Reisepoesie Folge 13:
Hart Crane │ aus »The Bridge«

In 21 Folgen stellt die Online-Redaktion der Zeitschrift DAS GEDICHT internationale Reisepoesie aus vier Jahrtausenden vor. So können Sie sich gemeinsam mit uns auf den Weg zur neuen Ausgabe von DAS GEDICHT begeben. Die buchstarke Nummer 21 wird ab Herbst 2013 zeitgenössische Gedichte versammeln, die ums Reisen kreisen.

Hart Crane
aus »The Bridge«

Ein Wandern, das Leere im Gedächtnis braucht;
Erfinden, das das Herz mit Pflasterstein versiegelt;
Du, Brücke, bist unsagbar dir, oh deine Liebe!
Für der Geschichte Gang gib Ablass, reine Blüte,
oh du Erwiderin von allem, Anemone,
da deine Blütenblätter jetzt verschwenden die Sonnen,
so halte inne – (deren Glanz mein Erbe ist):
Atlantis – halte deinen treibenden Sänger lange
bis in die Tiefe halt ihn fest, in tiefster Nacht.

(übersetzt für dasgedichtblog von Paul-Henri Campbell)

Über Hart Crane

»hold thy floating singer late!« – liest man den Schlussvers zusammen mit dem, was am 27. April 1932 passierte, als Hart Crane von der USS Orizaba in die Fluten des Golf von Mexikos sprang, bleibt ein zwiespältiges Gefühl zurück. Bedient der 1899 in Ohio geborene Hart Crane nicht das Klischee des in Not geratenen Dichters, der sich umbringt oder durchbringt, und das uns so gut gefällt, weil es romantisch ist? Oder berührt uns eben der sich durchwindende Gestus in dem epischen Gedicht »The Bridge« (1930), weil er durchwirkt ist von der unbedingten Wahl und der abgründigen Präsenz des Todes? Vielleicht sind diese beiden Alternativen, von Klischee und Authentizität, unfair und unzutreffend bzw. verhalten sich nicht als Alternativen zueinander. Sie verweisen aber darauf, was in der Beziehung zwischen Autor und Werk auf dem Spiel steht, zwischen Werk und seiner biographischer Genese. Unabhängig davon, wie abstrakt ein Werk auch sein mag, verlangt es uns danach, das Drama des Ichs auf seiner Lebensreise mitzudenken, welches dieses Werk als Werk erringt.

Hart Crane führt das große Projekt der emersonschen Tradition fort, indem er das Erbe Europas amerikanisiert, d.h. weiterentwickelt, damit es fortbestehen kann. Ein ähnliches Projekt betrieb William Carlos Williams in seinen Essays »In the American Grain«. Hart Crane arbeitete sich also an der Definition dessen ab, was Amerika als Erbin Europas und als radikalste Vollstreckerin der industriellen Moderne sei. Sein poetisches Projekt ist demnach – wie auch das von Ezra Pound – letztlich bei aller sprachlichen und motivischen Innovation reaktionär. Waldo Frank schreibt: »Crane war ein Mystiker. Der Mystiker ist ein Mann, der durch unmittelbare Erfahrung die organische Kontinuität zwischen dem Selbst und dem Kosmos erkennt.« Der Begriff der Kontinuität in ihrer Diskontinuität ist wichtig für die Lyrik auf der Linie von Emerson und Whitman. Sie bleibt auch wichtig für T.S. Eliot, Conrad Aiken oder Robert Lowell (egal wie unterschiedlich ihre Werke sind). Die Brücke ist ein Übergang über eine symbolische Topographie, die Hart Crane »the sea« oder das Meer nennt. Das Meer ist das Symbol für Versenkung, Verschmelzung und Verschwimmen – ein Symbol der Einheit ist sodann die Brücke, die über das Meer hinüberführt. Diese Symbole sind nicht innovativ, aber dafür elementar. Sie sind ausreichend, um sie zur Bühne für die amerikanische Geschichte werden zu lassen.

Diese Auswahl von Reisegedichten aus vier Jahrtausenden wird Ihnen von Paul-Henri Campbell präsentiert. Campbell ist 1982 in Boston (USA) geboren und schreibt Lyrik sowie Prosa in englischer und deutscher Sprache. Zuletzt erschien »Space Race. Gedichte:Poems« (2012). Im Herbst erscheint »Am Ende der Zeilen. Gedichte.«

Mehr Reisegedichte erwarten Sie in DAS GEDICHT 21 (erscheint im Oktober 2013).

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