Humor in der Lyrik – Folge 1: Karl Valentin, ein Meister des Couplets und seine Nachfahren

Die Behauptung ›Lyriker haben keinen Humor‹ gehört zu den unausrottbaren Missverständnissen. Doch gerade in dieser literarischen Gattung blüht Humor in allen Facetten. Alfons Schweiggert stellt an jedem 25. des Monats lyrischen Humor und humorvolle Lyriker in seiner Rubrik »Humor in der Lyrik« vor. Als Kolumnist von DAS GEDICHT blog will er damit Anregungen geben, Humor in der Lyrik zu entdecken und humorvolle Vertreter dieser Gattung (wieder) zu lesen.

 

Spricht man heute von Couplets, denkt man immer zuerst an Otto Reutter, Wilhelm Bendow und Claire Waldoff, die wohl bekanntesten Humoristen des deutschen Varietés zwischen 1900 und 1930. Noch heute kann man insbesondere die Werke Reutters, des unübertroffenen Meisters dieser Liedform auf modernen Tonträgern hören. Couplets wie »Der Überzieher«, »In 50 Jahren ist alles vorbei« amüsieren das Publikum auch noch im 21. Jahrhundert so wie vor über 100 Jahren. Was den Norddeutschen Recht ist, ist den Bayern billig. Sie können stolz auf Karl Valentin sein, einen weiteren Großmeister des Couplets, der wie Otto Reutter aus den Volkssängern hervorging. Kein Wunder, dass Valentin seinen Berliner Kollegen hoch schätzte und ihn mit den Worten lobte: »Den mog i, des is a ganz a Großer!«

Von Karl Valentin sind 115 Couplets überliefert, die Varianten nicht mitgerechnet, darunter so bekannte Titel wie »Ja, so warns die altn Rittersleut«, »Rezept zum russischen Salat«, »Blödsinn-Verse« oder das »Chinesische Couplet«. Zu Beginn von Valentins Karriere war die große Zeit der Münchner Volkssänger allerdings schon vorbei und auch die Kunst des Couplets begann zu verblassen. Die ehemaligen Protagonisten wie Papa Geis (1840–1908) und der von Valentin hoch verehrte Karl Maxstadt (1853–1930), der selbst an die 600 Couplets verfasst hatte, hinterließen ihre Spuren deutlich in Valentins Werk.

Natürlich wurde das Couplet nicht erst im 19. Jahrhundert erfunden. Bereits im Mittelalter kannte man diese Kunstform. Man verstand darunter eine Balladenstrophe zwischen dem gleich bleibenden Refrain, der die Strophen miteinander verknüpfte. Diese Verknüpfung kommt auch in dem lateinischen Wort »Copula« – »Verknüpfung« – zum Ausdruck, aus dem sich dann der Begriff »Couplet« entwickelte.

Seit dem 12. Jahrhundert waren die mittelalterlichen Couplets als erzählende Lieder beliebt, die von den Troubadouren zum Tanz vorgetragen wurden. Gegen Ende des 16. Jahrhunderts enthielt diese Liedform im Rahmen einfacher musikalischer Stegreifspiele bereits auch aktuell-satirische oder gar frivole Anspielungen. Mit Entstehung des Deutschen Singspiels gelangte das Couplet schließlich in die Vorstädte zu den »kleinen Leuten«.

Im Französischen meint »couplet« ein witzig satirisches Lied mit Kehrreim, das besonders im Kabarett zu hören war. Das französische »coup«, also Stoß, Schlag, Hieb weist zudem auf die boshaften Seitenhiebe hin, die diese ketzerischen und zeitkritischen Musikminiaturen rücksichtslos verteilen.

