Reisepoesie Folge 11:
Homer │ »Hymne an Selene«

In 21 Folgen stellt die Online-Redaktion der Zeitschrift DAS GEDICHT internationale Reisepoesie aus vier Jahrtausenden vor. So können Sie sich gemeinsam mit uns auf den Weg zur neuen Ausgabe von DAS GEDICHT begeben. Die buchstarke Nummer 21 wird ab Herbst 2013 zeitgenössische Gedichte versammeln, die ums Reisen kreisen.

Homer
»Hymne an Selene«

Und nun wird’s Zeit, ihr sangbegabten Töchter des Zeus,
ihr süßgestimmten Musen, vom langgeflügelten Mond
zu singen, von deren ewigem Haupt vom Himmel her
ein Glanz das Irdische umfängt; und groß ist’s Schöne,
das dem hellen Schein entspringt. Die Luft, zuvor
ein matter Horizont, im Glanz der goldnen Krone
erstrahlt nun, und klärend leuchten ihre Strahlen, sooft
die lichtreiche Selene ihren Leib getaucht hat
in Okeanos Fluten, angezogen hat
ihr weithin glitzerndes Gewand, die Zügel gezurrt hat
und nun ihre langbemähnten Gäule treibt am Abend
der Monatsmitte: dann ist ihr Kreis erfüllt und dann
sind ihre Strahlen am stärksten, wenn sie aufgeht—und sie
ein sichres Zeichen und Gemarkung auch den Sterblichen.

[…]

Ich grüße dich, du blassarmige Göttin, du,
dich, lichtreiche Selene, milde Königin,
du Glanzgelockte. Und jetzt schon geh ich wieder fort
und lasse dich dort droben, um selbst ein Lied zu singen
vom Ruhm der Halbvergöttlichten, deren Taten sie feiern,
die Sänger, Diener der Musen, mit lauten, lieblichen Lippen.

(übersetzt für dasgedichtblog von Paul-Henri Campbell)

Über Homer

Homer (Gustav Seeck datiert seine Lebensdaten irgendwo zwischen 750–700 v. Chr.) ist vor allem durch die epische Literatur bekannt, die ihm zugeschrieben wird. Aristoteles behauptet, Homer habe auch ein Gedicht über einen Dummkopf verfasst, das »Margites« hieß und nicht erhalten ist. Während »Odyssee« und »Illias« für die westliche Literatur den Charakter eines Pentateuchs haben, ist Homers Hymnographik hingegen weniger bekannt. Obwohl vielleicht doch gerade bei den Hymnen an verschiedene Gottheiten, von denen wir heute die 32. vorführen, sich schon früh etwas abzeichnet, dass man als eine Poetisierung von kultischen Liedern und Gebeten bezeichnen könnte. Während die übrigen Hymnendichter mit Heiligtümern verbunden waren – Olen z.B. mit Delos – oder sie ausdrücklich ihre Hymnen – wie z.B. Orpheus oder sein Schüler Musaios – ›für‹ die jeweilige Gottheit verfassten, entkoppeln sich die homerischen Hymnen von ihren überirdischen Adressaten. Sie werden, um die These völlig zu überspannen, zu dem, was wir als autonome Poesie im modernen Sinne bezeichnen, eine Art antike L’art pour l’art.

Die Hymne »Εἲς Σελήνην« umfasst nur 20 Verse. Ihre Sprache ist aber nicht nur formelhaft. Das lyrische Ich, wenn man so will, schaltet sich zum Schluss ein, setzt sich ins Verhältnis zur Adressatin seines Lieds. Man hat das Gefühl, Selene wird zur »Dark Lady« aus Shakespeares Sonetten, nur diese ist »λευκώλενος« (weißarmig) und »εὐπλόκαμος« (gold- oder glanzlockig). Und dann, da der höchste Punkt des Besingens seiner liebsten ›hellen Dame‹ fast erreicht ist, wendet sich das lyrische Ich von Selene ab, »um selbst ein Lied zu singen.« Ja, die Hymne klingt (z.B. die Assonanzen: »ἀπὸ στομάτων ἐροέντων.«). Und sie klingt vor allem nach – beispielsweise in William Wordsworths »To the Moon« (»A Bard, who, lately near the wide-spread sea / Traversed by gleaming ships, looked up to thee«).

Diese Auswahl von Reisegedichten aus vier Jahrtausenden wird Ihnen von Paul-Henri Campbell präsentiert. Campbell ist 1982 in Boston (USA) geboren und schreibt Lyrik sowie Prosa in englischer und deutscher Sprache. Zuletzt erschien »Space Race. Gedichte:Poems« (2012). Im Herbst erscheint »Am Ende der Zeilen. Gedichte.«

Mehr Reisegedichte erwarten Sie in DAS GEDICHT 21 (erscheint im Oktober 2013).

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