Wolf Wondratschek: LIED VON DER LIEBE.

dtv – Deutscher Taschenbuch Verlag (www.dtv.de), München 2008.
121 Seiten, € 8,90

Anton G. Leitner – Als Lyriker hat Wolf Wondratschek eine Traumkarriere hingelegt. Mitte der 70er-Jahre begann er, im Selbstverlag eine Serie von einfach aufgemachten Gedichtbänden zu publizieren. Sie trugen Titel wie »Das leise Lachen am Ohr eines andern« und umkreisten überwiegend ›Love, Sex and Crime‹ in allen Spielarten.

Wondratschek hatte damals in einem genialen Coup den links-alternativen Frankfurter Versand Zweitausendeins gewinnen können, seine Gedichtbände exklusiv zu vertreiben; sie verkauften sich dort wie warme Semmeln. Der eingangs zitierte Titel erschien 1976 und war 1981 bereits in der 18. Auflage.

Die Zeiten haben sich geändert. Heute wollen mehr Leute ihre eigenen Gedichte publizieren als die von anderen lesen. Und auch der alte Wolf wird langsam grau mit seinen 65 Jahren. An die frühen Verkaufserfolge kann er nicht mehr anknüpfen, aber noch immer verehren ihn viele aus der Generation Ü 50 als Kultautor. Das ist vermutlich auch der Grund, weshalb ein Premium-Verlag wie dtv Wondratscheks Werkausgabe besorgt. Im Rahmen dieser Edition liegen jetzt unter dem Titel LIED VON DER LIEBE all jene Liebesgedichte vor, die abseits seiner Gedichtzyklen entstanden sind. Darüber hinaus haben auch einige neue Texte Eingang in den Band gefunden. Die Auswahl bietet einen guten Überblick, wie sich Wondratschek lyrisch an Herzen und Schmerzen abarbeitet. Gedichttitel wie »Hölderlin und die Huren« spiegeln sein romantisch-verklärtes Verhältnis zum Rotlichtmilieu, aber auch den typisch lässigen Sound seiner Verse wider. Wenn Skeptiker sein »Liebesgedicht auf die Mädchen, die keiner liebt« lesen, werden sogar sie sich vielleicht einfangen lassen vom herben Charme dieses dichtenden Machos alter Schule: »Schön war keine. Und keine hatte Idealgewicht. / Und ihre Unterwäsche war nie was Besonderes. Aber // es gibt Stunden, wo es guttut, an sie zu denken«.

Quelle: DAS GEDICHT, Zeitschrift für Lyrik, Essay und Kritik, Bd. 16 (Weßling, Oktober 2008), S. 146

Kommentar verfassen