In den Wiener Vorstadttheatern kamen die Zauberpossen eines Ferdinand Raimund und Johann Nestroy mit eingefügten Couplets zur Aufführung und begeisterten das Publikum. Seit Beginn des 19. Jahrhunderts etablierten sich diese Possen auch im Münchner Volkstheater. Wie in Wien vermochten nunmehr auch Münchner Coupletsänger rasch auf das Tagesgeschehen zu reagieren, indem sie aus dem Stegreif Strophen verfassten, die brandaktuelle Kritik an öffentlichen Missständen, an korrupten und machtgierigen Amtspersonen äußerte, was das Publikum bei der abendlichen Darbietung zu Lachstürmen hinriss. Die Couplets fanden auf diese Weise auch ins Münchner Volkssängertum rasch Eingang und ergänzten den bereits bestehenden Volks- und Moritatengesang. In der heute noch existierenden Sammlung »Münchner Blut«, was so viel wie »Münchner Lebensart« bedeutet, sind 429 Titel enthalten.

Einen entscheidenden Einschnitt für das Münchner Couplet stellte dann der Erste Weltkrieg dar. Nach 1918 ließen neue Formen der Unterhaltung, außerdem die sich fortwährend ausweitende Kulturideologie des »Dritten Reiches« und schließlich auch noch der Zweite Weltkrieg das Couplet immer mehr zum Museumsstück werden, das in den Jahrzehnten der Nachkriegszeit keinen Anklang mehr zu finden schien.

Einer vierköpfigen Kabarettisten-Gruppe aus München, die unter dem Namen Couplet-AG, das heißt »Couplet-Arterhaltungs-Gesellschaft«, seit 1993 weit über tausend Auftritte absolvierte, ist es zu verdanken, dass die alten Couplets dem Vergessen entrissen wurden. Auf der CD »Münchner Blut« präsentiert diese Gruppe hinreißende Couplets aus der erwähnten historischen »Münchner Blut« – Sammlung. Dazu kreierten sie in der Tradition der Münchner Volkssänger auch Couplets mit neuen aktuellen Texten, die für sie ein ideales Transportmittel für beißende Satire und bayerische Hinterfotzigkeiten darstellten. Allen Liedern ist anzumerken, dass sie ihre »Lehrmeister«, die fahrenden Bänkelsänger, die Possenkomiker und die Volkssänger genau studierten. In deren Tradition und doch ganz eigen, bemühen sich die vier seither, aus der Mottenkiste der gepflegten Volksmusik entrissene Couplets hinsichtlich der sprachlichen und künstlerischen Substanz zu erneuern und sie in ihrer ganzen aggressiven Lebenslust dem Publikum ungehobelt zu offerieren. Durch ihre Interpretation belebt sich das Couplet erneut zu einer humorvoll-kritischen Tages- und Zeitbetrachtung.

Auf diese Weise gelang es, die traditionelle, bereits totgesagte Kunstform des Couplets gekonnt zu entstauben und mit neuem Leben zu füllen. Überzeugend wird verdeutlicht, dass mit diesen Liedern noch heute ein vergnügliches Glossarium menschlicher Torheiten und Unzulänglichkeiten dargestellt werden kann. Das Publikum lacht darüber wie zu alten Zeiten und solange darüber gelacht wird, bleiben Couplets auch modern.

 

Alfons Schweiggert. Foto: Gerd Pfeiffer, München

Alfons Schweiggert. Foto: Gerd Pfeiffer, München

»Humor in der Lyrik« wird Ihnen von Alfons Schweiggert präsentiert. Der Münchner Schriftsteller veröffentlichte neben Erzählungen und seinem Roman »Das Buch« mehrere Lyrikbände, Biographien und Sachbücher sowie Kinder- und Jugendbücher. Nach mehrjähriger Lehrtätigkeit als Institutsrektor am Staatsinstitut für Schulqualität und Bildungsforschung in München ist er seit 2010 freischaffender Autor. Schweiggert ist Präsidiumsmitglied der Schriftstellervereinigung Turmschreiber und Vorstand der »Karl Valentin-Gesellschaft«.
Alle bereits erschienenen Folgen von »Humor in der Lyrik« finden Sie hier.

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