Wiedergelesen – Folge 29: Die Gedichte von Rolf Haufs oder wie das Leben verrinnt

Literatur ist vergänglich, auch wenn sie sich, wie jede Kunst, gegen ihre Vergänglichkeit zur Wehr setzt. Trotzdem entschwinden Bücher in Archivbibliotheken. Auf einmal gehören sie nicht mehr zu unserem Erfahrungshorizont. Erich Jooß stellt an jedem 15. des Monats vergessene Lyrikveröffentlichungen in seiner Rubrik »Wiedergelesen« vor, die bewusst unsystematisch angelegt ist. Entdeckerfreude und persönliche Vorlieben sind ihm als Kolumnist von DAS GEDICHT blog wichtiger als literaturhistorische Zensuren.

 

»Wir heute hier über was sollen wir reden / Über Angst über Schmerzen / Über den Schnee der früh kam / In diesem Jahr.« Der unaufgeregt-lakonische Vierzeiler aus dem Band »Juniabschied« (1984) wird manchmal zitiert, wenn die Rede auf Rolf Haufs kommt. Mit seiner knappen Diktion – kein Wort zu viel, keines zu wenig – und der sprachgewordenen Hilflosigkeit liefert er so etwas wie eine poetische Visitenkarte des Autors ab. Die Tiefe seiner Gedichte, so Martin Lüdke, erschließe sich »von der Oberfläche her«. Und die Oberfläche, darf man das Urteil ergänzen, lässt keinen Zweifel daran, dass unter ihr der Schrecken lauert, ein zerrissenes Leben, das durch die Wörter kaum noch einzäunbar ist. Völlig zu Recht zählt Rolf Haufs zu den Klassikern der deutschen Gegenwartslyrik, obwohl sein poetisches Werk bisher (noch?) nicht in einer Gesamtausgabe vorliegt. Wer einen ersten Eindruck von seinem lyrischen Schaffen bekommen möchte, sollte deshalb zu dem Sammelband

»Aufgehobene Briefe« greifen, den Christoph Buchwald schon 2001 zusammengestellt hat, oder gleich eine Entdeckungsreise durch die zwölf Gedichtbände von Rolf Haufs unternehmen. Sie sind zwischen 1962 und 2010 erschienen und in Antiquariaten, manchmal auch noch im Buchhandel, greifbar.

Haufs wurde am 11. Dezember 1935 in Düsseldorf geboren, am 26. Juli 2013 ist er in Berlin gestorben. Den Niederrhein hat er immer wieder als Kindheitslandschaft im Schatten des Krieges beschworen; nach Berlin, in die geteilte Stadt, zog er 1964. Die ramponierte, trotzdem lebenskräftige Metropole und ihr Wiederaufstieg nach der Vereinigung der beiden deutschen Staaten war Folie für viele seiner Gedichte. Wie kaum ein anderer Dichter ist Haufs in dieser Stadt, in der er jahrzehntelang als Literaturredakteur beim SFB arbeitete, heimisch geworden und dennoch fremd geblieben. Eine Ahnung davon bekommt, wer den Band »Das Dorf S. und andere Geschichten« (1968) liest. Dort hat Haufs das Leben in der West-Berliner Exklave Steinstücken beschrieben – Spiegelbild einer klaustrophobischen Zeit, die zwischen Idyllenmalerei und Aufbegehren, zwischen kleinbürgerlicher Sattheit und anarchischem Protest schwankte. Manchmal half dem Dichter beim Blick auf die Welt nur sein sarkastischer Humor. Dieser Sarkasmus macht Grenzerfahrungen erst erträglich und blitzt entsprechend häufig auch in den Gedichten auf, wenn die innere Landschaft der Depression zu massiv, zu schwarz wird. Rolf Haufs hat übrigens, das wird über seine Lyrik gelegentlich vergessen, neben einem Roman (»Der Linkshänder oder Schicksal ist ein hartes Wort«, 1970) mehrere Kindergeschichten geschrieben und – ganz Radiomann – Hörspiele verfasst. Er ist beileibe kein einseitiger Autor gewesen, sondern ein hochsensibler Katalysator und Förderer für viele andere Schriftsteller und deren Werk, während er die eigene literarische Produktion eher zurückhaltend behandelte und den öffentlichen Literaturdiskurs mied, soweit es ging. Der Autor, das hat er oft betont, spricht durch seine Bücher, er muss sie nicht auch noch kommentieren.

