Zum »Rudelpudern« ins Literaturhaus
oder: Gibt es bald eine Lyrik-Olympiade?

von Franziska Röchter

Annähernd drei Wochen sind seit dem großen Ereignis im ausverkauften Literaturhaus München, dem Internationalen Gipfeltreffen der Poesie am 23.10.2012, vergangen. Zur Seite legen kann man die Veranstaltung aber nicht, denn sie stellte schon etwas ganz Besonderes dar, selbst für Dichter und Schriftsteller, die es gewohnt sind, von Lesung zu Lesung, Poesiefestival zu Poesiefestival zu eilen. Wurde hier doch die eigentliche Königsgattung der Literatur in einem mehrstündigen Lese-Fest zelebriert, wie es eben dieser Gattung angemessen war.

Solch ein Aufgebot an Dichterinnen und Dichtern mag wohl bei dem einen oder anderen Skeptiker im Vorfeld Zweifel ob der Machbarkeit dieses Vorhabens hervorgerufen haben. Vollkommen zu Unrecht, wie sich bei der Veranstaltung zeigen sollte – alles klappte reibungslos und leicht, als hätte es eine Generalprobe gegeben.

Müsste man den Abend der Poesie im Literaturhaus mit Farben beschreiben, stehen zwei klar im Vordergrund: Rot und Gold. Die elegante burgunderrotfarbene Bühnenwand des Literaturhauses München, der Raum durchtränkt von ›gold‹-gleißendem Scheinwerferlicht für die Fernsehaufnahmen. Alles wirkte festlich-poetisch eingefärbt, und unter den Dichterinnen und Dichtern herrschte vor Beginn der Veranstaltung eine aufgeregte Betriebsamkeit und freudige Aufgeregtheit. Ein rauschendes Fest der Poesie lag vor uns, es rauschte – viel zu schnell – vorbei und hinterließ einen Rausch im Kopf. Die meisten der anwesenden Autoren strahlten auf mich ein Gefühl von ›Bekanntheit‹ aus. Es war nicht möglich, mit jedem Einzelnen, aber doch mit sehr vielen, ein Wort zu wechseln.

Welche Erinnerungen hat das Gipfeltreffen der Poesie bei anderen Autoren hinterlassen? Wie haben sie den Abend empfunden?

Andreas H. Drescher berichtet von seinem ganz persönlichen Highlight, einmal SAID zu begegnen, und lobt die gute Betreuung vor Ort.

Siegfried Völlger fühlt sich sogleich zu einem titellosen Gedicht inspiriert:

ein laden für
gefälschte madonnen
mit sehr würdevoll
gestaltetem ladenschild

der erfolg riesig
die nachfrage immens

so dass madonna selbst
alle gefälschten
in echte verwandelte

© Siegfried Völlger, Augsburg

Auch Fitzgerald Kusz antwortet mit einem Gedicht, in dem er das ›Wunder von München‹ thematisiert:

des wundä vo minchn

ein rückblick auf das »gipfeltreffen der poesie« anlässlich der 20.sten ausgabe der zeitschrift DAS GEDICHT am 23.10.2012
im münchner literaturhaus

wenn sechzg dichdä lesn
schdreidn si mindesdens zwanzg
dass deä deä wou vuä innern
droo woä viel zu viel
und viel zu lang glesn houd
und dann gängä vo däi zwanzg
mindesdens vier affänandä lous
dann gibds ä schlächerei
und manchmal mou dann aa nu
annä innä klinik eiglieferd werrn
sechzg dichdä däi wou
ned affänandä lousgängä
und midänandä schdreidn:
des is ä wundä

© Fitzgerald Kusz, Nürnberg

Ralph Grüneberger, Vorsitzender der Gesellschaft für zeitgenössische Lyrik e.V. mit Sitz in Leipzig, berichtet:

»Als ich gefragt wurde ›Was, du fährst wegen der Lesung eines Gedichtes nach München?‹ – habe ich geantwortet ›Nein, ich fahre, um 59 zu hören.‹ Ich habe diese Begegnung genossen. Einzelnen Autoren bin ich wieder-, der Mehrzahl erstmals begegnet.

Sehr gelungen war der Auftakt von Michael Augustin mit seiner (nicht aus dem Koreanischen rückübersetzten) ›Gebrauchsanleitung‹ für Lyrikleser – wie überhaupt das ganze Arrangement.

