Gratulation an Tuvia Rübner

Die Herausgeber von DAS GEDICHT, Anton G. Leitner und Michael Augustin, gratulieren zusammen mit der Redaktion DAS GEDICHT und der englisch­sprachigen Redaktion von DAS GEDICHT chapbook ihrem Autor Tuvia Rübner herzlich zu seinem 90. Geburtstag.

Tuvia Rübner, geboren am 30. Januar 1924 in Preßburg/Bratislava, feiert heute im Kibbuz Merchavia, wo er seit 1941 lebt, seinen 90. Geburtstag. Im Alter von 17 ist Rübner auf abenteuerliche Weise über Ungarn, Rumänien, die Türkei, Syrien und den Libanon nach Palästina entkommen, während seine Eltern, seine jüngere Schwester, die Verwandten und Freunde nach Auschwitz deportiert und dort ermordet wurden. Im Kibbuz hat er als Schafhirte gearbeitet und war dort später, nachdem er seine Frau bei einem Busunglück verloren hatte, das er selber schwerverletzt überlebte, als Bibliothekar tätig.

Gedichte hat Tuvia Rübner in deutscher und hebräischer Sprache geschrieben und veröffentlicht, war Literaturprofessor an der Universität Haifa, Herausgeber und Übersetzer. In Israel und in Deutschland ist er mit bedeutenden Literaturpreisen ausgezeichnet worden.
Bei Rimbaud ist gerade sein neuer Band »Wunderbarer Wahn« erschienen mit Gedichten, die er allesamt in seinem 88. und 89. Lebensjahr geschrieben hat.

Tuvia Rübner als Junge in Preßburg

Tuvia Rübner als Junge in Preßburg


Tuvia Rübner (Foto: T. Rübner privat)

Tuvia Rübner (Foto: T. Rübner privat)


 

Als aber die Philosophen

von Michael Augustin

für Tuvia Rübner

Als aber die Philosophen eines schönen Tages (den sie freilich gar nicht so schön
fanden und andere Leute übrigens auch nicht, weil es regnete und ein Wind von See
her die Blätter von den Bäumen fetzte, die nun haltlos schreiend durch die Luft
wirbelten) …

… als also die Philosophen eines schönen Tages, der gar nicht so schön war, nichts
mehr zu sagen hatten, weil alles gesagt war, wie sie selber sagten (was einerseits
etwas heißen will, andererseits aber längst nicht so viel, wie man meinen sollte und
wie vor allem die Philosophen selber meinten) …

… als also die Philosophen eines schönen Tages nichts mehr zu sagen hatten und
sogar die ewig plappernden Papageien auf ihren Hochsitzen am Rande der nach
ihnen benannten endlosen Alleen ihre Schnäbel im bunten Gefieder verbargen (und
auch ihr allerletzter Mucks verweht war) …

… als also die Philosophen nichts mehr zu sagen hatten und die Papageien auch
nicht, als ein Wind von See her innerhalb eines einziges Tages sämtliche Blätter von
den Bäumen fetzte und in der folgenden mondlosen Nacht ein Stern nach dem
anderen ins Zittern, Stürzen und Verglühen geriet …

… als also rundum alles drunter wie drüber schwarz war (richtig schwarz war) und die
Leute ganz schön tief in der Tinte saßen (bis zu den Halskrausen,
Büstenhalterungen und Adamsäpfeln – mindestens) …

… als also die Philosophen sich an ihren Zungen verschluckt hatten, als die
Papageien schweigend wie Trappisten an ihren Fußfesseln knabberten …

… da war es plötzlich an den Dichtern

 
© Michael Augustin, Bremen
 

The Apartment

von Tuvia Rübner

We arrived in Pressburg,
parked next to the old bridge,
began to walk, passed the Duck Fountain,
then passed the stately restored Blue Church,
went past the yard of the Slovakian Masaryk School
(my last school year) –
and stood in the Grösslinggasse.
There, on the corner: the ivy-clad house, as green as ever,
isn’t that strange, and there it is, adjacent, on the opposite side,
»our« house, renovated. Should I enter? Possibly? The gate hasn’t changed.
On the top floor,
the same front door, the same ironworks, the same thick glass.
Yes, indeed, that was the apartment.
The same high doors, the same brass door handles.
The slightly altered fades away like an underexposed film.
The three windows forming a semi-circle (as in the children’s room)
fill up with mist.
No rosebushes in the garden, no lawn. White soil, ash-like.
The ash accrues, piles up, collects, and rises,
climbs up the façade, climbs like a thief,
climbs into the room like a thief,
climbs higher and higher, from the base upwards,
as seen in slow motion, upwards to the navel,
upwards to the throat, filling the mouth,
and my eyes go blank.

 
© Tuvia Rübner, Kibbuz Merchavia (Israel)
Aus: DAS GEDICHT chapbook. German Poetry Now, Vol. 1
Übersetzt von Paul-Henri Campbell

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