Im babylonischen Süden der Lyrik – Folge 17: »SÄTZE IM WIND – MIT DEM CHINESISCHEN DICHTER UND KALLIGRAPHEN OUYANG JIANGHE«

Tobias Burghardt flaniert jeweils am 5. eines Monats auf DAS GEDICHT blog durch die südlichen Gefilde der Weltpoesie. In der Rubrik »Im babylonischen Süden der Lyrik« werden Sprachgemarkungen überschritten und aktuelle Räume der poetischen Peripherien, die innovative Mittelpunkte bilden, vorgestellt.

 

Mein Name Ouyang Jianghe bedeutet …

… Langer Fluss (Ouyang) und Gelber Fluss (Jianghe).

Als ich früher einmal Teepflanzer war …

… tauschte ich Zigaretten gegen Kerzen, um nachts mehr lesen zu können.

Ich spreche Chinesisch und Englisch …

…Chinesisch ist für mich mein poetisches Werk und Englisch eine große Brücke.

Auffällig in Stuttgart war für mich damals …

…die moderne Architektur und die alten Kirchen, aber das Leben auf der Straße bewegte sich sehr langsam.

Die deutsche Sprache klingt für mich …

… wie kräftige Vogelstimmen.

Poesie ist meiner Ansicht nach …

… eine Notwendigkeit der Verantwortung und die Freiheit im Herzen und Erinnern.

»Asien lächelt anders« (Jean Gebser) …

… als Südafrika oder Lateinamerika, doch in China haben wir nichts zu lachen.

Unter Freiheit verstehe ich …

… zwei Freiheiten, eine innere: Träume, Kunst, Gedanken, Journalismus – und eine äußere, die manchmal zum Problem wird.

Am heutigen China schätze ich …

… dass jeder ein China für sich selbst hat.

Als ich vierzig Jahre alt war, fühlte ich mich jung …

… wie kühler Frühlingswind im Gesicht.

Wenn ich abends in meinem Zimmer auf Schloss Solitude aus dem Fenster schaute und die Sonnenuntergänge beobachtete …

… dachte ich: Wer geht? Wer bleibt?

In meinem letzten Leben …

… war es sehr schön, ich öffnete meine Augen und Ohren als anderer Mensch.

Zu dem Thema »I Ging« fällt mir ein …

… dass es in China ein ganz dünnes Buch ist, eine poetische Struktur des Sehens.

Gedichte können …

… sein, Gedichte sind Leben, deshalb können sie ein Land erfinden oder ändern, Gedichte sind die Invention des Lebens.

Als alter Mann möchte ich …

… gerne wieder nach Stuttgart kommen, aber verändert, vielleicht als Geist.

 

Tobias Burghardt. Foto: privat

Tobias Burghardt. Foto: privat

Tobias Burghardt (Jahrgang 1961) ist Lyriker, Übersetzer und Verleger der Stuttgarter Edition Delta (www.edition-delta.de). Er veröffentlichte mehrere Lyrikbände, darunter seine Fluss-Trilogie und zuletzt »Septembererde & August-Alphabet« (2010). Seine Gedichte wurden in zahlreiche Sprachen übersetzt und Einzeltitel erschienen in Argentinien, im Irak, in Japan, Portugal, Serbien, Schweden und Venezuela. Er ist Mitbegründer und Koordinator des »Babylon Festivals für Internationale Kulturen & Künste«, das seit 2012 jährlich in Babylon und Bagdad stattfindet. Mit seiner Frau Juana Burghardt überträgt er lateinamerikanische Lyrik, katalanische Poesie, lusophone Lyrik und spanische Poesie. Sie sind Herausgeber und Übersetzer der Werkreihe von Miquel Martí i Pol, aus der Pep Guardiola im Sommer 2015 im Literaturhaus München las, und seit Herbst 2014 der Stuttgarter Juarroz-Werkausgabe, dem wir das GEDICHT-Motto »Ein Gedicht rettet einen Tag« (Roberto Juarroz) verdanken. Im Frühjahr 2017 wurden beide für ihr jeweiliges poetisches Werk und ihr gemeinsames literarisches Engagement zwischen den Kulturen und Sprachen mit dem Internationalen KATHAK-Literaturpreis in der südasiatischen Metropole Dhaka, Bangladesch, ausgezeichnet. Tobias Burghardt war GEDICHT-Redakteur der ersten Stunde und organisierte immer wieder wunderbare Sonderteile mit lateinamerikanischer Poesie für unsere Zeitschrift DAS GEDICHT.
Alle bereits erschienenen Folgen von »Im babylonischen Süden der Lyrik« finden Sie hier.

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