Natürlich habe ich auch als Herausgeber dabeigesessen und an die nächste und übernächste Ausgabe des ›Poesiealbum neu‹ gedacht – und freilich auch daran, wer die Leipziger Lyrikbibliothek, als arme Schwester der Münchner Lyrik-Kabinett-Sammlung, durch eine Mitgliedschaft in der Lyrikgesellschaft und / oder eine Bücherspende unterstützen könnte… Immerhin feiert auch die Gesellschaft für zeitgenössische Lyrik (www.lyrikgesellschaft.de) in diesem Jahr ihr 20-Jähriges.«

© Ralph Grüneberger, Leipzig

Alfons Schweiggert, Präsidiumsmitglied der Münchner Turmschreiber und Vorsitzender der Karl-Valentin-Gesellschaft, wünscht sich – wie sicher auch manch anderer Poesiegipfelteilnehmer – eine regelmäßige Wiederholung der Veranstaltung, weshalb er seinen Wunsch sogleich in eine ›Antragstellung‹ an die Stadt München formulierte:

Forderung an die Literaturstadt München:
Jedes Jahr ein »Gipfeltreffen der Poesie« während des alljährlich stattfindenden Literaturfestes im Herbst

Das »Gipfeltreffen der Poesie« war alles in einem: eine Jubiläumsfeier, ein feines Fest, eine beeindruckende Veranstaltung, ein abwechslungsreiches Event, ein Podium für interessante Gespräche und Kontakte der Autorinnen und Autoren untereinander, aber auch für einen regen Gedankenaustausch mit dem Publikum, das von diesem Ereignis begeistert war, wie nicht nur mir von verschiedener Seite bestätigt wurde. Damit nicht wieder Jahre vergehen, in denen die Lyrik in einen unverdienten Dornröschenschlaf verfällt, plädiere ich für ein jährliches »Gipfeltreffen der Poesie«, bei dem Anton G. Leitner als Kurator fungiert. Geeignete Unterstützer werden sich sicher finden.

Vor mir liegt gerade der Katalog »Literaturfest München 2012«. Nahezu drei Wochen lang präsentieren sich hier die »Münchner Bücherschau« und das »Literaturhaus München« mit diversen Veranstaltungen, in denen allerdings vorrangig Prosa- und Sachbuchautoren zu Wort kommen. Die Lyrik tritt dabei viel zu sehr in den Hintergrund und das Jahr für Jahr. Wie soll im Publikum da die Liebe zur Lyrik intensiviert werden?

Deshalb stelle ich den Antrag, dass in das jährlich stattfindende »Literaturfest München« künftig ein »Gipfeltreffen der Poesie« eingebunden wird und zwar nicht nur mit Lesungen, sondern auch mit Lyrik-Buchpräsentationen, mit Ausstellungen zum Themenkreis Lyrik und mit Podiumsdiskussionen.

© Alfons Schweiggert, München

Rudolf Kraus aus Wien hält den Poesiegipfel für einen

»legendären Gipfel von 55 Dichterinnen und Dichtern aus 4 Nationen, die in all ihrer Unterschiedlichkeit das Publikum und die Kollegenschaft begeistern konnten. Ein einmaliges, einzigartiges Erlebnis, das – so hoffe ich – noch jahrelang nachwirken wird. Der Austausch und die Gespräche untereinander haben mich ebenfalls sehr bewegt. Ein bedeutender Tag allemal. Die Lyrik lebt!«

© Rudolf Kraus, Wien

Auch Josef Brustmann inspirierte das Gipfeltreffen zu einigen lyrischen Zeilen. So dichtet er:

wenn 60 lyriker auf einer bühne wuseln
man könnte glauben, das wär was zum gruseln
zum gruseln war der abend nicht
der abend, er war ein GEDICHT

© Josef Brustmann, München

Michael Augustin aus Bremen veranlasst die Bitte, seinen Eindruck vom Poesiegipfel wiederzugeben, ebenfalls dazu ein Gedicht zu schreiben:

Sisyphos begrüßt
die Teilnehmer des Poesiegipfels
am Fuße desselben

Pardon! Sie wollen doch sicher
auch grad hoch hinaus.
Könnten Sie vielleicht mal
kurz mit anschieben?

Später zeig ich Ihnen gern
wie’s
wieder
abwärts
geht.

