Heim(at)leuchten

rezensiert von Hellmuth Opitz

DAS GEDICHT 24: Der Heimat auf den VersenPoesie und Heimat, das ist längst kein Begriffspaar mehr, bei dem sich sensibleren Gemütern die Nackenhaare sträuben und sofort der tümelnde Reflex volksliedhafter Sentimentalitäten vom Schlage »Und ewig rauschen die Wälder« einsetzt. Wenn sich die Gegenwartslyrik heute verstärkt dem Thema Heimat zuwendet, ist das vor allem poetische Selbstvergewisserung, das Abstecken einer Identität, die sich in einer rasant wandelnden Welt, in Zeiten von Globalisierung und Kapitalismus, ein Reservat des Vertrauten bewahren will. Dabei muss das gar nicht immer die Heimat als Sehnsuchtsort sein, es geht nicht um sentimentale Rückblicke, schließlich sind PoetInnen nicht automatisch gleichzusetzen mit Heimatvertriebenen, obwohl man angesichts der politische Umbrüche und Bewegungen auch hier wieder zunehmend Beispiele konstatieren muss, wo Menschen nicht nur aus ihrer Heimat, sondern auch aus ihrer Sprache vertrieben werden. Nein, es geht bei der Revitalisierung des Begriffspaars »Heimat und Poesie« durchaus auch um kritische Bestandsaufnahmen. Exemplarisch dafür ist die jüngste Ausgabe von DAS GEDICHT, die von Anton G. Leitner in diesem Jahr zum 25. Mal herausgegeben wird. »Der Heimat auf den Versen«, so heißt die 24. Nummer aus dem Herbst letzten Jahres, die auf 160 Seiten über 100 zeitgenössische LyrikerInnen zum Thema zu Wort kommen lässt. Zwischen dem wuchtigen Beginn des Startgedichts »Was mir als Erstes einfällt« von Christian Futscher: »Meine Heimat ist dort / wo mein Vater / auf den Boden spuckte« und den einladenden Schlussversen des letzten Gedichts »Meinland« von Frantz Wittkamp: »mein Fantasieland / Kleinabermeinland / mein Kommdochreinland / mein Land ist dein Land« gelingt es Anton G. Leitner und seinem Co-Herausgeber, dem fränkischen Mundartdichter Fitzgerald Kusz, ein höchst facettenreiches Bild von Heimat einzufangen, das mit Tümelei nun wirklich gar nichts zu tun hat.

Anton G. Leitner: Schnablgwax. Bairisches VerskabarettDabei fällt auf, dass die Poeten, die in Mundart dichten, gar nicht mal die Heimat selbst thematisieren müssen. Sie zeigen durch ihre Sprachfärbung bereits ihre Heimat an. Sie sind im Grunde in der Sprache zuhause. Andere, die in Hochdeutsch schreiben, sind – wenn es um Heimat geht – eher dazu angehalten, sie auch inhaltlich in ihre Sprachgebilde einfließen zu lassen, Mundart-Poeten haben da den Vorteil, direkter und unmittelbarer ein Herkunftsgefühl evozieren zu können. Nehmen wir nur einmal Anton G. Leitner selbst: Er hat mit »Schnablgwax« im letzten Sommer einen höchst erfolgreichen Band mit bairischen Mundart-Gedichten vorgelegt. Obwohl – und das fällt auf – er das Buch gar nicht als Gedichtband bezeichnet, sondern mit dem Begriff »Bairisches Verskabarett« untertitelt. Für Nichtbayern hat die barische Mundart klanglich etwas Wulstiges, Kraftvolles, Urtümliches. Wenn man als Laie versucht, diesen Dialekt nachzuahmen, senkt man automatisch die Stimme und holt die Laute aus tiefster Kehle respektive Brust. Schon beim Zuhören schwingt da immer etwas Herzhaftes, Deftiges mit. Von daher ist der Untertitel clever gewählt, denn Anton G. Leitner geht es bei diesen Versen nicht um das Einfangen zarter lyrischer Momentaufnahmen, sondern darum, Geschichten in Gedichtform zu erzählen – Geschichten mit oft wahrem Kern, Anekdoten mit aktuellem Bezug. Dabei werden Kommunal-, Landes- und Weltpolitik mit Wucht und Verve ebenso frech aufgespießt wie hinterfotzig kommentiert, kleine und große Skandale aus Amigo-Land, deftige Sex-Schnurren, beißende Sittengemälde von Land und Leuten. Herrlich etwa das Gedicht »Falsche Freunde«, wo eine von keinerlei Ahnung angekränkelte Gemeinderätin sich öffentlich darüber wundert, dass der »Narzissenweg« noch immer seinen Namen behalten dürfe, wo doch alles, was sonst mit Nazis zu tun hätte, namentlich eliminiert würde. Dankenswerterweise liegt der Band »zweisprachig«, in bairisch und hochdeutsch vor, sodass man direkte Vergleiche in Bezug auf die klangliche Kraft ziehen kann. Dies kommt exemplarisch im Gedicht »Im Feinkostladen« zum Ausdruck, wo die Witwe eines Kieferorthopäden im Feinkostladen Dallmayr immer noch das große Wort führt, weil sie in ihrer gesellschaftlichen Stellung nach wie vor vom verblichenen Gatten zehrt. Im Hochdeutschen liest sich das so: »Die Bretter für ihren Sarg / Sind schon gehobelt, // Und ihren Mann, einen / Mundchirurgen, // Hat sie bereits früher / unter die Erde gebracht«. Auf Bairisch liest und hört sich das ganz anders an: »D’ Bredda füa iran Sarg / san schon ghowed, // Und iran Oidn, an / Fozznschbangla, // hods pfeigrad frira / undda d’ Eadn brochd.« Wie viel urwüchsige Kraft steckt im bairischen Idiom! Einen Kieferchirurgen als »Fozznschbangla« zu bezeichnen, lässt uns verdrucksten Saupreißn die Ohren schlackern, ist im Bairischen aber durchaus gängig. Ein echtes Lesevergnügen, dieses »Schnablgwax«!

