Reisepoesie Folge 10:
Stéphane Mallarmé │ »Brise Marine«

In 21 Folgen stellt die Online-Redaktion der Zeitschrift DAS GEDICHT internationale Reisepoesie aus vier Jahrtausenden vor. So können Sie sich gemeinsam mit uns auf den Weg zur neuen Ausgabe von DAS GEDICHT begeben. Die buchstarke Nummer 21 wird ab Herbst 2013 zeitgenössische Gedichte versammeln, die ums Reisen kreisen.

Stéphane Mallarmé
»Brise Marine«

Das fleisch ist trauernd ach! und alle bücher las ich.
O fliehen dorthin fliehn! ich weiss dass vögel trunken
Inzwischen unbekanntem schaum und hirmmel sind.
Nichts – auch die alten gärten die das auge spiegelt
Nichts – hält dies herz zurück das sich im meere badet.
O nächte! weder die verlassne helle meiner lampe
Auf meinen leeren blättern die die weisse schüzt ·
Noch auch die junge frau die ihren säugling stillt.
Ich zieh ins ferne. Dampfer das getakel schaukelnd
Den anker heb nach einer fremden heissen erde!
Ein leid · um grausam hoffen in verzweifelung ·
Vertraut noch auf der taschentücher lezten gruss.
Vielleicht sind diese masten die die stürme laden
Von denen die ein windstoss neigt auf die zerschellten
Verlornen · ohne mast noch grüner insel flor …
Doch · o mein herz · horch horch auf der matrosen chor!

(übersetzt von Stefan George als »Seebrise«)

Über Stéphane Mallarmé

»horch auf der matrosen chor!« – hätte Mallarmé (1842 – 1898) die Sirenen-Episode in der Odyssee neu bearbeitet, so hätten vermutlich die Sirenen sich an Land anbinden müssen, die Ohren voller Wachs, damit sie nicht zu den singenden Seemännern aufs Boot gezogen worden wären. Der vielleicht wichtigste Vertreter des französischen Symbolismus versammelte in seinem Dienstagsstammtisch (Mardis) ab 1877 so ziemlich jeden Namen, den Europa in ihrem Gedächtnis behalten sollte: z.B. Rainer Maria Rilke, William Butler Yeats, Oscar Wilde, Paul Valéry und eben auch Stefan George, von dem diese Übersetzung von »Brise Marine« stammt. Wir stellen diesem Blog-Beitrag jedoch noch zwei weitere Übersetzungen von Mallarmés »Brise Marine« bei (siehe unten).

Der Mallarmé-Verehrer Stefan George war ja, wie dasgedichtblog schon am Anfang dieser Reihe zeigte, ein manischer Übersetzer. Seine Übertragungen führten zur Popularisierung der französischen Moderne in Deutschland. Ohne aber konsterniert darüber nachzudenken, was bei einer Übersetzung verloren gehen könnte, versuchte George einen neuen Duktus in seine Sprache zu bringen, indem er sich am Geist der ausländischen Zeitgenossen orientierte. Das Portrait des Poeten als Übersetzer wäre im Hinblick auf George, aber auch viele andere europäische Lyriker seiner Generation noch zu schreiben. Während also viele depressiven Neuphilologen über das lost in translation trauern, können Lyriker die Übersetzung als eine sprachübergreifende sportliche Herausforderung betrachten: Gained in translation meint dann die semantischen wie pragmatischen Bedeutungshöfe, die sich in jeder Überdichtung öffnen, ohne die unaufhebbare Spannung zum Original zu leugnen.

Zwei weitere Fassungen von »Brise Marine« aus der George-Zeit:

Seebrise (Franz J. Nobiling, 1984 – 1915)

Mein Fleisch ist dumpf, mein Gott, las aller Bücher Seiten –
Flieh’n! weitfern flieh’n! Ich fühl’s, in Trunkenheiten
Schwebt zwischen fremdem Schaum und Blau der Vögel Schar.
Nichts, nicht die alten Gärten, die ein Augenpaar
Rückstrahlt, nichts hält dies Herz zurück, das in die Wellen
sich taucht: O Nächte! nicht verlass’ner Lampe Hellen
Dort auf dem Leer-Papier, des Weiß dem Angriff wehrt;
Das junge Weib auch nicht, das fromm ihr Kindlein nährt.

Zur Ferne auf! Du Schiff mit deiner Meisten Schaukeln,
Die Anker hoch! Fahr hin, wo fremde Wunder gaukeln!
Ein Überdruß, entsetzt durch Hoffnungsgrau und Spott,
Glaubt noch an Tüchergruß und letztes »Zieh mit Gott« …

Sind’s etwa Masten, von Orkanen auserkorne,
Und solche, die der Sturm auf Trümmer deckt? verlorne?
Bald Schiff nicht mehr, noch Mast? … Blustinseln nirgendwo?
Und dennoch, Herz! O hör des Seevolks Hohiho!

Meereswind (Richard von Schaukal, 1874 – 1942)

Das Fleisch ist traurig, ach! und ich hab ausgelesen.
Fliehn! Dorthin fliehn! Du Rausch vom Flügelwesen,
so zwischen unbekanntem Schaum und Himmel sein!
Nichts, nicht im Aug der alten Gärten Widerschein
hält mein ins Meer schon tauchendes, das Herz mir hier
noch, o ihr Nächte! auf dem leeren Blatt Papier,
es weigert mir sein Weiß, einsamer Lampe Licht,
nein, auch die junge Frau, die dort ihr Kind stillt, nicht.
Ich werde weggehn! Dampfer, Masten wiegend, schwanker
lichte nach fremden Wunderwelten deinen Anker!
Weh, vor Qual grausamer Hoffnung, glaubt beim Blinken
der Tücher noch, dass sie den letzten Abschied winken!
Und, nach Gewittern rufend, diese Masten sind
vielleicht wie sie auf Schiffbruch niedergebeugt ein Wind:
dann ohne Mast noch fruchtbar Eiland Untergang …
Doch, o mein Herz, halt ein, horch der Matrosen Sang!

Diese Auswahl von Reisegedichten aus vier Jahrtausenden wird Ihnen von Paul-Henri Campbell präsentiert. Campbell ist 1982 in Boston (USA) geboren und schreibt Lyrik sowie Prosa in englischer und deutscher Sprache. Zuletzt erschien »Space Race. Gedichte:Poems« (2012). Im Herbst erscheint »Am Ende der Zeilen. Gedichte.«

Mehr Reisegedichte erwarten Sie in DAS GEDICHT 21 (erscheint im Oktober 2013).

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