Reisepoesie Folge 21: Walt Whitman │ aus »Auf der Brooklyn Fähre«

In 21 Folgen stellt die Online-Redaktion der Zeitschrift DAS GEDICHT internationale Reisepoesie aus vier Jahrtausenden vor. So können Sie sich gemeinsam mit uns auf den Weg zur neuen Ausgabe von DAS GEDICHT begeben. Die buchstarke Nummer 21 wird ab Herbst 2013 zeitgenössische Gedichte versammeln, die ums Reisen kreisen.

Walt Whitman
aus »Auf der Brooklyn Fähre«

Die dahinschnellende Strömung so flüchtig und fließend
zieht sie mit mir fort.
Die Anderen, die mir folgen werden, die Bindungen
zwischen ihnen und mir.
Die Gewissheit Anderer, ihr Leben, Lieben, Antlitz und
das Hören Anderer.

Andere werden die Tore der Fähre passieren und übersetzen
von Gestade zu Gestade;
Andere werden zuschauen, wenn die Flut hinausströmt;
Andere werden Frachthäfen Manhattans zum Norden und Westen sehen,
die Höhen Brooklyns zum Süden hin und zum Osten;
Andere werden die Inseln sehen klein und groß;
in fünfzig Jahren werden Andere sie sehen, sooft sie übersetzen,
das Sonnenlicht eine halbe Stunde alt;
sie werden den Sonnenuntergang genießen,
das Hereingießen der Flutwasser,
das Hinausergießen der Ebbe ins Meer.

(übersetzt für dasgedichtblog von Paul-Henri Campbell)

Über Walt Whitman

Walt Whitman (1819–1892) schreibt die unbestimmten Numeralia groß: Die »Anderen« sind die wesentlichen Akteure seiner Dichtung. Die immerfort Anderen. Die immer neu erscheinenden, daherkommenden, dahinschwindenden Anderen. Die jeweils in ihrer Einmaligkeit anders sind als jene, die ihnen vorausgingen und ihnen nachfolgen werden. Zusammengeschnürt sind sie in ihrer einmaligen Andersheit durch den unwandelbaren Gleichgang der Fähre, die sie über den East River von Brooklyn nach Manhattan und wieder zurück nach Brooklyn expediert. Alle Fährmeister der Literaturgeschichte von Charon angefangen bis – vielleicht – zu Francesco Schettino leuchten auf in diesem mehrteiligen Gedicht, von dem wir Ihnen heute einen kleinen Ausschnitt präsentieren.

In Whitmans Poesie steckt, wie es bei einigen Dichtern seiner Periode der Fall war (z.B. Emerson), auch der messianische Anspruch der Figur des Poeten, was freilich auch zusammenhängt mit der notwendigen (oder für notwendig erachteten) Entfaltung einer spezifisch amerikanischen Stimme. Sein Schaffen findet in einer Zeit enormer demographischer Verschiebungen statt, darin eine Massengesellschaft sich entwickelt, worauf auch die circa 400 Texte aus seinem Hauptwerk Leaves of Grass (1855) reagieren. Es ist daher kein Wunder, wenn die Verse Whitmans nicht in braven, beschaulichen, gebundenen Formen des Sonetts daherkommen, sondern lang sind, sehr lang.

Was immer es heißen mag, wenn man einen Dichter zum Begründer dieser oder jener »Moderne« erklärt, eines steht fest: Walt Whitman hat die Gegenwart seiner Zeit gefühlt und dieses Gefühl in Poesie übersetzt, sodass er ein bleibendes Denkmal wurde für alle, die ihre Aufgabe in nachfolgenden Jahrzehnten suchten. New York City war für Whitman der Inbegriff der amerikanischen Demokratie, ihrer Energie und autonomen Idiosynkrasie. Während Ezra Pound später in seinem Gedicht »In a Station of the Metro« eher ein pessimistisches oder besorgtes Bild der stummen Masse der Stadtbewohner zeichnet, ist für Whitman die Stadt – zumal New York City – der vitale, unbändige, pulsierende Ausdruck einer kraftvoll in die Zukunft schauenden Zivilisation – ob er nun über z.B. das Old Bowery playhouse schreibt oder über die Brooklyn Bridge. Sie ist in ihrem scheinbar chaotischen Treiben zugleich ein Zeichen der Kontinuität des Lebendigen wie jeder andere Organismus im Weltgetriebe. Die Stadt faszinierte ihn. In Specimen Days notierte Whitman: »Meine Zeit in Brooklyn oder New York wird für mich immer gleichbedeutend sein mit den Fahrten auf der Fulton ferry, auf der ich täglich fuhr, oft auch oben mit im Führerhaus, um einen vollständigen Blick über das Treiben zu bekommen. Welch ozeanische Strömungen und Strudel auch unter ihr nur hingingen – dort sind sie, die gewaltigen Gezeiten der Humanität mit ewig wandelnden Bewegungen!«

Diese Auswahl von Reisegedichten aus vier Jahrtausenden wird Ihnen von Paul-Henri Campbell präsentiert. Campbell ist 1982 in Boston (USA) geboren und schreibt Lyrik sowie Prosa in englischer und deutscher Sprache. Zuletzt erschien »Space Race. Gedichte:Poems« (2012). Im Herbst erscheint »Am Ende der Zeilen. Gedichte.«

Mehr Reisegedichte erwarten Sie in DAS GEDICHT 21 (erscheint im Oktober 2013).

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