Matthias Kröner: »Dahamm und Anderswo«Im Vergleich zur bairischen Urwüchsigkeit ist das Fränkische geradezu eine Abpolster-Sprache, die Ecken und Kanten durch weiche Konsonanten abfedert. Das gleichzeitige Langziehen der Vokale gibt dieser Mundart etwas Gelassenes, Gemütliches, fast Schluffiges, hinter dem sich Schlitzohriges und augenzwinkernder Humor trefflich tarnen lässt, um dann umso unvermittelter aufzutauchen. Neben Großmeister Fitzgerald Kusz gibt es ein weiteres fränkisches Prachtexemplar, zugleich feiner Lyriker, darüber hinaus Verfasser sehr erfolgreicher Städte- und Reiseführer: den Dichter Matthias Kröner. Und wie alle echten Franken, die schwer daran zu knacken haben, dass Franken dem Bundesland Bayern zugeschlagen wurde, legt auch er gesteigerten Wert darauf, sich vom Bairischen abzugrenzen. In seinem vergnüglichen und äußerst lesenswerten Gedichtband »Dahamm und Anderswo« findet sich – passend zum Thema Heimat – das Gedicht »Haimoodlos«: »Mei Haimoodlos woa ka Niedn / Denner doo oom / gfälld mei rollendes ›R‹. / Die froong mi nu haid, / wo i herkumm / und iich sooch ›Frankn‹. / Di Hälfd waas dann, / dass i ka Bayer binn. / Doo fälld di Indegrazion leichd.« Von der feinsinnigen Doppeldeutigkeit des Begriffs »Heimatlos« bis hin zur selbstironischen Einschätzung als »Flüchtling« in norddeutschen Gefilden ist dies ein stimmiges Gedicht. Obwohl die fränkische Mundart immer in Puschen daherzukommen scheint, heißt das nicht, dass hellsichtige Erkenntnisse im Sitzsack einer gemütlichen Aussprache versinken müssen. Im Gedicht »Chamäleon« sinniert Matthias Kröner, ob man ein anderer wird, wenn man woanders ist, denn: »Doo konnsd nix machen. / Di Gechend ziechd an dir / und du ziehsd an der Gechend.« Lebensklug, fein beobachtet und punktgenau formuliert.

Matthias Engels »Landschaft mit großem h«Wenn einen schon keine ausgeprägte Mundart heimatlich bettet, muss man die Augen scharf stellen, um Aussagen über das innere und äußere Zuhause machen zu können. Das gelingt Matthias Engels in seinem kleinen quadratischen Gedichtbändchen »Landschaft mit großem h« sehr überzeugend. Da geht es nicht um geografische Verortung, sondern um präzise Vermessung der inneren Koordinaten, zum Beispiel an einem x-beliebigen Morgen. Die ersten drei Strophen des Gedicht »Morgen, tarnfarben« beschwören den Wunsch des Verschwindens im Niemandsland zwischen drinnen und draußen, zwischen Innenwelt und Außenwelt: »heute keine milch und im kasten / nur schwarze post und möglichkeiten / sich abzusetzen wären gegeben gewesen // der park sagte tarnfarben morgen / ungarnte dich mit tau doch / du wurdest heimgekehrt // und nun das giftige blinken der feststation / und weitere anrufe in anwesenheit / obwohl du dich an unsichtbarkeit versuchst«.
Aber so gern das lyrische Ich auch abtauchen möchte, die Außenwelt hat sich in Form elektronischer Medien längst eingeschlichen und wartet auf Beachtung und Reaktion. Heimat wird hier nur im Mangel deutlich, im Vermissen eines Rückzugsortes, an dem man sich ohne Verpflichtungen und Verbindlichkeiten eine Tarnkappe aufsetzen und so unsichtbar werden kann. Schön, wie Matthias Engels hier der Schwarz-Weiß-Optik der Zivilisation in der ersten Strophe die Tarnfarben der Natur in der zweiten Strophe dialektisch entgegensetzt. Wenn man in einem Landstrich zuhause ist, der sich dem Betrachter nicht mit Sehenswürdigkeiten an den Hals wirft, wie zeichnet man dann ein aussagekräftiges poetisches Profil? Matthias Engels gelingt es im »heimatgedicht« mit einem scheinbaren Paradoxon: der Präzision des Ungefähren: »an den rändern franste das plane / aus ins krause, ins dickicht, / ins drohen der diaspora«. Auch so poetisch kann man Provinz auf den Punkt bringen.

