Alchemistin der Sprache: Sina Kleins Gedichtband »narkotische kirschen«

rezensiert von Hellmuth Opitz

Bei Sina Kleins Gedichten sehe ich rot. Nicht aus Wut oder Ärger, nein, die Gedichte haben für mich einfach diese Farbe. Diese Wahrnehmung hat auch nichts mit synästhetischer Begabung meinerseits zu tun, sie lässt sich ganz einfach an den Bildern diese Poesie festmachen: »eingekeilter blutfink meiner rippen,/ kernbeißer. bei nacht zieht er nektar/ klinkt sich ein und trinkt vom scharlachtraum/sich zu verdoppeln.« heißt es im Gedicht »within«. Hier wird eine Herzenssache mit Metaphern besungen, die neben ihrem Gefiedertsein die Farbe Rot in den Mittelpunkt stellen, ohne sie zu benennen. Den Wiener Klever Verlag scheinen ähnliche Assoziationen beflügelt zu haben, präsentiert er doch Sina Kleins Gedichte in einem kompakten, schmucken Hardcover-Bändchen, das verschiedene Rottöne auf dem Cover variiert. Das mag bei einem Titel wie »narkotische kirschen« auch naheliegen. Denn der entfaltet nicht nur synästhetische, sondern auch anästhetische Reize. Er wirkt wie ein Rauschmittel und offenbart zugleich dass seismographisch genaue Sprachempfinden der 1983 in Düsseldorf geborenen Poetin. Denn obwohl das Bild der ‚narkotischen kirschen’ sprachlich gesehen keine reine Assonanz ist, entfalten die beiden Worte schon bei der Artikulation doch einen lautmalerischen Effekt, einen schwärmerischen Wallungswert.

Beim mehrfachen Vor-sich-hin-Sprechen des Titels kommt einem fast automatisch ein frühes Gedicht von Gerhard Falkner in den Sinn. In dem Poem »doch du bist schön« heißt es: »eine kirsche bist du/ der wir den puls öffnen, ihr süßes/ reservoir verschämter schwärmereien« Auch hier hat die Kirsche etwas zutiefst Körperliches, Fruchtfleisch und Blutkreislauf zugleich. Bei Sina Klein ist das Titelgedicht ihres Bandes eher eine programmatische Auflistung: Es ist steckt nämlich schlicht ein Wort- und Assoziationsfeld ab und damit zugleich das poetische Reservoir, aus dem sich die Dichterin bedient. Das Alphabet reicht hier von A wie ahnen bis T wie Thron und da trifft man die bereits genannten Vokabel-Eckpunkte alle wieder: die Kirschen, das Narkotische, die Rotstiche. Wie ein Alchemist vor seinen Experimenten alle Essenzen und Stoffe griffbereit anordnet, so steckt Sina Klein hier ihren poetischen Fundus ab.

