Im babylonischen Süden der Lyrik – Folge 19: » POETA DE TRES MUNDOS: ›MEMORIAL DE UN TESTIGO III-IV – TAGEBUCH EINES ZEUGEN III-IV‹ (GASTÓN BAQUERO)«

Tobias Burghardt flaniert jeweils am 5. eines Monats auf DAS GEDICHT blog durch die südlichen Gefilde der Weltpoesie. In der Rubrik »Im babylonischen Süden der Lyrik« werden Sprachgemarkungen überschritten und aktuelle Räume der poetischen Peripherien, die innovative Mittelpunkte bilden, vorgestellt.

 

Charakteristisch für die Gedichte von Gastón Baquero ist ein erzählerisches Element mit warmtönigen Klangfarben. Andererseits sind da seine traumhaften Reisen durch die Zeiten und Epochen, über geographische und historische Grenzen und Räume hinweg – eine tropische Algebra der Phantasie:

»Ich setzte die Vergangenheit mit der Gegenwart gleich, finde keinen Unterschied zwischen (Kaiser) Karl V. und Nixon, beide sind für mich Zeitgenossen. Scheinbar sind viele Jahre vergangen, aber in Wirklichkeit verging nicht ein Jahr. Wir Menschen beschäftigen uns damit, die Zeit mit Uhren und Kalendern zu unterteilen… Mich reizt auch der Makrokosmos, das Universum… Ich glaube, dass eins der großen Missgeschicke, die wir auf der Welt vorfinden, darin besteht, dass wir die Verbindung mit dem Kosmos verloren haben.«
(Gastón Baquero im Gespräch mit Susana Asenjo)

Gastón Baquero – Portrait mit der Handschrift des kubanischen Dichters (Foto: Enrique Hernández-D’Jesús)

Gastón Baquero – Portrait mit der Handschrift des kubanischen Dichters (Foto: Enrique Hernández-D’Jesús)

Hinzu kommt ein besonderer Blick, der mitunter die Offenheit und Frische kindlicher und sinnlich-anschaulicher Wahrnehmung aufweist: wissenshungrig, neugierig, geheimnisvoll und verschmitzt.

Viel Freude beim Hören der Orchestersuite Nr. 1 C-Dur BWV 1066 von Johann Sebastian Bach und zeitgleichen Lesen des Gedichts! (siehe Folge 18)
 

Gastón Baquero

MEMORIAL DE UN TESTIGO

III

Luego bajé a saltos las escaleras del tiempo, o las subí, ¡quién sabe!
para ayudar un día a ponerse los rojos calzones al Rey Sol en persona,
(la música de Lalande nos permitía bailar mientras trabajábamos):
y fui yo quien en Yuste sirvió su primera sopita de ajos al Rey, ya tenía la boca sumida, y le daba cierto trabajo masticar el pan,
y entré luego al cementerio para acompañar los restos de Monsieur Blas Pascal,
que se iba solo, efectivamente solo, pues nadie murió con él ni muere con nadie.
¡Ay Ias cosas que he visto sirviendo de distracción al hombre y engañándole sobre su destino!

Un día, dejadme recordar , vi a Fra Angélico descubrir la luz de cien mil watios,
y escuché a Schubert en persona, canturreando en su cuarto la Bella Molinera.

No sé si antes o después o siempre o nunca, pero yo estaba allí, asomado a todo
y todo se me confunde en la memoria, todo ha sido lo mismo:
un muerto al final, un adiós, unas cenizas revoladas, ¡pero no un olvido!

Porque hubo testigos, y habrá testigos, y si no es el hombre será el cielo quien recuerde siempre
que ha pasado un rumoroso cortejo, lleno de vestimentas y sonatas, lleno de esperanzas
y rehuyendo el temor: siempre habrá un testigo que verá convertirse en columnilla de humo
lo que fue una meditación o una sinfonía, y siempre renaciendo.

IV

Yo estuve allí,
alcanzándole su roja peluca a Antonio Vivaldi cuando se disponía a cantar el Dixit,
yo estuve allí, afilando los lápices de Mister Isaac Newton, el de los números como patitas de mosca,
y unos días después fui el atribulado espectador de aquel médico candoroso
que intentaba levantar una muralla entre el ceñudo portaestandarte Cristóbal Rilke
y la muerte que él, dignamente, se había celosamente preparado.

Sobre los hombros de Juan Sebastián,
con la punta de los dedos, yo llevaba el compás de lazarabanda. Y no olvido nada,
guardo memoria de cada uno de los trajes de fiesta del Duque de Gandía, pero de éstos,
de estos rojos tulipanes punteaditos de oro, de estos tulipanes que adornan mi ventana,
ya no sé si me fueron regalados por Cristina de Suecia, o por Eleonora Duse.

*Suite para orquesta n° 1 (1066), de J. S.Bach.
 

