ode an den fisch den ich gestern aß

von Augusta Laar

oh, orate, ich bete dich an
wie du schimmerst und scheinst, liegst
auf dem teller wie eine kostbare handtasche
in diamanten und platin. silbern deine
haut und noch glänzend vom wasser
ich suche dich aus. dann kommst du im mantel
aus mohn und pfirsichen, trauben & nüssen

oh, orate, ich bete dich an
und beginne dich zu zerteilen. dein weißes fleisch
zerfließt wie warmer schnee in meinem mund singt
in meinen knochen wie das mondlicht, ich bade
in deinem mondfleisch. oh, orate, du machst mich
stark und satt. ich schlürfe dich mit weißwein und
kühle dich zum dessert in zitroneneis, das trifft sich
mit deinen schneeflocken, sie tanzen
zusammen in meinem magen

oh, orate, du gehst mir nicht aus dem kopf, dein
skelett füllt mich aus, strafft meine haut oh, orate,
ich winde mich wohlig und bewege vorsichtig
meine flossen

© Augusta Laar, Krailling

www.poeticarts.de

Illustration von Elisabeth Süß-Schwend zu »ode an den fisch den ich gestern aß« von Augusta Laar

2 Kommentare

  • Rosa Maria Bächer

    Liebe Augusta Laar,
    Ihr Gedicht bewegt und berührt mich sehr. Sie sprechen mit großem Respekt über den Verzehr eines Lebewesens, das so respektlos behandelt uns vermarktet wird. Es ist eine Freude, Ihre Freude am Genuss zu spüren, diese Augenfreude an der Schönheit des Fisches außen und innen, und am Schluss dieses Einssein – alles Leben kommt aus dem Wasser…
    Als ich letzthin eine Forelle aß, die ich vorher noch lebend im Bassin schwimmen sah und dann gekrümmt auf dem Teller vor mir hatte, sahen mir diese nun trüben, verschleierten Augen entgegen – das war ein Moment des Innehaltens. Dann aber sagte ich laut: „Danke, du Fisch, du bist heute für mich da und machst mich satt.“ Also – „orate“!
    Mit herzlichen Grüßen,
    Rosa Maria Bächer

  • …Und auch die Zeichnung gefällt mir sehr! Ein großer Gewinn und der richtige Weg für die Lyrik, sich mit den Schwesterkünsten zu verbünden. Dieser Weg ist aufwändig, aber es ist unverzichtbar, ihn zu gehen, glaube ich. Toll, dass Elisabeth Süß-Schwend mitmacht, toll aber auch die Idee, sie gefragt zu haben. Ich stelle fest: Das Leitner-Imperium wächst. Und wird immer schwerer zu überblicken… Aber es hat sich noch immer gelohnt, den Überblick zu behalten. Congratulations!

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