Melanie am Letzten – Folge 31: Der Bestseller

Es ist ein Wahnsinn, ein Irrsinn und nicht selten ein Blödsinn: So geht es zu im Tollhaus Welt. Der Mensch neigt zu seltsamen Verhaltensweisen, die schockieren, alarmieren oder amüsieren können. Was hilft zu guter Letzt? Die Poesie. Nicht ärgern, stänkern oder meckern, sondern dichten – meint die schwarzhumorige Poetin Melanie Arzenheimer und kommentiert die Deadlines des Lebens jeweils am Monatsende auf DAS GEDICHT blog.

 

Das tägliche Blutbad. Es ist ein Ritual, das immer mehr Menschen pflegen. Mord und Totschlag sind total trendy. Und das hat jetzt nichts mit der grausamen Wahrheit und irgendwelchen gehirnverbrannten Extremisten zu tun. Nein. Täglich, stündlich, minütlich wird gemordet und gemeuchelt. In Büchern, in Filmen und auf Theaterbühnen. Mal geht es recht stilvoll zur Sache (häufig mischen dabei britische Ermittler mit), andernorts greifen Verbrecher und Kommissare zu härteren Methoden (hier kommen die Vorbilder oft aus den USA). Aber beinahe am beliebtesten sind jene schrulligen Ermittler, die sich in der ländlichen Idylle mit kuriosen Todesfällen auseinandersetzen müssen. Gerade Bayern scheint da die perfekte Kulisse für diverse Variationen des spektakulären Ablebens zu ergeben. Und wenn dann auch noch im Dialekt geflucht, gefragt, geratscht und gestritten wird, begeistert diese Kombination aus uriger Exotik und hinterfotziger Gerissenheit die Leser und Zuschauer nicht nur in Bayern. Da kann der Lyriker nur zusehen und staunen. Und sich angesichts kriminell gefüllter Bestsellerregale in den großen Buchhandlungen ganz fürchterlich bemitleiden.
 

Krimis

müsste man schreiben
am Ende bleiben
keine Fragen offen
betroffen
bleibt der Leser zurück
die hübsche Blondine,
das biestige Stück,
hat ihren Gatten
gemeuchelt
geheuchelt
das ganze Getue
um Liebe
stattdessen
nur niedere Triebe
die sie in die Arme des
anderen trieben
von drüben
aus dem Bungalow
wo
der Sekt schöner prickelte
als das Bier des Ehemanns
doch der Herr Kommissar
kam ihr auf die Spur
verdächtige Flecken
in sauberen Ecken
hinten im Blutbad
ein Psychopath
nur um die Story
aufzupeppen
dazu ein paar Deppen
von der Dorfpolizei
Lokalkolorit macht
Kasse
eine Klasse Bewertung
auf Amazon
schon rollt der Rubel
das Werk ziert schließlich
das Bestseller Regal
im Hugendubel
während das Nachfolgewerk
bereits Formen annimmt
und die Geschichte
mit Sex, Betrug
und einer Blumenwiese
ließe
sich durch einen
schrulligen Ermittler
plus Serienkiller
als Thriller
Upgrade auch noch
verfilmen
mit Veronika Ferres
als Wasserleiche
an einer Eiche
herrlich drapiert
für die Einschaltquote
sind prominente Tote
ein Muss
am Schluss
noch ein Kuss
zwischen Mörder
und Ermittlerin
dann ein Schuss
das Scheusal siecht dahin
der Autor
im Abspann
freundlich genannt
fortan weltbekannt
kann zum Jahreswechsel
auf Lanzarote bleiben
Ja, Krimis
müsste man schreiben
 

© Melanie Arzenheimer, Eichstätt

 

Melanie Arzenheimer. Foto: Volker Derlath

Melanie Arzenheimer. Foto: Volker Derlath

»Melanie am Letzten« wird Ihnen von Melanie Arzenheimer präsentiert. Sie wurde 1972 in Eichstätt / Bayern geboren, wo sie heute noch wohnt. Melanie Arzenheimer arbeitet als Chefredakteurin bei der espresso Mediengruppe Ingolstadt, sowie als freiberufliche Hörfunkmoderatorin.
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Alle bereits erschienenen Folgen von »Melanie am Letzten« finden Sie hier.

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