Kersten Flenter »Als das Trinken noch geholfen hat«Ganz anders der Hannoveraner Poet, Polit-Slammer und Songtexter Kersten Flenter: Sein schmales Gedichtheftchen »Als das Trinken noch geholfen hat« paraphrasiert nicht nur einen alten Peter Handke-Titel, sondern enthält einen Zyklus von 12 Gedichten »für Heimatlose«. Es wendet sich eben nicht heimatlichen Landschaften und vertrauten Menschen zu, sondern widmet sich den Gestrandeten, also denen, die nicht angekommen sind, die unterwegs verloren gingen, ganz wie er es in seinem Tresen-Song »Bevor du mich schön trinkst« schon anmoderiert hat: »Dass ich heut nicht durch Zufall, sonder immer hier sitze, / dass ich niemals Ernst mach’ und der Wirt keine Witze, / das werd’ ich dir erzählen, bevor du mich schön trinkst …«

Anton G. Leitner (Hrsg.): Heimat. GedichteUnd als wäre das alles noch nicht Heimat genug, müssen wir an dieser Stelle noch einmal auf Anton G. Leitner als Herausgeber zu sprechen kommen. Wenige Tage ist es erst her, dass bei Reclam die von ihm herausgegebene Lyrik-Anthologie »Heimat« auf den Markt gekommen ist, die vom 1749 geborenen Johann Wolfgang von Goethe bis zum 1992 geborenen Poeten Leander Beil ein starkes Kompendium klassischer und moderner Heimatgedichte in sich vereint und in ein faszinierendes Spannungsverhältnis setzt. Statt einer verkaufsfördernden Leseempfehlung lassen wir lieber Friedrich Nietzsche in einer sehr saloppen Abwandlung zu Wort kommen: »Wohl dem, der jetzt noch – Heimat hat!« Und diese Anthologie.

 
DAS GEDICHT 24: Der Heimat auf den VersenDAS GEDICHT Bd. 24, »Der Heimat auf den Versen«
Hrsg. von Fitzgerald Kusz und Anton G. Leitner

Anton G. Leitner Verlag
160 S., 12,50 €

Anton G. Leitner: Schnablgwax. Bairisches VerskabarettAnton G. Leitner
»Schnablgwax. Bairisches Verskabarett«

edition DAS GEDICHT/ edition lichtung
148 S., 15,90 €

Matthias Kröner: »Dahamm und Anderswo«Matthias Kröner
»Dahamm und Anderswo«, Gedichte

ARS VIVENDI
110 S., 15,- €

Matthias Engels »Landschaft mit großem h«Matthias Engels
»Landschaft mit großem h«, Gedichte

Brot&Kunst-Verlag
104 S., 10,- €

Kersten Flenter »Als das Trinken noch geholfen hat«Kersten Flenter
»Als das Trinken noch geholfen hat«, 12 Gedichte

Edition roadhouse
44 S., 7,- €

Anton G. Leitner (Hrsg.): Heimat. Gedichte»Heimat«, Gedichte
hrsg. von Anton G. Leitner,

Reclam
100 S., 10,- €

 

Hellmuth Opitz (Foto: Isabel Opitz)

Hellmuth Opitz (Foto: Isabel Opitz)

Hellmuth Opitz wurde 1959 in Bielefeld geboren, wo er auch heute lebt. Er gilt inzwischen als einer der besten deutschen Liebeslyriker. Nach seinen Anfängen als Rock- und Folkmusiker interviewte er für überregionale Musik-Magazine wie »Musikexpress« oder »Rolling Stone« u. a. Aerosmith, Bad Religion und Wim Wenders. Zusammen mit Matthias Politycki und Steffen Jacobs tourte er mit dem Poesieprogramm »Frauen. Naja. Schwierig«, das auch auf CD vorliegt, durch Deutschland. Bislang erschienen von ihm neun Gedichtbände, zuletzt »Die Dunkelheit knistert wie Kandis« (2011) sowie »Aufgegebene Plätze. Verlorene Posten« (Künstlerbuch, 2013).

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