© Michael Augustin, Bremen

Manfred Chobot, Dichter aus Wien, lässt von der Kanarischen Insel Fuerteventura ein Gedichtgipfel-Mantra verlauten:

Gedichtgipfel-Mantra

kann sich abschneiden
das fernsehen
eine scheibe
wie anton programm
zu leitnern versteht
ohne verspätung
vier stunden lang
abwechslungsreich
sechzig poeten
unter einem hut
organisiert aus
allen ecken
dichterleute
angetreten zum
paarlauf poesie
unvergesslich

© Manfred Chobot, Wien

So ähnlich wie Fritz Deppert mag es vielleicht dem einen oder anderen Teilnehmer oder Lyrikinteressierten auch gegangen sein: Er war etwas skeptisch nach München gefahren wegen der Masse der Lesenden.

»Aber es wurde ein perfektes Event, das mich kein einziges Gedicht lang gelangweilt hat. Eine respektable Demonstration für DAS GEDICHT und Anton G. Leitner. Ein wichtiger Nebeneffekt war für mich die Begegnung mit vielen mir bekannten Autoren und Autorinnen.«

© Fritz Deppert, Darmstadt

Melanie Arzenheimer aus Eichstätt spricht im Zusammenhang mit dem Gipfeltreffen der Poesie und der Begleitung der Veranstaltung durch den BR sogar vom »Rudelpudern«:

Eine Runde »Rudelpudern«?

Da stand er nun, inmitten kommunikationsfreudiger Autoren und musste sein Anliegen an den Mann bzw. die Frau bringen. Der Regisseur des Bayerischen Fernsehens. Nicht nur die optimale Beleuchtung der Bühne lag ihm am Herzen, sondern auch die ›Lichtgestalten‹, die dort auftreten sollten. Damit die rein literarisch glänzten, aber nicht optisch, zückte der TV-Allrounder im Nebenraum des Literaturhauses kurzerhand das Puderdöschen mit der Erklärung: Der BR muss sparen, das Pudern muss der Regisseur jetzt selbst machen. Hoppla, was? Nun wurden die Literaten aus Österreich hellhörig, hat dort der Begriff ›Pudern‹ doch noch eine andere, zutiefst zwischenmenschliche Bedeutung. ›Na, dann lass ma uns halt öffentlich pudern‹, scherzte Manfred Chobot und stellte sich wie alle, die gleich ihre Gedichte vortragen durften, in die ›Puder-Reihe‹. So ergab sich ein allgemeines ›Rudelpudern‹, das sich wesentlich skandalöser anhörte, als es war.

© Melanie Arzenheimer, Eichstätt

Besagter Regisseur meinte nach Beendigung der Veranstaltung und Aufzeichnung zu mir, dass ich doch noch etwas ›geglänzt‹ hätte, ich hätte mich noch ausgiebiger pudern lassen sollen. Ach, wer will denn nicht einmal im Leben ein bisschen glänzen, und wer weiß, ob die Scheinwerferlichter jemals wieder so groß sein werden, da kann man schon mal alle Eitelkeiten über Bord werfen, schöner wird man eh eher seltener im Laufe der Jahre, dafür aber charakterlich ›geformter‹, und was schließlich zählt, ist: dabeigewesen zu sein bei diesem Riesenevent. Sicher für den einen oder anderen auch ein ganz persönlicher literarischer ›Gipfel‹.

Erich Jooß mahnt schließlich zu einer kleinen Verschnaufpause, sowohl für den ›Bergführer‹ Anton G. Leitner als auch für die 60 Dichter des Poesiegipfels. Sein ›letztes Wort‹ amüsiert und macht nachdenklich zugleich:

»Anton G. Leitner sammelt Lyriker wie andere vielleicht Erinnerungen oder unwiederbringliche Augenblicke. Er will organisieren, was sich eigentlich gar nicht organisieren lässt: Begegnungen. Davon halten ihn nicht einmal die Windmühlenflügel der schweigsamen Kritiker ab. Jedes gute (oder vernünftige oder verrückte) Gedicht, so glaubt er, spricht für sich. Wenn er wollte, könnte er sogar eine lyrische Olympiade veranstalten. Selbst München wäre dafür zu klein. Aber zuerst einmal soll er sich in Weßling ein wenig ausruhen und jeden von uns, der (die) von den anderen 59 Lyrikern im Münchner Literaturhaus erschreckt wurde, wieder zu sich kommen lassen. Danach reden wir weiter über die Lyrik und ihren unverzichtbaren Impresario.«

© Erich Jooß, Miesbach

Da stellt sich die Frage nach der Anzahl der ›Erschreckten‹. Sollte der Moment des Innehaltens auch stattfinden, wenn sämtliche 60 Lyriker den Abend vollkommen unerschrocken überstanden haben? Ehrlich gesagt ist bei einem von ihnen eine Pause nur sehr schwer vorstellbar.

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