Verse für den Gaumenkitzel – Folge 30: »quitten einkochen«

Verse für den Gaumenkitzel

Die begleitende Netz-Anthologie zu DAS GEDICHT 23, zusammengestellt und ediert von Kerstin Hensel und Anton G. Leitner   Annette Hagemann quitten einkochen wir haben die gelben quitten mit tennisschlägern in die töpfe geschlagen der gelierzucker flog ihnen hinterher wie schnee im spätsommer flog flimmernd in richtung der maulaufsperrenden tiegel und töpfe in der küche wo wir marmelade herstellten so als gäbe es bald einen langen winter wo wir quittenmus einkochten ohne kerne aber mit schale und allerlei stellen gelben warzen braunen schründen und ratschern dennoch: alles war gut genug jede stelle war gut für sich und wir ahnten schon: gelee […]

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Unverhoffte Verbindungen: »sirene des duschraums« von Annette Hagemann

rezensiert von Thomas Schaefer In ihren neuen Gedichten singt die Hannoveranerin Annette Hagemann voll Hingabe als »sirene des duschraums« Vorbei sind zum Glück die Zeiten, in denen Dichter den Nimbus von Sehern und Sängern zu (er-)tragen hatten. Wenn heute gesungen wird, dann profan unter der Dusche, wie in »sirene des duschraums«, jenem Gedicht, mit dem Annette Hagemann ihren neuen Lyrikband betitelt und abschließt. »ich sang mit hingabe und / nahm meinen beruf sehr ernst«, verkündet dort ein lyrisches Ich erfrischend selbstironisch. Es ist eine Haltung, die häufig anzutreffen ist in den Gedichten der 1967 in Münster geborenen, in Hannover lebenden […]

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pension in blankenese

von Annette Hagemann morgens woanders erwachen nach einer ruhigen nacht vorm fenster ein abhang voller bäume unzählige blätter in bewegung ein ewiges rauschen: diese blätter und bäume sehen genauso aus wie zu caspar david friedrichs zeit es ist genau die gleiche schönheit zu der wir immer zurückkehren können ich dehne und rolle mich auf die seite dann richte ich mich auf um die ersten dinge des tages zu tun zum beispiel an dich zu denken ich kann für mich sein und ich kann für dich sein und manchmal beides zugleich   © Annette Hagemann, Hannover

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Gedicht und Gehirn

von Annette Hagemann Raoul Schrott und dem Hirnforscher Arthur Jacobs zufolge lassen Gedichte das Gehirn in noch komplexerer (»dichterer«) Weise in Aktion treten als andere (prosaischere) Kunstformen, denn sie sprechen die Gehirnareale für Denken, Sprache, Bilder, Melodie und Rhythmik gleichermaßen an. Um ein Gedicht in seiner logisch-musisch-bildhaften Komplexität zu erfassen, muss man also alles anschmeißen, was man hat: Kirmes im Gehirn! Jedenfalls kann man, um ein Gedicht zu schreiben oder zu verstehen, seinen Verstand und sein Verständnis nicht einfach auf Standby laufen lassen. Und seien wir ehrlich: Genau deshalb lesen auch nur wenige Menschen Gedichte nach Feierabend. So lange in […]

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