Wiedergelesen – Folge 32: »Gelbes Dienstrad wie es hoch durch die Luft schoß« oder »hurtig fürbaß« mit Jan Koneffke

Literatur ist vergänglich, auch wenn sie sich, wie jede Kunst, gegen ihre Vergänglichkeit zur Wehr setzt. Trotzdem entschwinden Bücher in Archivbibliotheken. Auf einmal gehören sie nicht mehr zu unserem Erfahrungshorizont. Erich Jooß stellt an jedem 15. des Monats vergessene Lyrikveröffentlichungen in seiner Rubrik »Wiedergelesen« vor, die bewusst unsystematisch angelegt ist. Entdeckerfreude und persönliche Vorlieben sind ihm als Kolumnist von DAS GEDICHT blog wichtiger als literaturhistorische Zensuren.

 

Nimmt man die Überschrift zu dieser Rubrik ernst, sollten in ihr eigentlich nur Lyriker vorkommen, deren Werk längst in die Literaturgeschichte eingewandert ist, dort jedoch eher am Rande erwähnt wird oder vielleicht sogar ganz in Vergessenheit zu geraten droht. Hoffentlich noch lange lebende Autoren sind also nicht vorgesehen – es sei denn, ihre Lyrikbände nehmen im Schaffen des Autors eher eine Randstellung ein und werden deshalb gerne übersehen. So ein Fall ist Jan Koneffke, 1960 in Darmstadt geboren. DAS GEDICHT blog bringt schon seit geraumer Zeit, kuratiert von Uwe-Michael Gutzschhahn, bisher unveröffentlichte Kindergedichte. In der Folge 5 wurden auch Texte von Jan Koneffke vorgestellt – nicht ohne den Hinweis, dass es von dem Dichter einen Kinderlyrikband gibt, 2009 bei Boje erschienen unter dem Titel »Trippeltrappeltreppe«. Damit gehört Koneffke zu den wenigen zeitgenössischen Autoren, die in ihrer Werkliste auf eine eigenständige Publikation mit Kindergedichten verweisen können. Das Hauptgewicht seines Schaffens liegt freilich eindeutig bei den Romanen, darunter als vielleicht erfolgreichster Titel »Ein Sonntagskind« (2015). Noch einmal (und sicherlich nicht das letzte Mal in unserer Literatur) wird hier das Verschweigen der Vergangenheit thematisiert, die Flucht vor der Mitwisserschaft und Mittäterschaft in eine neue, unverfängliche Existenz. Daneben hat Koneffke mehrere Kinderbücher geschrieben, beispielsweise die poetische Bilderbuchgeschichte »Die Schlittenfahrt« (2005), illustriert von Jacky Gleich. Außerdem gibt es bisher zwei Lyrikbände von ihm; den zweiten mit dem Titel »Was rauchte in Schwaden zum Mond« publizierte DuMont im Jahr 2001.

Schon zwölf Jahre zuvor war der erste Gedichtband bei der Frankfurter Verlagsanstalt herausgekommen. Er trägt einen ganz ähnlichen, amüsant klingenden Titel: »Gelbes Dienstrad wie es hoch durch die Luft schoß«. Dieser Band zählt bis heute zu meinen Lieblingsbüchern und ist ständig griffbereit auf dem Lyrikregal. Gutzschhahn hat Jan Koneffke als einen »der sprachklang-begeistertsten Lyriker unserer Zeit« bezeichnet. Das trifft auf seine Kindergedichte genauso zu wie auf die Erwachsenengedichte. Wie kaum ein anderer Poet ist er ein virtuoser Sprachspieler, der sich vorzugweise bei den Wörterbüchern vergangener Epochen bedient und trotzdem nie aus unserer Zeit herausfällt. Auf den ersten Blick scheinen die Gedichte bloß Oberfläche zu sein. Dann merkt der Leser, dass diese Lyrik immer in Bewegung ist: kaum ein Standbild, stattdessen Atemlosigkeit. Alles kippt weg. Der Wind, der Sturm wirbelt nicht nur die Vögel durcheinander sondern auch die Texte mit ihren Zeilenbrüchen, die man sich laut vorlesen sollte, dann erschließen sie sich besser.

In den Gedichten wird »hurtig fürbaß« gewandert und »expreß onduliert«; da gibt es ein »Dieselpferd«, »Telegrafenämter« und »Velozipedisten«. Aber die nostalgisch anmutende Wortmalerei täuscht nicht darüber hinweg, dass der Dichter (übrigens auch der Leser) sein »Fäßchen Trauer« austrinken muss. Nach jedem Hausputz fegt der Wind das Elend wieder zur »Hintertür« herein. Manchmal leuchtet in dieser Lyrik der Bauernkalender auf und strukturiert die Jahreszeiten, dann wieder scheint die Tristesse des Großstadtlebens (Berlin!) auf saloppe, oft schnoddrige Weise durch. Pure Daseinsfreude wechselt sich ab mit »Ungemach und Not«. Solche Widersprüche sind geradezu programmatisch für diese Lyrik, die mit ihren Lesern über Stock und Stein reitet. »Wer alles wüßte, könnte nimmermehr fröhlich sein«, heißt es an einer Stelle. Das ist ein Satz, der aus dem Erfahrungsschatz eines lächelnden Melancholikers stammen könnten.

Jan Koneffke trifft mit seinen Gedichten einen Ton, den ich in der zeitgenössischen Lyrik schmerzlich vermisse. Umso bedauerlicher ist es, dass bisher erst zwei Lyrikbände von ihm erschienen sind. Trösten wir uns mit einem Ausschnitt aus dem Gedicht »Sollen sich Liebende«: »an diesen Tagen im wasserblauen April / rauchen die Menschen zuhause dem Ofen was vor /pantoffeln vom Keller zum Giebel / so hält man Einkehr und / wünscht sich man bliebe vor Schnupfen und Seuchen verschont, / während der Herr den Horizont wischt bis er blank ist / falte ich aus Zahlungsbefehlen Papierschiffchen, seht: / verstimmt ist allein Gottes himmlischer Chor seine Vögel denn / Er selber brummt durch den Abfluß / und jubiliert auf dem Dach«.

 

Dr. Erich Jooß. Foto: Volker Derlath

Dr. Erich Jooß. Foto: Volker Derlath

»Wiedergelesen« wird Ihnen von Erich Jooß präsentiert. Der Schriftsteller aus Höhenkirchen veröffentlicht neben eigenen Lyrikbänden auch Lyrikanthologien, Bilderbücher und Erzählbände. Jooß ist Vorsitzender des Medienrats in Bayern und Vizepräsident der Deutschen Akademie für Kinder- und Jugendliteratur. Zuletzt erschien von ihm »blues in der früh« (Ed. Toni Pongratz, Hauzenberg 2015).

Alle bereits erschienenen Folgen von »Wiedergelesen« finden Sie hier.

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