedichten die Gesellschaft beeinflussen und berühren kann?

Franz Xaver Kroetz: Gedichte sind Kalenderblätter, die man sich von der Seele reißt. Nicht mehr und nicht weniger.

»Gedichte sind eine perverse Mischung aus privat und öffentlich.«

dasgedichtblog: Sie bezeichneten Prosa als »Labern« und verglichen Drama‐Schreiben mit Vollgas Geben im Stand. Labern würde im Leerlauf gehen, Drama‐Schreiben Auto und Menschen kaputtmachen. Was ist denn Gedichteschreiben Ihrer Meinung nach?

Franz Xaver Kroetz: Gedichte sind eine perverse Mischung aus privat und öffentlich. Das find ich geil. Die meisten Gedichte aus meinem neuen Buch stammen aus meinem uferlosen Tagebuch. Sie sind Weibern ins Schamhaar gezwirbelt und Männern auf die Glatzen gepinselt. Ich hab in den letzten Jahren viel geschrieben und im Tagebuchmüll (end?)gelagert. Ich konnte nicht mehr öffentlich schreiben. Die Gedichte sind eine mögliche Rückkehr.

dasgedichtblog: Herr Kroetz, vor einigen Jahren sprachen Sie vom Glück, nicht mehr zu schreiben. Heißt das, Sie sind jetzt wieder unglücklich?

Franz Xaver Kroetz: Hab ich mich falsch ausgedrückt oder wirds – immer wieder – falsch wiedergegeben? Ich hab gesagt, vor fast zehn Jahren zur »Zeit«: das mit dem Stückeschreiben ist vorbei. Das schaff ich nicht mehr. Ich schreib nix mehr fürs Theater. Hab ich auch nicht. Anderes hab ich geschrieben. Immer bis jetzt und hoffentlich über jetzt hinaus.

dasgedichtblog: Lieber Herr Kroetz, herzlichen Dank für das interessante Gespräch.

Franz Xaver Kroetz
Blut und Bier. 15 ungewaschene Stories + 2 Bonustracks

Kiepenheuer & Witsch, Köln, 2008
144 Seiten
ISBN 978-3-462-03987-0
Euro 7,95 [D]





Das »Internationale Gipfeltreffen der Poesie: 20 Jahre DAS GEDICHT« ist eine Veranstaltung von Anton G. Leitner Verlag | DAS GEDICHT in Zusammenarbeit mit dem Kulturreferat der Landeshauptstadt München und dem Literaturhaus München. Hugendubel.de unterstützt das »Internationale Gipfeltreffen der Poesie: 20 Jahre DAS GEDICHT« als Förderpartner. Die Veranstaltung wird vom BR für sein Fernsehprogramm BR-alpha aufgezeichnet (geplante Erstsendung: Samstag, 12. Januar 2013, 22.30 Uhr, Reihe »Denkzeit«, BR-alpha). Das Aus- und Fortbildungsradio München afk M94.5 und dasgedichtclip – lyrik tv sind weitere Medienpartner.


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