July in der Stadt

Über die Entstehung von July in der Stadt

Julys in der Stadt: Leander Beil, Jan Struckmeier, Karolina Krauss, Katharina Wagner, Rudi Schmid (hinten, v.l.n.r.), Florian Beier, Elena Kaufmann, Sophie Zmijanek, Rebekka Pflug, Daniel Schlee (vorne, v.l.n.r.). Foto: Marek&Beier Fotografen

Das Projekt »July in der Stadt« nahm seinen Anfang in den Köpfen der damals 18jährigen Rebekka Pflug und Sophie Zmijanek, die sich auf einer langen Autofahrt mehr und mehr für die Idee begeisterten, eine Lesung junger Lyrik zu veranstalten. 2010 setzten die beiden diese Idee in Form einer Lesung von acht namenlosen Jungautoren in Münchens Seidlvilla um. Das Projekt »Namenlose lesen« wurde durch die Unterstützung der Jungen Presse München finanziell möglich.

Das Projekt »ID(ee)« verbindet zeitgenössischen Tanz und Lyrik der July-Mitglieder Elena Kaufmann und Sophie Zmijanek. Foto: Marek&Beier Fotografen

Nachdem sich die Wege der jungen Dichter für einige Zeit getrennt hatten, fand man im Januar 2012 wieder zusammen, bereichert durch einige neue Gesichter und in dem Vorhaben, abermals eine solche Lesung zu veranstalten. Erneut wurden die Junglyriker von der Jungen Presse München unterstützt.

Während der Vorbereitungen für diese Veranstaltung wuchs in der Gruppe der Wunsch heran, der Präsentation eigener Texte und dieser zehnköpfigen Runde als solcher einen größeren, beständigeren Rahmen zu geben.

Lesung »July im Garten«. Foto: Marek&Beier Fotografen

So entstand »July in der Stadt«, Junge Lyrik in der Stadt, samt Blog www.julyinderstadt.de , regelmäßigen Treffen und Lesungen in unterschiedlichstem Format.

Ob auf der Bühne, im Lesecafé, im Wechselspiel mit anderen Kunstformen oder spontan auf Decken an einem Sommerabend im Englischen Garten: Im Zentrum stehen immer die Begeisterung für Text und der Wunsch, diese mit dem Publikum zu teilen.

Die Julys zu Gast im Lesecafé Mare Balticum von Helker Pflug in Berlin. Foto: Marek&Beier Fotografen



 

Die Fenster schließen

von Leander Beil

Leander Beil, 20 Jahre, München, studiert Geschichte. Foto: Marek&Beier Fotografen

Wir sprechen von dieser Windows-Animation
mit ihren Wolken über unseren Köpfen, und davon,
den Computer mal auszuschalten. Kein Standby mehr,
den Stecker raus, den Akku pochend in der Hand.
Über was kann man jetzt noch schreiben?
Rechts- oder linkshändig? Wer weiß das noch.
Kindergekritzel, ein paar Großbuchstaben ins Notizbuch,
überholt vom rasenden Tastengeklapper der Nachbarn.
Der Himmel ist leer, die Anonymous-Fratzen
verschwunden von den Straßen.
Aber wir, wir sind da, obwohl das mit dem Gehen
nicht mehr flüssig läuft. Wer erträgt
dieses Tageslicht eigentlich freiwillig in den Augen,
und der Sonnenbrand sitzt jetzt schon
tief unter der Haut.

Wir sprechen davon,
es morgen noch einmal zu versuchen.
Den Fußball wieder auszugraben.
Wer kennt schon den Sportplatz
außer Google-Maps?
© Leander Beil, München

 

Pan

von Rudi Schmid

Rudi Schmid, 21 Jahre, lebt in München, studiert Komparatistik. Foto: Marek&Beier Fotografen

In meinen Nebennieren
treibt der gute alte Pan
wieder seine Herden
auseinander

Blutsauerstoff am Zeigefinger rechts
Blutentnahme am linken Unterarm

Elektrokardiogramm,
denn es könnte Flimmern sein.
Doch dann wäre ich längst tot.

Pressatmung,
dabei wird die Luft
beim Atmen angehalten
dabei wird das Herz
zwischen beiden Lungenflügeln
eingequetscht,

Massage der Arteria carotis communis,
dabei wird der Hals gestreckt
und ein Fingerbreit fest zugedrückt
dabei wird der Kopf gedreht
und der Puls wird dünner.
are Rauchen Sie?

Es ist nur Pan, hat sie gesagt,
der auf meinem Brustkorb sitzt
und beständig Löcher bohrt,
um seine stillen Herden aufzuscheuchen

Es ist nur Pan,
und der gute alte Pan
hat mir ins Blut gespuckt
und in meinen Nebennieren
seine stillen Herden
auseinander getrieben.
© Rudi Schmid, München

 

Was zu beweisen war

von Katharina Wagner

Katharina Wagner, 20 Jahre, lebt in München und beginnt ihr Studium im Herbst. Foto: Marek&Beier Fotografen

Und weil diese eine Sache mich in keinster Weise tangiert,
stehe ich hier im Regen unter meinem Baumdiagramm.
Stehe hier und spüre Wahrscheinlichkeiten an mir nagen,
spüre sie, wie irrationale Zahlen die eilig durch meine Gedanken wandern und sich vergrößern, quadratische Wurzeln schlagen.
Alle Grenzwerte sind längst übersprungen und mein Herz schlägt nun teilweise
auf parametrischen Kurven, die sich auflösen in unüberhörbaren Intervallen.

Warum strebst du gegen mich.
Warum bist du nur größer gleich und ich bin es nicht.
Unser größter gemeinsamer Teiler hat sich vor Jahren von uns getrennt und ist seinem eigenem Weg gefolgt. Einem, der schmaler war, und doch komplexer.
In unserer ganzen Konvergenz nicht einmal eine Zufallsvariable berührt.
In all unserern Ebenen nur normierte Tatsachen.
Und nur so schiebe ich dich parallel in die Unendlichkeit.
© Katharina Wagner, München

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