Non-empirische Bedeutungsforschung

Marke, Warenzeichen oder »absolut geile Lyrik«*?
Was bedeutet eigentlich »A. G. L.«?

von Franziska Röchter

Was will uns dieses Akronym sagen? Welche Bedeutung verbirgt sich hinter diesen drei Buchstaben, über die kaum jemand mit hundertprozentiger Sicherheit sagen kann, ob sie nun durch Punkte getrennt werden oder nicht. Und überhaupt: Herrscht nicht sowieso schon einige Verwirrung über die Orthographie? »AGL« oder »agl«? Oder »A. G. L.« in Anlehnung an die geheime Gräfenberg-Zone?

Ich wollte der Sache auf den Grund gehen und befragte rein willkürlich und ohne den Hauch eines Anspruchs auf empirische Gültigkeit ein paar sehr unterschiedliche Dichter und Persönlichkeiten nach ihren spontanen Überlegungen und Assoziationen zur wahrhaftigen Bedeutung dieser Buchstabenkombination. Einzige Bedingung: Es sollten spontane Antworten sein.

Am schnellsten reagierte Babette Werth aus Berlin, bereits nach zehn Minuten kam ihre Liste von Vorschlägen:

Allerorts großer Lyriker
Aktiv galaktisches Lesefutter
Atemberaubende Gestalt live
Atemraubender Gedicht Lauf
Arche genialer Literatur
Allerorts gigantischer Lesehunger

© Babette Werth

Das fing doch wunderbar an. Mir selbst waren nur solche meines Erachtens naheliegenden Wortkombinationen wie

Autonome Grenzliteraten
Allgemeine Gipfel-Literatur
Angstfreie Grenz-Literatur
alles ganz locker
artig geht lieber nicht
Alter geht vor Langeweile
alles ganz leicht
Allgemeine Ganzkörper-Lyrik

© Franziska Röchter

eingefallen. Da müsste man wohl einmal einen Tiefenpsychologen heranlassen: zum einen, weil die Ergebnisse eines spontanen Brainstormings ungeahnte Erkenntnisse über deren Urheber offenbaren könnten, zum anderen, weil ich selber einmal wissen möchte, was eigentlich genau mit »Allgemeiner Ganzkörper-Lyrik« gemeint sein könnte.

Nun meldete sich Rudolf Kraus aus Wien zu Wort:

astronomisch gute lyrik
*absolut geile lyrik
achtung gedichte leben

© Rudolf Kraus

Was stimmt, das stimmt. Ralph Grüneberger aus Leipzig, der ›auf dem Sprung‹ und schon deshalb sehr spontan war, steuerte dieses bei:

Anton Goes Lyrik
aktiv, geistreich, leidenschaftlich

© Ralph Grüneberger

Auch Xóchil A. Schütz hatte eine Idee:

Alle Gedanken kreisen um Lyrik

© Xóchil A. Schütz

Und der Münchner Alfons Schweiggert machte Folgendes aus der Bedeutungssuche:

Aus Anstand Ablehnung Aller Arschlöcher
Glücks Gläubiger Gewohnheits Grenzgänger
Lust Last Lallender Liederlicher Liebes Lurch

© Alfons Schweiggert

Von Alma Larsen, ebenfalls aus München, kam dieser Vorschlag:

Aktion geglückt: Lob!

© Alma Larsen

Alma Larsen hatte so viel Spaß am Raten und Assoziieren, dass sie sich noch mehr einfallen ließ:

A. G. L.

1. Akronym gewährt Lust

anfangs glückt Leben
aber ganz lange?
Apfel grüßt Labsal
auch genießt Lippe
Alptraum gleicht Liebe
als geile Lüge
Affe grinst listig
angelt gern Lob

2.

AnGLer GeLAng LAnGsamkeit
AnGesteLlte GLAubte LobGesAng

AnGLer GLAubte LobGesAng
AnGesteLlte GeLAng LAnGsamkeit

3.

Atem geht luftig
als Gauner leben:
ach, große Leistung!

© Alma Larsen

Auch Ulrike Draesner fand eine Definition für das geheimnisvolle Akronym:

AGL-Antwort

der, die, das AGEL: agiles, dem Fischen, vulgo Angeln zugeneigtes
Wasserwesen, tentakelig begabt, mehrsprachig, das sich kaum jemals in,
aber stets in der Nähe von Gewässern aufhält, und selbst bei Hagel nicht
fragilt

© Ulrike Draesner

Ulrich J. Beil, Mitherausgeber von DAS GEDICHT Nr. 18 (»Die Poesie von Licht und Schatten«), hatte ebenfalls Spaß an der Bedeutungsforschung und verkündete:

Aufs-Ganze-Lyrik!
Aufmüpfiger-Gedichte-Liebhaber
Am Gedicht laborieren!
Auf gehts, LyrikerInnen!
Am GEDICHT liegt’s!

© Ulrich J. Beil

Anscheinend inspiriert »AGL« zum komplexeren Dichten und Deuten. So wirken auch Semier Insayifs spontan entstandene Zeilen komponiert:

alle gehen lesen
aal glatt – lachhaft
außer gerichtliche leidenschaft
auf gleitenden lippen
akrostichonal gekreuztes leipogramm
alt(e) griechische liebe
angeblich großes leuchten
allwissend gute laune
atypische gerichts lyrik
außerirdische gedicht leistung
ah geh leck …
anton grinst leise

© semier insayif

Ludwig Wolfgang Müller fand folgende Antworten:

AktionsGemeinschaft »Lesen«
Alpen-Gaudi-light (= Carmen Nebel Show)

A geh loßsmiinruah

© Ludwig Wolfgang Müller

Und im Zusammenhang mit dem Fund von Vegetarierbüchern im Internet trug er zwei Tage später noch Folgendes nach – mit dem Hinweis, man könne Kindern zu Weihnachten mit Hilfe von »AGL« auch das Thema ›Tierleid‹ erklären:

A.G.L. – Auch Gänse leiden!

© Ludwig Wolfgang Müller

Und last but not least erreichten mich noch zwei Vorschläge von Wolfgang Oppler, der mit AGL das »Amt für Gemeindliche Liegenschaften« oder »Aphorismen Gedichte Lyrik« assoziiert.

Das Ergebnis der Forschungsarbeit: Ich bin erstaunt, dass es nicht eine einzige Überschneidung bei dieser Mini-Umfrage gab, damit hatte ich nicht gerechnet. Was – wenn es denn auch noch etwas Empirie gegeben hätte – beweisen würde, dass die deutsche und österreichische Dichterschaft sehr kreativ ist und vor allem originell! (Hochgerechnet auf andere außereuropäische Länder könnte man – non-empirisch – schlussfolgern: diese auch!)

Nur eines wurde nicht geklärt: Die Sache mit der Gräfenberg-Zone. Aber die ist eh überholt – soll es nicht sogar zwei geben?

Alles Gute zum Geburtstag an Anton G. Leitner!

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