Worüber sich der Streit lohnt – ein Plädoyer für gute Gedichte

von Erich Jooß

Anlässlich des Welttages der Poesie am 21.3.2013 hat die Redaktion DAS GEDICHT den langjährigen Verleger und Medienexperten Erich Jooß um einen Gastkommentar zur Situation der Lyrik im deutschen Sprachraum gebeten. Statt neuer zentralistischer Verwaltungsapparate braucht die Poesie für ihr Überleben gute Gedichte, meint Jooß.

So ganz neu ist das Phänomen nicht: Bis auf wenige Ausnahmen haben Gedichtbücher auch früher keine Bestsellerplätze belegt, im Gegenteil. Wer Erstausgaben sammelt, weiß aus eigener Anschauung, wie beschämend billig viele, im Nachhinein berühmte Lyrikbände am Anfang des 20. Jahrhunderts daherkamen – und wie niedrig, dafür später preistreibend, ihre Auflagen gewesen sind. Diese Entwicklung hat sich seither noch verstärkt in einem Markt, der immer kleiner und gleichzeitig unübersichtlicher wurde. Die Gründe dafür glauben wir zu kennen. Sie reichen von der Hermetik zahlreicher Gedichte, die auf ihre Leser eher abweisend wirkt, bis zur gegenwärtigen Inflation von mittelmäßigen, überraschungslosen Texten.

Lyrik braucht kein Zentrum der Poesie, sondern Vielfalt und geistige Offenheit.

Foto: Volker Derlath

Das Handwerk der Poesie, das bestätigt sich auch hier, kann gelernt werden, nicht aber die Inspiration und erst recht nicht das Unverwechselbare, Unwiederholbare eines gelungenen, vielleicht sogar vollkommenen Gedichts. Ob die skizzierte Misere zentral behebbar ist? Ob sie sich durch Förderinstrumentarien, überhaupt durch Geld und Preise aus der Welt schaffen lässt? Ich glaube nicht daran, weil solche Rettungsversuche die fatale Eigenschaft haben, dass sie der zeitgenössischen Lyrik zusätzlich die Luft abschnüren. Sie bestätigen ihr problematisches Image, indem sie wortreich dagegen angehen. Lyrik braucht, damit sie überleben kann, kein Zentrum der Poesie, sondern Luft zum Atmen, Vielfalt und geistige Offenheit (keine Grabenkämpfe!), Möglichkeiten der Begegnung an den unterschiedlichsten Orten, Publikationsforen und dezentrale Unterstützung, privat wie öffentlich.

Alibiorganisationen zur Rettung der Lyrik gehören in die Abteilung der verwalteten Kultur.

Foto: Volker Derlath

Vor allem braucht sie gute Gedichte. Darüber, was ein gutes Gedicht ausmacht, lohnt sich die Auseinandersetzung, sogar der Streit. Leider hat sich dieser Streit in die kleinen Zirkel der Eingeweihten verlagert. Er ist zum Ritual von Cliquen geworden, die sich gegenseitig befehden. Der Nährboden der Gesellschaft aber fehlt ihm. Die Süddeutsche Zeitung hat – wie viele große Tageszeitungen – unmittelbar vor der Leipziger Messe am 12. März 2013 eine umfangreiche Literaturbeilage publiziert mit Besprechungen gerade erschienener Romane. Lyrik: Fehlanzeige! Das ist mittlerweile der Normalfall, dessen Ursachen wir medienkritisch und selbstkritisch nachspüren sollten. Zentrale Alibiorganisationen zur Rettung der Lyrik gehören eher in die Abteilung der verwalteten Kultur. Sie sind keine Antwort auf den literarischen Traditionsabbruch, den wir gerade erleben und der durch die rasanten digitalen Entwicklungen noch beschleunigt wird.

Erich Jooß. Foto: Volker Derlath

Der Literaturwissenschaftler und Schriftsteller Erich Jooß bestimmte fast drei Jahrzehnte lang die Geschicke des katholischen Medienhauses Sankt Michaelsbund (München). Unter seiner Ägide erblühte vor allem der von ihm aufgebaute, hauseigene Verlag zu einer kleinen Oase für anspruchsvolle Literatur, insbesondere für die Lyrik. Dr. Erich Jooß ist Vorsitzender des Bayerischen Medienrates.

2 Kommentare

  • Aus gutem Grunde haben sich die Mütter und Väter unseres Grundgesetzes (im Gegensatz zum Zentralismus in der DDR) seinerzeit für eine föderale Struktur und für die Kulturhoheit der einzelnen Länder in der BRD entschieden. Dezentrale Kultur- und Literaturförderung vor Ort stärkt die literarische Basis und Vielfalt der Stimmen, die Schaffung von „Zentralkomitees der Literaturförderung“ befördert eine „verwaltete Kultur“ mit teurem bürokratischen Wasserkopf / Funktionärsapparat. Literaten, insbesondere Lyriker sind in der Regel Individualisten, wenn nicht sogar Anarchisten und keine Parteigänger von zentralen Institutionen.

