Im babylonischen Süden der Lyrik – Folge 18: »POETA DE TRES MUNDOS: ›MEMORIAL DE UN TESTIGO I-II – TAGEBUCH EINES ZEUGEN I-II‹ (GASTÓN BAQUERO)«

Tobias Burghardt flaniert jeweils am 5. eines Monats auf DAS GEDICHT blog durch die südlichen Gefilde der Weltpoesie. In der Rubrik »Im babylonischen Süden der Lyrik« werden Sprachgemarkungen überschritten und aktuelle Räume der poetischen Peripherien, die innovative Mittelpunkte bilden, vorgestellt.

 

Gastón Baquero wird als ein Dichter aus drei Kontinenten bezeichnet – poeta de tres mundos – Lateinamerika, Afrika und Europa. Der kubanische Romancier Jesús Díaz sah in Gastón Baquero »einen der größten Lyriker spanischer Sprache unserer Zeit«.

Geboren 1918 in Kuba, widmete sich der Dichter Gastón Baquero, der eigentlich Agrarwissenschaften studiert und in Naturwissenschaften promoviert hatte, ab den vierziger Jahren ausschließlich dem Journalismus, gehörte zur Chefredaktion der Zeitung »Diario de la Marina« und schrieb dort die Kolumne »Panorama« über Literatur und Kunst. 1942 veröffentlichte er seine ersten zwei Gedichtbände in Havanna und übersetzte gelegentlich europäische, afrikanische und nordamerikanische Dichter für Literaturzeitschriften. Seit der kubanischen Revolution 1959 lebte er bis zu seinem Tod 1997 in Madrid, Spanien.

In Kuba wurde er bis 1994 totgeschwiegen. Seither fehlt Gastón Baquero in keiner guten kubanischen bzw. lateinamerikanischen bzw. spanischsprachigen Lyrikanthologie mehr – wie ehedem. Mit José Lezama Lima und Eliseo Diego gehört Gastón Baquero zu den großen kubanischen Lyrikern des 20. Jahrhunderts.

Als ich mich kürzlich mit dem gemeinsamen kubanischen Dichterfreund Pío E. Serrano traf, sprachen wir über diese wundersame Welt der Gedichte von Gastón Baquero. Unter manchen Gedichten schlägt Gastón ein Musikwerk vor, das in seiner künstlerischen Phantasie die innere Entfaltung des Gedichts zu bereichern weiß: »Musik verbessert die Dichtung«, versicherte er stets. Für sein vierteiliges Gedicht »Memorial de un testigo I-IV« (Tagebuch eines Zeugen I-IV), das ihm internationalen Ruhm einbrachte, ist es die Orchestersuite Nr. 1 C-Dur BWV 1066 von Johann Sebastian Bach.

Viel Vergnügen beim gleichzeitigen Lesen & Hören!
 

Gastón Baquero

MEMORIAL DE UN TESTIGO

I

Cuando Juan Sebastián comenzó a escribir la Cantata del café,
yo estaba allí:
llevaba sobre sus hombros, con la punta de los dedos,
el compás de la zarabanda.

Un poco antes,
cuando el siñorino Rafael subió a pintar las cameratas vaticanas
alguien que era yo le alcanzaba un poquito de blanco sonoro bermejo,
y otras gotas de azul virginal, mezclando y atenuando,
hasta poner entre ambos en la pared el sol parido otra vez,
como el huevo de una gallina alimentada con azul de Metilene.
¿Y quién le sostenía el candelabro a Mozart,
cuando simboliteaba (con la lengua entre los dientecillos de ratón)
los misterios de la Flauta y el dale que dale al Pajarero y a la Papagina?
¿Quién, con la otra mano, le tendía un alón de pollo Y un vasito de vino?

Pero si también yo estaba allí, en el Allí de un Espacio escribible con mayúsculas,
en el instante en que el Señor Consejero mojaba la pluma de ganso egandino,
y tras, tras, ponía en la hojita blanca (que yo iba secando con acedera meticulosamente)
Elegia de Marienbad, amén de las lágrimas.

Y también allí, haciendo el palafrenero,
cuando hubo que tomar de las bridas al caballo del Corso
y echar a correr Waterloo abajo. Y allí, de prisa, un tantito más lejos, yo estaba
junto a un hombre pomuloso y triste, feo más bien y no demasiado claro,
quien se levantó como espantapájaros en medio de un cementerio, y se arrancó diciendo:
Four score and seven years ago.

Y era yo además quien, jadeante, venía (un tierno gamo de ébano corre por la orillas de Manajata)
de haber dejado en la puerta de un hombre castamente erótico como el agua,
llamado Walterio, Walterio Whitman, si no olvido,
una cesta de naranjas y unos repollos morados para su caldo,
envío secretísimo de una tía suya, cuyo rígido esposo no admitía tratos
con el poco decente gigantón oloroso a colonia.

II

Ya antes en todo tiempo yo había participado mucho. Estuve presente
(sirviendo copas de licor, moviendo cortinajes, entregando almohadones, cierto, pero estuve presente)
en la conversación primera de Cayo Julio con la Reina del Nilo:
una obra de arte, os digo, una deliciosa anicipación del psicoanálisis y de la radioactividad.

La reina llevaba cubierta de velos rojos su túnica amarilla,
y el romano exhibía en cada uno de sus dedos un topacio descomunal. Homenaje frustrado
a los ojos de la Asombrosa Señora. ¿Quién, quién pudo engañarle
a él, azor tan sagaz, mintiéndole el color de aquellos ojos?

Nosotros en la intimidad le decíamos Ojito de Perdiz y Carita de Tucán,
pero en público la mencionábamos reverentemente como Hija del Sol y Señora del Nilo,
y conocíamos el secreto de aquellos ojos, que se abrían grises con el albor de la mañana,
y verdecían lentamente con el atardecer.
 