Ich kann hier schon aus Platz- und Zeitgründen nicht alle Gedichtbände von Rolf Haufs vorstellen. Stattdessen habe ich drei Bücher ausgewählt, die stellvertretend stehen für Entwicklungsstadien im Werk des Dichters. Da ist zunächst die »Vorstadtbeichte«, 1967 bei Luchterhand herausgekommen und mit drei (wenig inspirierenden) Federzeichnungen von Günter Bruno Fuchs versehen. Manche der darin enthaltenen Gedichte erinnern mit ihrem milden Spott und der liebevoll-präzisen Darstellung kleiner Verhältnisse tatsächlich an Fuchs. Das Gedicht »Beschäftigung« endet wie eine Reihe anderer Texte in Zeilen, die nirgendwohin zu führen scheinen: »Es ist windstill / Die Temperaturen nähern sich / Dem Gefrierpunkt«. Und das Gedicht »Von der Vergeblichkeit« flüchtet aus der Erkenntnis »Ich kann dir die Welt nicht erklären« in eine Beobachtung, deren Sinn allein im Beobachteten liegt, es auf keinen Fall transzendieren will: »Ich sehe den Vögeln nach / Die niedrig / Die Flüsse anfliegen.« Daneben gibt es immer wieder surreale Motive (»Durch die Luft fliegt eine Straßenbahn«), wie sie erstmals im Expressionismus Verwendung fanden, beispielsweise bei Jakob van Hoddis, aber ohne dessen Weltuntergangspathos. Gelegentlich erscheinen diese frühen Gedichte noch seltsam flach und blass, doch die Themen und Bilder, mit denen sich Rolf Haufs bis an sein Lebensende befasst hat, sind bereits anwesend, auch die poetisch so ergiebige Kindheit, in der sein Vater gegen Ende des Krieges zweiundneunzig Bleisoldaten im Garten vergrub. Schon aus den ersten Lyrikbänden des Dichters lässt sich eine nachhaltige Verstörung herauslesen, die sich nicht zuletzt aus der Erinnerung speist.

Der Band »Vorabend« ist 1994 im Hanser Verlag erschienen und zeigt den Dichter auf dem Höhepunkt seines Schaffens. Das vorangestellte Motto von Jean Paul »Alle Uhren gehen sehr« deutet eine spielerische Leichtigkeit an, die von den Texten jedoch nur sel ten eingelöst wird. Stattdessen überwiegen die melancholischen Bestandsaufnahmen. Was beim ersten Lesen den Eindruck einer selbstgewissen Klarheit vermittelt, bleibt in Wahrheit rätselhaft und ist nahe am Verstummen angesiedelt. Der Einfachheit und Gegenständlichkeit, wie sie in dem Gedicht »Ein Jahr fast um« geradezu zelebriert wird, darf man ruhig misstrauen: »Das Zimmer kühlt schnell aus. Du hast / Vom Wald erzählt, der dieses Jahr sich früher färbt / Ich schreibe noch einen Brief«. Neben solchen in sich ruhenden Gedichten stößt man auch auf sehr persönliche Notate, in denen sich der Dichter, der sonst zurückhaltend bis zur Sprödigkeit sein kann, unvermittelt zu erkennen gibt, beispielsweise in dem Gedicht »gez. R. H.«, das mit der Feststellung beginnt »Keine Resolution mehr. Meine Unterschrift / Ist nicht mehr zu haben« und dann mit der Volte endet »Aber für mehr Bequemlichkeit in den Zügen / Für rechtschaffene Handwerksarbeit / Für eine regelgerechte Telefonrechnung / Auch für das Glück meiner Neffen 2. Grades // Wär ich vielleicht noch zu haben.« Schließlich gibt es in diesem Buch, wie in fast allen Gedichtbänden von Rolf Haufs, auch poetische »Ausreißer« mit einer überbordenden Lust am Fabulieren. Man lese nur das Gedicht »Ist es wahr, daß der Personenzug nach Berlin angebrannt ist? (Kurt Schwitters)«.