Gastón Baquero

TAGEBUCH EINES ZEUGEN

III

Danach sprang ich die Treppenstufen der Zeit hinunter – oder hinauf, wer weiß!
Um eines Tages dem Sonnenkönig höchstpersönlich in seine rote Unterhose zu helfen,
(die Musik von Lalande erlaubte uns, während der Arbeit zu tanzen):
und ich war es, der in Yuste dem König das erste Knoblauchsüppchen servierte, er hatte schon einen eingefallenen Mund und das Brotkauen bereitete ihm ziemliche Schwierigkeiten,
und später ging ich zum Friedhof, um die Überreste des Monsieur Blas Pascal zu geleiten,
der alleine schied, jawohl alleine, da niemand mit ihm starb und keiner mit keinem stirbt.
Ach, was ich alles gesehen habe, als ich dem Mann als Zeitvertreib diente und ihn über sein Schicksal belog!

Eines Tages, lasst mich erinnern, sah ich Fra Angelico das hunderttausend Watt Licht entdecken
und hörte Schubert persönlich, der in seinem Zimmer Die schöne Müllerin trällerte.

Ich weiß nicht, ob früher oder später oder immer oder nie, aber ich war dort, in der Nähe von allem
und alles vermischt sich in meinem Gedächtnis, alles war gleich:
zu guter Letzt ein Toter, ein Abschied, wirbelnde Asche, aber kein Vergessen!
Denn es gab Zeugen – und es wird Zeugen geben; wenn es nicht der Mensch ist,
wird es der Himmel sein, der sich immer entsinnt,
dass ein rauschendes Gefolge vorüberzog, erfüllt mit Kostümen und Sonaten, voller Erwartung
und der Furcht ausweichend: es wird immer einen Zeugen geben, der zusieht, wie sich in eine kleine Rauchsäule verwandelt,
was eine Betrachtung oder eine Symphonie war – und immer wiederkehrt.

IV

Ich war dort,
gab Antonio Vivaldi seine rote Perücke, als er das Dixit anstimmen wollte,
ich war dort und spitzte die Stifte von Mister Isaac Newton, der mit den Zahlen wie Fliegenbeinchen,
und einige Tage später war ich der gequälte Zuschauer jenes arglosen Arztes,
der eine Mauer zwischen dem düsteren Cornet Christoph Rilke
und dem Tod errichten wollte, für den er sich würdevoll und sorgfältig vorbereitet hatte.

Über den Schultern von Johann Sebastian
gab ich mit den Fingerspitzen den Takt der Sarabande an. Und ich vergesse nichts,
ich erinnere mich an jede Festkleidung des Herzogs von Gandía, aber von diesen
roten, goldgesprenkelten Tulpen, von diesen Tulpen, die mein Fenster schmücken,
weiß ich nicht mehr, ob sie mir Christine aus Schweden oder Eleonora Duse schenkte.

* Orchester Suite Nr. 1 (BWV1066) von Johann Sebastian Bach
 

Übertragen von Juana & Tobias Burghardt
 

»Er ist der Dichter dreier Kontinente: Lateinamerika, Afrika, Europa – der Kubaner Gastón Baquero, der sein halbes Leben außerhalb seiner Heimat verbracht hat. Aber auf merkwürdige Weise auch außerhalb seiner Zeit, denn was seine epischen Langgedichte ein ums andere Mal poetisch erweisen, das ist, dass die Grenze von Vergangenheit und Gegenwart fiktiv ist und dass wir Teil von Menschheit und Kosmos, nicht von Staat und Epoche sind.«
(Karl-Markus Gauß, litprom-Bestenliste – Weltempfänger)

 

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Tobias Burghardt. Foto: privat

Tobias Burghardt. Foto: privat

Tobias Burghardt (Jahrgang 1961) ist Lyriker, Übersetzer und Verleger der Stuttgarter Edition Delta (www.edition-delta.de). Er veröffentlichte mehrere Lyrikbände, darunter seine Fluss-Trilogie und zuletzt »Septembererde & August-Alphabet« (2010). Seine Gedichte wurden in zahlreiche Sprachen übersetzt und Einzeltitel erschienen in Argentinien, im Irak, in Japan, Portugal, Serbien, Schweden und Venezuela. Er ist Mitbegründer und Koordinator des »Babylon Festivals für Internationale Kulturen & Künste«, das seit 2012 jährlich in Babylon und Bagdad stattfindet. Mit seiner Frau Juana Burghardt überträgt er lateinamerikanische Lyrik, katalanische Poesie, lusophone Lyrik und spanische Poesie. Sie sind Herausgeber und Übersetzer der Werkreihe von Miquel Martí i Pol, aus der Pep Guardiola im Sommer 2015 im Literaturhaus München las, und seit Herbst 2014 der Stuttgarter Juarroz-Werkausgabe, dem wir das GEDICHT-Motto »Ein Gedicht rettet einen Tag« (Roberto Juarroz) verdanken. Im Frühjahr 2017 wurden beide für ihr jeweiliges poetisches Werk und ihr gemeinsames literarisches Engagement zwischen den Kulturen und Sprachen mit dem Internationalen KATHAK-Literaturpreis in der südasiatischen Metropole Dhaka, Bangladesch, ausgezeichnet. Tobias Burghardt war GEDICHT-Redakteur der ersten Stunde und organisierte immer wieder wunderbare Sonderteile mit lateinamerikanischer Poesie für unsere Zeitschrift DAS GEDICHT.
Alle bereits erschienenen Folgen von »Im babylonischen Süden der Lyrik« finden Sie hier.

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