Gastón Baquero

TAGEBUCH EINES ZEUGEN

I

Als Johann Sebastian anfing, die Kaffeekantate zu schreiben,
war ich dabei:
ich gab über seinen Schultern mit den Fingerspitzen
den Takt der Sarabande an.

Ein wenig früher,
als der Signorino Raphael hinaufstieg, um die vatikanischen Kammern zu malen,
reichte ihm jemand, der ich war, ein wenig Weiß, klangvolles Rotbraun
und andere Tropfen jungfräuliches Blau, mischte und verdünnte sie,
bis wir gemeinsam die neugeborene Sonne an die Wand brachten
wie das Ei einer methylenblaugemästeten Henne.
Und wer hielt für Mozart den Kerzenleuchter,
als er (mit der Zunge zwischen den Mausezähnchen) die Geheimnisse der Flöte
und den Ohrwurm für den Vogelfänger und Papagena kritzelte?
Wer reichte ihm mit der anderen Hand einen Hähnchenflügel und ein Gläschen Wein?

Aber ich war eben auch dort, in einem Dort eines Raumes, den man mit Großbuchstaben schreiben kann,
in dem Augenblick, als der Geheimrat seinen Engadiner Gänsekiel eintauchte,
und kratz, kratz, auf das weiße Blättchen (das ich sorgfältig mit Löschpapier trocknete)
die Marienbader Elegien brachte und auch seine Tränen.

Und auch dort verdingte ich mich als Reitknecht,
als man das Pferd des Korsen am Zaum halten musste
und bergab bis Waterloo reiten sollte. Und dort, ganz rasch, ein wenig weiter, befand ich mich
neben einem dickbackigen und traurigen Mann, eher hässlich und nicht sehr hell,
der sich wie eine Vogelscheuche mitten auf einem Friedhof aufrichtete und aufbrauste:
Four score and seven years ago.

Und ich war es außerdem, der atemlos zurückkehrte (eine zarte und flinke Gämse aus Ebenholz an den Ufern von Manhatten),
weil ich an der Tür eines keuschen Mannes, erotisch wie das Wasser,
genannt Walterio, Walterio Whitman, wenn ich mich recht entsinne,
einen Korb mit Apfelsinen und Rotkohl für seine Suppe abstellte,
eine sehr geheime Gabe seiner Tante, deren strenger Ehemann keinen Umgang
mit dem leicht unanständigen, nach Kölnisch Wasser riechenden Riesenkerl duldete.

II

Schon früher, zu allen Zeiten, war ich häufig beteiligt. Ich war dabei:
(reichte Likörgläser, bewegte Gardinen, verteilte Kissen, nun ja, aber ich war dabei:)
beim ersten Gespräch von Gaius Julius mit der Königin vom Nil:
ein Kunstwerk, sag ich Euch, ein köstlicher Vorgeschmack auf Psychoanalyse und Radioaktivität.

Die Königin trug ihre gelbe Tunika in roten Schleiern eingehüllt,
und der Römer zeigte an jedem seiner Finger einen außergewöhnlichen Topas. Eine vereitelte Ehrerbietung
an die Augen der Erstaunlichen Frau. Wer, wer konnte ihn täuschen,
den so scharfsinnigen Habicht, und über die Farbe jener Augen schwindeln?

Unter uns nannten wir sie Rebhuhnäuglein und Tukanschnütchen,
aber in der Öffentlichkeit bezeichneten wir sie ehrfurchtsvoll als Tochter der Sonne und Herrin des Nils,
und wir kannten das Geheimnis jener Augen, die zur Morgendämmerung grau aufgingen
und mit dem Sonnenuntergang allmählich grün wurden.
 

Übertragen von Juana & Tobias Burghardt
 

Fortsetzung demnächst.
 

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Tobias Burghardt. Foto: privat

Tobias Burghardt. Foto: privat

Tobias Burghardt (Jahrgang 1961) ist Lyriker, Übersetzer und Verleger der Stuttgarter Edition Delta (www.edition-delta.de). Er veröffentlichte mehrere Lyrikbände, darunter seine Fluss-Trilogie und zuletzt »Septembererde & August-Alphabet« (2010). Seine Gedichte wurden in zahlreiche Sprachen übersetzt und Einzeltitel erschienen in Argentinien, im Irak, in Japan, Portugal, Serbien, Schweden und Venezuela. Er ist Mitbegründer und Koordinator des »Babylon Festivals für Internationale Kulturen & Künste«, das seit 2012 jährlich in Babylon und Bagdad stattfindet. Mit seiner Frau Juana Burghardt überträgt er lateinamerikanische Lyrik, katalanische Poesie, lusophone Lyrik und spanische Poesie. Sie sind Herausgeber und Übersetzer der Werkreihe von Miquel Martí i Pol, aus der Pep Guardiola im Sommer 2015 im Literaturhaus München las, und seit Herbst 2014 der Stuttgarter Juarroz-Werkausgabe, dem wir das GEDICHT-Motto »Ein Gedicht rettet einen Tag« (Roberto Juarroz) verdanken. Im Frühjahr 2017 wurden beide für ihr jeweiliges poetisches Werk und ihr gemeinsames literarisches Engagement zwischen den Kulturen und Sprachen mit dem Internationalen KATHAK-Literaturpreis in der südasiatischen Metropole Dhaka, Bangladesch, ausgezeichnet. Tobias Burghardt war GEDICHT-Redakteur der ersten Stunde und organisierte immer wieder wunderbare Sonderteile mit lateinamerikanischer Poesie für unsere Zeitschrift DAS GEDICHT.
Alle bereits erschienenen Folgen von »Im babylonischen Süden der Lyrik« finden Sie hier.

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