Der zwölfte und letzte Gedichtband von Rolf Haufs trägt den Titel »Tanzstunde auf See«. Er ist 2010 als Band 16 der Edition Lyrik Kabinett verlegt worden. Die Gedichte sind in drei Kapiteln angeordnet, mit unterschiedlichen inhaltlichen Schwerpunkten, ohne dass sie sich voneinander eindeutig abgrenzen ließen. Das erste Kapitel hebt sich von der zeitgenössischen Lyrikproduktion bereits deshalb ab, weil hier mit schonungsloser Offenheit und Klarheit, aber nicht ohne ironische Schlenker, die letzten Lebens- und Krankheitsjahre des Autors thematisiert werden. Soweit ich sehe, wird nirgendwo sonst in der Gegenwartslyrik die Grausamkeit des Krankenhausalltags so schmerzgenau dargestellt: von den Therapeuten bis zum »Zivi«, vom »Megakeim«, der zur Isolierung des Patienten (»Von nun an betreten Gespenster das Zimmer«) führt, bis zur Klinikkneipe, die banalerweise Rätselhefte verkauft. Die Erfahrung der Endlichkeit (»Die Lebenden flüstern dich in die Erde«) ist in diesen Gedichten bedrängend und mächtig, aber nie übermächtig. Vielleicht rührt das auch daher, weil neben den schweren, die Luft nehmenden Texten auch leichte, scheinbar schwerelose stehen wie »Kerstin Hensel läuft über die Schönhauser Allee« und der ironische Abgesang auf »Die Verfußballung des Landes«, der an frühere Fußballgedichte von Rolf Haufs anknüpft. Auch die Kindheit des Autors darf nicht fehlen. Ihr widmete er das grandiose siebenteilige Gedicht »Die Stadt Düsseldorf hat mir nichts zu sagen«, eigentlich eine Hymne auf die Großmutter. Wer über Rolf Haufs schreibt, sollte am besten mit einem Gedicht aus seiner Werkstatt schließen. Ich habe lange in dem Band »Tanzstunde auf See« geblättert, bis ich mich für »So oder so« entschied. Hier nun die letzten Zeilen daraus: »Aber wir lieben die blauen Seen / Die weißen Wälder / Und die Dörfer die weit oben im Berg liegen / Natürlich Rauch steigt auf / Aber auch Trauer weil so vieles vergeht / Mensch halt die Ohren steif / Dich wird es auch erwischen / So oder so«.

 

Dr. Erich Jooß. Foto: Volker Derlath

Dr. Erich Jooß. Foto: Volker Derlath

»Wiedergelesen« wird Ihnen von Erich Jooß präsentiert. Der Schriftsteller aus Höhenkirchen veröffentlicht neben eigenen Lyrikbänden auch Lyrikanthologien, Bilderbücher und Erzählbände. Jooß ist Vorsitzender des Medienrats in Bayern und Vizepräsident der Deutschen Akademie für Kinder- und Jugendliteratur. Zuletzt erschien von ihm »blues in der früh« (Ed. Toni Pongratz, Hauzenberg 2015).

Alle bereits erschienenen Folgen von »Wiedergelesen« finden Sie hier.

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