»und als der rubin mir fieberschwach/ in den limbus kracht«, so beginnt das Gedicht »nacht«. Typische Zutaten: Die Farbe, hier in Form eines Halbedelsteins, und ihre berauschende Wirkung auf das limbische System. Überhaupt fällt auf, dass bestimmte Motive sich in gewisser Stringenz durch die Gedichte ziehen – wie ein Refrain aus Bildern. Dazu gehören neben der Farbe Rot z.B. Früchte oder Edelsteine; vor allem aber Tiere, besonders Vögel. Das »Vogelfängerlied«, das sich auf Jacques Prèverts »Chanson l’Oiseleur« bezieht, kommt wie kindlicher Abzählreim daher, das Gedicht »a bird disabled« lässt am Beispiel eines Rabenpärchens das Scheitern einer Liebe anklingen und in dem Poem »symmetrisches delikt« heißt es: »siehst du nicht auch diesen meißelnden specht,/ der die brust mir zerspant bis zu neige?// rot ist sein schnabel, und nachtgrün mein haar,/ das nadelt//« Ich glaube man geht nicht zu weit, den eingangs zitierten »blutfink« wie auch den »specht« als eindrückliche Chiffren für das Herz zu nehmen, das Flatterhafte, Flüchtige und zugleich Verwundete dieses blutdurchpulsten Organs. Zusammen mit der in diesen Gedichten angesprochenen Enge der Brust und der Rippen wird der Körper gleichsam zum Käfig für diesen »Vogel«. Zugegeben, keine ganz neue Allegorie, aber dennoch: Das Wiederauftauchen und Abwandeln bestimmter Bildwelten zeigt, dass Sina Klein beim Schreiben – bei aller sorgfältigen sprachlichen Komposition – einem intuitiven Impuls folgt. Sie schreibt Gedichte, die ihre Ideen nicht »bis ans bittere Ende ihrer allgemeinen Nachvollziehbarkeit« (Falkner) führen. Es sind Zaubersprüche. Den Begriff Zaubersprüche nehmen auch gern gewisse Apologeten hermetischen Dichtens für sich in Anspruch, die meinen, Unverständlichkeit allein sei schon ein Qualitätsmerkmal. Ihnen sei ins Stammbuch geschrieben, dass die Zaubersprüche von Sina Klein den Vorteil haben, auch einen Zauber auf die Wahrnehmung des Lesers auszuüben. Man nehme nur einmal den 16teiligen Gedichtzyklus »schier«. Diese relativ kurzen Notate, numerisch ungeordnet in den fünf Kapiteln des Bandes verstreut, sind sprachmagische Kleinode: z.B. »schier 8«: »mir bricht in der brust ein granatapfel auf,/ an zersplitterter tür prangt ein zettel von dir:/ du bist weniger wert als der staub/ unter meinem bett, – stand da und dein name/ in zwanzig karat.« Auch hier wieder motivische Refrains: die Frucht als Chiffre für Herz und Edelsteine als Synonym für das Harte und Kalte, die hier in der Wertbezeichnung Karat benannt werden. Doch es ist nicht nur ein Flow aus bestimmten Vokabeln, der sich wie ein Mahlstrom durch diese Gedichte zieht, Sina Klein kann auch anders: Im letzten Kapitel »labor« greift sie am Ende eine alte Motivtradition auf: das ertrunkene Mädchen Ophelia: »mein vers, er muss aus wasser sein,/ damit er deinem fluss entspricht;/« In diesem drei Gedichten nutzt sie zum Teil klassische Versmaße und alternierende Reimformen, im dritten Gedicht wird Ophélie allerdings recht kalt auf den Seziertisch gelegt, auch das in bester Tradition à la Gottfried Benns »Schöne Jugend«.

Die Schönheit dieses Bandes erschließt sich nicht unbedingt beim chronologischen Lesen, man sollte intuitiv hineinblättern, dann entdeckt man diese poetischen Zaubersprüche und ihre magische Wirkung viel direkter und spontaner. Sina Klein ist eine Dichterin mit alchemistischer Neugier an der Sprache, man darf gespannt sein, wie viel Gold da in Zukunft zu erwarten ist.

Sina Klein: narkotische kirschenSina Klein
narkotische kirschen

Gedichte
Klever Verlag, Wien 2014
Hardcover, 102 S.
€ 15,90 (D)

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Hellmuth Opitz (Foto: Isabel Opitz)

Hellmuth Opitz (Foto: Isabel Opitz)

Hellmuth Opitz wurde 1959 in Bielefeld geboren, wo er auch heute lebt. Er gilt inzwischen als einer der besten deutschen Liebeslyriker. Nach seinen Anfängen als Rock- und Folkmusiker interviewte er für überregionale Musik-Magazine wie »Musikexpress« oder »Rolling Stone« u. a. Aerosmith, Bad Religion und Wim Wenders. Zusammen mit Matthias Politycki und Steffen Jacobs tourte er mit dem Poesieprogramm »Frauen. Naja. Schwierig«, das auch auf CD vorliegt, durch Deutschland. Bislang erschienen von ihm neun Gedichtbände, zuletzt »Die Dunkelheit knistert wie Kandis« (2011) sowie »Aufgegebene Plätze. Verlorene Posten« (Künstlerbuch, 2013).

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