Humor in der Lyrik – Folge 25: Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832): Der grinsende Mephisto

Die Behauptung ›Lyriker haben keinen Humor‹ gehört zu den unausrottbaren Missverständnissen. Doch gerade in dieser literarischen Gattung blüht Humor in allen Facetten. Alfons Schweiggert stellt an jedem 25. des Monats lyrischen Humor und humorvolle Lyriker in seiner Rubrik »Humor in der Lyrik« vor. Als Kolumnist von DAS GEDICHT blog will er damit Anregungen geben, Humor in der Lyrik zu entdecken und humorvolle Vertreter dieser Gattung (wieder) zu lesen.

Wir alle wissen es: Goethe empfand die Kunst als ernstes Geschäft. Dennoch lehnte er den Humor nie ab, sondern allenfalls eine bestimmte Humorauffassung. Die Wirklichkeit in ihren Widersprüchen lächelnd zu schildern, diese Art von Humor pflegte Goethe durchaus. Dabei wandelte sich sein übermütiger, satirischer Humor der Jugend im Alter zu einem geläuterten, reifen und mit der Welt sich versöhnenden Humor.

War es in seiner Kindheit die Lust an Streichen, so etwa das Zerschneiden einer Tischdecke oder das Zerdeppern von Geschirr, so zeigte er in seiner Studienzeit Spaß an geistreichen Pointen und witzigen Possen. In »Dichtung und Wahrheit« erzählt er von Späßen, die er mit seiner Clique erlebt hat. Situationskomik findet sich auch in Gedichten wie »Annette an ihren Geliebten« oder »Das Schreien«.
 

Annette an ihren Geliebten

Ich sah, wie Doris bei Damöten stand,
Er nahm sie zärtlich bei der Hand;
Lang sahen sie einander an,
Und sahn sich um, ob nicht die Eltern wachen,
Und da sie niemand sahn,
Geschwind – Genug, sie machten’s, wie wir’s machen.
 

Das Schreien

Einst ging ich meinem Mädchen nach
Tief in den Wald, in den Wald hinein,
Und fiel ihr um den Hals, und »Ach«,
Droht sie, »ich werde schrein«.
Da rief ich trotzig: »Ha! Ich will
Den töten, der uns stört!«
»Still«, lispelt sie, »Geliebter, still!
Daß ja dich niemand hört.«
 

Dann in der Straßburger Zeit jugendliche Burschikosität und übermütiger Unfug mit den Brüdern Stolberg. Dazu seine Lust am geistreichen wie drastischen Spott auf Unnatur, Falschheit, Bosheit, Unsinn, auf literarische und moralische Verirrungen und sonstige Verkehrtheiten. Goethe amüsierte sich, wie ein Freund die Professoren nachahmte. Und im Sommer 1775 dichtete er ins Reisetagebuch:
 

Ohne Wein und ohne Weiber
hol´ der Teufel unsre Leiber!
 

In Straßburg lernte er durch Herder die Humoristen der Weltliteratur kennen, so den englischen Satiriker Jonathan Swift, den Herder besonders schätzte und dessen Humor auch Goethe bewunderte. Und an Shakespeares Humor konnte er sich geradezu berauschen. Auch aus der Weimarer Zeit sind zahlreiche Anekdoten mit lustigen Streichen und Verkleidungsszenen von Goethe und Herzog Carl August bekannt.

Die folgenden zehn Weimarer Ministerjahre machten aus Goethe jedoch einen ernsten Mann, der gewissenhaft seine Pflichten erfüllte und der klassischen Gedankenwelt gerecht zu werden suchte. Während in den Werken wie in »Iphigenie«, »Tasso«, »Hermann und Dorothea« Humor nur verhalten anklingt, braust er im »Götz von Berlichingen« mit derber Kraft auf.

Und in einer Reihe von Gedichten wie »Rezensent« schwingt ebenso barocker Humor mit wie in der Ballade »Die wandelnde Glocke«, in der eine Glocke ein Kind, das sich vom Kirchgang drückt, vor sich herjagt, indem sie vom Turm herabsteigt und dem Kind hinterherwackelt:
 


Sie wackelt schnell, man glaubt es kaum;
Das arme Kind im Schrecken,
Es läuft, es kommt als wie im Traum:
Die Glocke wird es decken.

 

Rezensent

Da hatt ich einen Kerl zu Gast,
Er war mir eben nicht zur Last;
ich hatt just mein gewöhnlich Essen,
Hat sich der Kerl pumpsatt gefressen,
Zum Nachtisch, was ich gespeichert hatt.
Und kaum ist mir der Kerl so satt,
Tut ihn der Teufel zum Nachbar führen,
Über mein Essen zu räsonieren:
»Die Supp hätt können gewürzter sein,
Der Braten brauner, firner der Wein.«
Der Tausendsackerment!
Schlagt ihn tot, den Hund! Es ist ein Rezensent.
 

J. W. v. Goethe. Karikatur von Alfons Schweiggert

J. W. v. Goethe. Karikatur von Alfons Schweiggert

Besonders Goethes Reisebriefe schlagen einen heiteren Ton an. So erzählt er in der »Italienischen Reise« von einem Mann, der mehrere »Polizeimissbräuche« »bescherzte«, »mir zu tröstlichem Beweis, dass der Mensch noch immer Humor genug hat, sich über das Unabwendbare lustig zu machen.«

Auch wenn viele es nicht glauben, Goethes »Faust« ist nicht nur von Ernst und Tragik durchsetzt, sondern auch von Heiterkeit und Humor. Mephisto, Spötter und Verführer, vertritt den zynischen Humor und belächelt das Streben und die seelischen Qualen des liebenden und nach Unendlichkeit strebenden Faust. In »Auerbachs Keller« dominiert die Freude am derb-burschikosen Gaudium der zechenden Studenten. Humor erfüllt auch die letzte Erdenszene, das burleske Nachspiel, mit dem Titel »Der geprellte Teufel«. So strahlt im »Faust« Humor in allen Klangfarben auf und hält sich mit dem Ernst die Waage.

Gegen Ende des Lebens entwickelte Goethe eine heiter-gesellige Haltung, ein leises sokratisches Lächeln, das nicht davor zurückschreckt, sich selbst zu verspotten. So ist 1811 von ihm seine kleine »Annonce« überliefert:
 

Ein Hündchen wird gesucht,
Das weder murrt noch beißt,
Zerbrochne Gläser frisst
Und Diamanten scheißt.
 

Der alte Geheimrat erkannte nun die wahre Bedeutung des Humors. »Hätte ich ihn mehr eingesetzt«, so bedauerte er am Lebensende, »so wären meine ernsten Arbeiten heiterer und brauchbarer gewesen.«

 

Alfons Schweiggert. Foto: Gerd Pfeiffer, München

Alfons Schweiggert. Foto: Gerd Pfeiffer, München

»Humor in der Lyrik« wird Ihnen von Alfons Schweiggert präsentiert. Der Münchner Schriftsteller veröffentlichte neben Erzählungen und seinem Roman »Das Buch« mehrere Lyrikbände, Biographien und Sachbücher sowie Kinder- und Jugendbücher. Nach mehrjähriger Lehrtätigkeit als Institutsrektor am Staatsinstitut für Schulqualität und Bildungsforschung in München ist er seit 2010 freischaffender Autor. Schweiggert ist Präsidiumsmitglied der Schriftstellervereinigung Turmschreiber und Vorstand der »Karl Valentin-Gesellschaft«.
Alle bereits erschienenen Folgen von »Humor in der Lyrik« finden Sie hier.
 

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