Reisepoesie Folge 12:
Lai breton (Tradition) │ aus »Sir Orfeo«

In 21 Folgen stellt die Online-Redaktion der Zeitschrift DAS GEDICHT internationale Reisepoesie aus vier Jahrtausenden vor. So können Sie sich gemeinsam mit uns auf den Weg zur neuen Ausgabe von DAS GEDICHT begeben. Die buchstarke Nummer 21 wird ab Herbst 2013 zeitgenössische Gedichte versammeln, die ums Reisen kreisen.

Lai breton (Tradition)
aus »Sir Orfeo«

Die Leier war sein einziges Vergnügen:
In einem hohlen Baum verwahrte er
die siebenseitige Gespielin, und wenn
der Himmel klar und frei von Wolkenzügen
erheitert war, dann schwelgte, spielte er
für sich, nach seiner Art mit schwingenden
Gebärden in den Wald hinein und alles
Gehölz war seiner Klänge Wiederhall.
Sooft Orfeo spielte, sammelten
sich wilde Wesen um die Melodie:
Die Vögel zogen Kreise um sein Haupt
und drängten sich dann still in dem Gezweig.
Die Bären unterbrachen ihren Raub;
sie rollten auf dem Rücken wie im Spiel.
Die Wölfe lagen zahm beim Lamm im Staub.
Die Blüten und die Bäume lauschten hingeneigt
und waren still in ihrem zartgerollten Laub.
Der stummen Fische trüber Grund erhellte
und jeder Strom, der über Steine schnellte
und glitzernd eilte, hielt wie glücklich inne.
Die Berge nahten. Hügel rollten sanft heran.
Vom Lied war alle Welt ein tiefes Sinnen,
im Horchen entzückt in Orfeos Leier Bann,
dass selbst, was nicht empfindet, kurz empfand.

(übersetzt für dasgedichtblog von Paul-Henri Campbell)

Über Lai Breton

Lai breton bezeichnet eine Strömung der Dichtung, die zwischen dem 12. und 14. Jahrhundert in vielen Teilen Europas ihre Blüte erlebte. Häufig finden sich darunter narrative Langgedichte zwischen 600 und 1000 Versen. Das »Lai d’Orphey« ist die altfranzösische Fassung, von der eine mittelenglische Adaption »Sir Orfeo« überlebte, die wir Ihnen heute in einer zeitgenössisch deutschen Übertragung vorstellen. Charakteristisch für die mittelenglische lay-Dichtung ist ihre Nähe zur Volksdichtung, wobei die Barden, die sie betreiben, zugleich dem höfischen Milieu zuzurechnen sind. Was passiert also? Die antike Überlieferung des thrakischen Sängers Orpheus ist dem Sänger im 13. Jahrhundert aus zweiter Hand irgendwie bekannt; gleichzeitig gibt es in dem unmittelbaren Umfeld des Sängers einige keltische sowie bretonische Erzählungen, die von allerlei geraubte Königinnen handeln (die geraubte Königin ist eine Art mediävale Phantasie, die obsessiv und variantenreich durchgespielt wird). Die antiken sowie die keltisch-christlichen Erzählstränge jedenfalls verschmelzen zu einer hybriden Neufassung.

Sir Orfeo wird zum König von Thrakien, dem ein üppiges Reich gehört, eine herrliche Königin Heurodis (sprich: Eurydike) liebevoll zugeneigt ist, und der ein mächtiges Heer und Ritterschaft befielt. Zu dumm nur, dass der böse, rumpelstilzchenartige Feenkönig Heurodis im königlichen Hain aufspürt und der erlauchten Fürstin offenbart, er werde sie am nächsten Tag erneut besuchen und ins Otherworld entführen. Und keine Anstrengung Sir Orfeos und seiner Ritter kann diesen angekündigten Raub vereiteln. Sir Orfeo ist also plötzlich – wie es die mediävale Phantasie will – ein strohverwitweter Regent. Doch nun geschieht etwas, das eine radikale existenzielle Konsequenz ist: Er übergibt sein Reich an einen Steward und geht in die Ödnis. Nicht etwa, um seine Königin zu suchen oder zu finden, sondern er geht in einem radikalen Schnitt zu seiner bisherigen Seinsweise in ein neues Leben, in dem er sich von Wurzeln ernährt, im freien schläft und nur die Leier bei sich hat. Die Dichter des »Sir Orfeo« wollten sozusagen eine Metamorphose des Herrschers entwerfen, darin der König seine innere Souveränität unabhängig von seiner sozialen Position behält. Sir Orfeo geht also 10 Jahre in die Wüstenei.

An dieser Stelle setzt die Szene ein, die wir in diesem Beitrag präsentieren. Sie nimmt freilich ein Motiv auf, das in der jüdisch-christlichen Überlieferung als das Motiv des Tierfriedens (z. B. Jes 11:6f.) bekannt sein dürfte, dessen Vorlage wiederum die antike Orpheus-Tradition war. Das Lied des Sir Orfeos wird zum messianischen Moment der Harmonisierung und Befriedung der Kreaturen, die sich sonst gegenseitig jagen und töten.

Diese Szene ist nur ein einziges Beispiel der zahlreichen poetischen Momenten im »Sir Orfeo«. Wenn er später seine Königin zufällig und völlig unmotiviert im Wald zu erkennen glaubt, verfolgt er sie, die mit einigen Damen tanzte, und gelangt ins subterrane Otherworld. In dieser gigantischen Höhle findet er den kristallenen Palast des Feenkönigs, wo er seltsame Kammern von zu Stein erstarrten Menschen durchschreitet, bis er zum Thronsaal gelangt. Das Ende der Story ist allerdings in der christlich-monarchistischen Logik gedacht: Sir Orfeo gewinnt seine Königin zurück und auch sein Königreich.

Diese Auswahl von Reisegedichten aus vier Jahrtausenden wird Ihnen von Paul-Henri Campbell präsentiert. Campbell ist 1982 in Boston (USA) geboren und schreibt Lyrik sowie Prosa in englischer und deutscher Sprache. Zuletzt erschien »Space Race. Gedichte:Poems« (2012). Im Herbst erscheint »Am Ende der Zeilen. Gedichte.«

Mehr Reisegedichte erwarten Sie in DAS GEDICHT 21 (erscheint im Oktober 2013).

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