  • Am Welttag der Poesie 2013

    Wer kennst sie nicht, die Abreißkalender, deren Rückseite nicht nur Rezepte und Bauernregeln, sondern mitunter auch ein (nicht selten gefälliges) Gedicht zierte. „Ein Gedicht rettet den Tag“, tönt es erfolgreich von der DAS-GEDICHT-Redaktion aus Weßling. Mit dem Celan-Spruch „Gedichte sind Geschenke an die Aufmerksamen“ versuchen wir es in Leipzig und haben eben gerade mit 62 „Gedichten & Appellen. Gegen den Krieg“ neuen Lesestoff in unserer Reihe „Poesiealbum neu“ im Angebot.

    An so einem „Welttag der Poesie“ kann man sich leicht einreden, Lyrik und nicht Lidl lohnt sich. Und schnell vergisst man, dass es jedem Politiker als normal erscheint, dass in Oper oder Stadttheater jeder Sitzplatz subventioniert wird. Nur wenn es um Gedichte geht, verweist man auf den Markt, der soll es regeln. Und das klappt ja auch bei Ringelnatz und Rühmkorf und erst recht bei Heinz Erhardt. Und auch die Slammer haben volle Häuser, wenn Lyrik Party ist.

    Aber was hat sich wirklich seit mehr als 20 Jahren auf dem Gebiet der Lyrikvermittlung getan? Die Zahl der Schullesungen ist stark rückläufig. Das Zentrum des deutschen PEN bietet in diesem Jahr bei seiner Tagung in Marburg keine Schullesungen mehr an. Der organisatorische und finanzielle Kraftakt, der die Tagungen in der Vergangenheit stets flankiert hat, ist offenbar zu groß. Schullesungen in Sachsen sind, seit dem das Ministerium für Wissenschaft und Kunst 2002 die Förderung eingestellt hat, zur Seltenheit verkommen. Die Universität Leipzig, deren Sektion Germanistik in den 1980/90ern für ihre Begegnungen mit „lebenden“ Autoren berühmt und gerühmt war, nimmt kaum mehr Notiz von dem, was um sie herum geschrieben und veröffentlicht wird. Das verwundert auch nicht, wenn man sich vergegenwärtigt, dass die Sektion von Di.-bis- Do.-Professoren geführt wird, die vor allem Flugmeilen sammeln. Und doch erscheinen Gedichtbände über Gedichtbände, darunter auch One-Day-Books. Niemand kann die Quantität mehr überschauen. Doch Fülle ist die Schwester von Vielfalt. Aber Masse die Vetterin von Übersättigung. Längst wäre es angeraten, dass Poeten an Gymnasien Poesie lehren, fakultativ und nicht mit dem Salär einer Hilfskraft, die den Verzehr der Pausenbrote beobachtet.

    Als die Gesellschaft für zeitgenössische Lyrik 2012 mit der Veröffentlichung der Sonderausgabe „Immer schneller“ ihren ersten Schülerschreibwettbewerb abgeschlossen hat, schlussfolgerte die Leipziger Internetzeitung am 30. Juni 2012: „[…] die Vielfalt der genutzten lyrischen Formen war wohl nicht so groß […]. Ob’s an der Lyrik-Vermittlung in den Schulen liegt, wird er [der Veranstalter] wohl auf Jahre nicht sagen können. Denn die Chance, im Vorfeld mit Einführungsstunden in die Schulen gehen zu dürfen, erhielt die Gesellschaft nicht. Wieder nicht, darf man sagen. Kaum ein Bundesland macht seine Schulen so sehr zur Black Box wie Sachsen. Da kann man dann draußen schön laut tröten über die Qualität von Bildung – die Kommunikation findet dennoch nicht statt.“ Letzteres gilt überdies auch für eine Berliner Literaturinstitution, die leider nicht den Eindruck vermittelt, als wollte sie sich dazu entwickeln, für die Sorgen und Nöte anderer offen zu sein. Dabei wäre es nachgerade an einem Tag wie diesem angeraten, sich zu öffnen. Bekanntermaßen kann es ein Zentrum nur geben, wenn es ein Umfeld gibt. Freilich ist es lächerlich, dass wir in Leipzig mit unserem Projekt „Lyrik nicht im Klassenzimmer“ an einer vom Bereich „Kulturelle Bildung“ versagten Förderung in Höhe von 6.000 Euro scheitern, während ein hauptstädtisches Zentrum für Poesie mit einem Haushalt von 3,1 Millionen Euro jongliert und das Land Berlin hier schon eine Sockelfinanzierung von 515.000 € in Aussicht stellt. Da fragt man sich, leben wir noch im selben Land?

    21. März 2013

    Ralph Grüneberger, Vorsitzender der als gemeinnützig anerkannten Gesellschaft für zeitgenössische Lyrik e.V., die unter der Schirmherrschaft von Karl Krolow 1992 in Tübingen gegründet wurde, als öffentliche Sammlung die LEIPZIGER LYRIKBIBLIOTHEK unterhält und annähernd 200 Mitglieder zählt, die neben Deutschland, Österreich, der Schweiz u.a. auch in Finnland, Spanien, Schweden, Frankreich oder Luxemburg zu Hause sind

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