Reisepoesie Folge 17: August Graf von Platen │ »Venedig«

In 21 Folgen stellt die Online-Redaktion der Zeitschrift DAS GEDICHT internationale Reisepoesie aus vier Jahrtausenden vor. So können Sie sich gemeinsam mit uns auf den Weg zur neuen Ausgabe von DAS GEDICHT begeben. Die buchstarke Nummer 21 wird ab Herbst 2013 zeitgenössische Gedichte versammeln, die ums Reisen kreisen.

August Graf von Platen
»Venedig«

Ich fühle Woch‘ an Woche mir verstreichen,
Und kann mich nicht von dir, Venedig, trennen:
Hör ich Fusina, hör ich Mestre nennen,
So scheint ein Frost mir durch die Brust zu schleichen.
Stets mehr empfind ich dich als ohne Gleichen,
Seit mir’s gelingt, dich mehr und mehr zu kennen:
Im tiefsten fühl ich meine Seele brennen,
Die Großes sieht und Großes will erreichen.
Welch eine Fülle wohnt von Kraft und Milde
Sogar im Marmor hier, im spröden, kalten,
Und in so manchem tiefgefühlten Bilde!
Doch um noch mehr zu fesseln mich, zu halten,
So mischt sich unter jene Kunstgebilde
Die schönste Blüte lebender Gestalten.

Über August Graf von Platen

Karl August Georg Maximilian Graf von Platen-Hallermünde (1796–1835) war ein Dichter der Romantik. Inspiriert vom Orientalismus des frühen 19. Jahrhundert, experimentierte er mit dem monoreimenden Ghasel, einer arabischen Form, die (ähnlich wie der Haiku) in der europäischen Form-Tradition adaptiert wird. Umfangreiche Reiseberichte finden sich im Übrigen in seinen Tagebüchern, besonders interessant sind die Einträge zu Italien. Hier eine kleine, zum Schmunzeln verführende Passage:

»Die Lage am Meer ist ziemlich kahl, und man glaubt eine Wüste zu sehen, wenn man an Neapel denkt. Bloß vom Leuchtturm ist die Aussicht nach Elba und den beiden Inseln Capraja und Gorgona, die auf eigentümliche Art im Dante vorkommen [Inferno XXXIII, 82; A. d. R.], interessant. Das Beste war eine Trattoria, wo man im Freien, in einem Garten, ist. Wir reisten mit einem Griechen, der mir Lust machte, einmal die ionischen Inseln zu besuchen, da man von Ancona mit dem Dampfboot in achtundvierzig Stunden in Korfu ist.«

Diese Auswahl von Reisegedichten aus vier Jahrtausenden wird Ihnen von Paul-Henri Campbell präsentiert. Campbell ist 1982 in Boston (USA) geboren und schreibt Lyrik sowie Prosa in englischer und deutscher Sprache. Zuletzt erschien »Space Race. Gedichte:Poems« (2012). Im Herbst erscheint »Am Ende der Zeilen. Gedichte.«

Mehr Reisegedichte erwarten Sie in DAS GEDICHT 21 (erscheint im Oktober 2013).

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