Reisepoesie Folge 20: Dante Alighieri │ aus der »Göttlichen Komödie: Paradiso«

In 21 Folgen stellt die Online-Redaktion der Zeitschrift DAS GEDICHT internationale Reisepoesie aus vier Jahrtausenden vor. So können Sie sich gemeinsam mit uns auf den Weg zur neuen Ausgabe von DAS GEDICHT begeben. Die buchstarke Nummer 21 wird ab Herbst 2013 zeitgenössische Gedichte versammeln, die ums Reisen kreisen.

Dante Alighieri
aus der »Göttlichen Komödie: Paradiso«

Der Ruhm des, der bewegt das große Ganze,
Durchdringt das All, und diesem Teil gewährt
Er minder, jenem mehr von seinem Glanze.
Im Himmel, den sein hellstes Licht verklärt,
War ich und sah, was wiederzuerzählen
Der nicht vermag, der von dort oben kehrt.
Denn, nahn dem Ziel des Sehnens unsre Seelen,
Das unsern Geist zur tiefsten Tiefe zieht,
Dann muss der Rückweg dem Gedächtnis fehlen.
Doch alles, was im heiligen Gebiet
Nur einzusammeln war von selger Schöne,
Der edle Schatz, sei Stoff jetzt meinem Lied.

(Übersetzung: Carl Streckfuß)

Über Dante Alighieri

Folgen wir beim Eingang zur letzten Etappe des Erzählers der »Göttlichen Komödie« (verfasst ab circa 1307–1321) ins Paradiso, so befinden wir uns strukturell im Gebiet der antiken Kosmologie, die Dante Alighieri (1265–1321), der Schöpfer dieses Epos der Seele, teilweise übernimmt. Während wir im Inferno. geführt von Vergil. den berühmten konzentrischen Kreisen hinab in jenen letzten Abgrund gefolgt und die Terrassen des Läuterungsbergs hinaufgestiegen sind, begegnen wir jetzt einer neuen Logik des Reisens: der kosmischen Suche nach dem Mysterium dessen, was, woher und woraufhin wir sind. Und Dante macht es sich bzw. seinem Erzähler keineswegs leicht; denn, obschon der Zwiespalt der Sünde und das knirschende Weh der Buße vorbei sind, liegen im Paradiso nicht minder gefährliche Unwegsamkeiten vor uns: nicht zuletzt die theologische Disputation, die mit Bonaventura und Thomas von Aquin zu führen sein wird.

Der Ausschnitt, den wir Ihnen hier präsentieren, ist noch am äußersten Rand der kosmischen Sphären angesiedelt, der lunarischen Sphäre (eine im Übrigen unstete, wechselhafte Sphäre). Was hier und in den weiteren Sphären noch zu erfahren sein wird, ist – wie Dante hier andeutet – schwer fassbar und selbst die Begegnung mit diesen Dingen scheint anschließend dem Gedächtnis entzogen zu sein. Gerade in diesem Buch der »Göttlichen Komödie« wird deutlich, welch ein seltsames Amalgam dieses wunderbare Werk ist – destilliert aus antiken und biblischen Stoffen und Figuren, aus Überlieferungen der Legenda auria, den fabelhaften Kenntnissen der spätmittelalterlichen Wissenschaft, dem Gebräu des christlichen Glaubens, aber auch der Existenz des Erzählers. Im Gegensatz beispielsweise zu antiken Erzählungen, die häufig zyklisch strukturiert sind, ist die »Göttliche Komödie« entlang eines christlich-heilsgeschichtlichen Plots gebaut: Es geht um die verwandelnde, entschiedene Integration des Selbst in das Schöpfungsgeheimnis und somit zu seiner Erfüllung.

Es ist interessant, dem Nachhall der »Göttlichen Komödie« nicht nur in der kommentierenden Rezeption nachzuspüren, die übrigens durchaus amüsant sein kann, sondern auch dessen kulturprägende Energie zu verfolgen, die – nur im 20 Jahrhundert – auf so unterschiedliche Künstler wie dem Bildhauer Auguste Rodin oder den Programmierern des Computerspiels Dante’s Inferno (1984) für den Commodore 64 wirkt und noch über die Gegenwart hinaus reichen wird.

Diese Auswahl von Reisegedichten aus vier Jahrtausenden wird Ihnen von Paul-Henri Campbell präsentiert. Campbell ist 1982 in Boston (USA) geboren und schreibt Lyrik sowie Prosa in englischer und deutscher Sprache. Zuletzt erschien »Space Race. Gedichte:Poems« (2012). Im Herbst erscheint »Am Ende der Zeilen. Gedichte.«

Mehr Reisegedichte erwarten Sie in DAS GEDICHT 21 (erscheint im Oktober 2013).

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