Archiv der Rubrik »Vers der Woche«

Jeden Sonntag kommentiert DAS GEDICHT-Herausgeber Anton G. Leitner in dieser Rubrik das große und kleine Weltgeschehen der vorangegangenen Woche mit einem Vers, wenn nötig auch mit mehreren. Mal widmet er sich privateren Themen, mal politischeren, manchmal bedichtet Leitner auch aktuelle Ereignisse. Dabei mit Vorliebe so, wie ihm der Schnabel gewachsen ist, nämlich auf Bairisch. Bisweilen küsst ihn die Muse aber auch hochdeutsch.

 

 

 

28.02.2021 Wias is, iss nix, awa wias wean kannd,
iss scho glei zwomoi nix

Ezad miassad se
Awa boid wos doa.
I moan, do duad
Se wos, weis ja aa

Zeid waar, dass
Se wos duad. Ja
Du bisd guad!
Bei uns duad se

Doch nix, wei de do
Om moana, dass
Des scho duad füa
Uns, wos do ham.

Oiso deans scho
Glei goa nix mea,
Wei wenns wos
Doa daadn, daads

Gnua gem, de se
Drüwa aufreeng,
Dass wos do ham,
Weis des aa andas

Doa häddn kenna
Oda bessa goa
Need. Oiso dram i
Scho davo, dass

Se wos do hädd,
Awa danoch meag
I, dass oiss so bliem
Is, wias oiwei scho

War, oiso dass se
Wieda nix do hod.
Do konnsd nix doa
Dageng.

Weßling, 27.2.2021
(Fassung II)

21.02.2021 Schdichd da Hafa

Floggn riesln lassn
In a Schüssl und
Danoch schnibbsln.
Ebbfe in Scheim

Schnein und de
Scheim in Schdreifn
Und de Schdreifn
In no gleanare

Schdüggl. Draum
Viaddln und a Dschi-
Gwiedda in Radl
Deiln und d’ Radl hoi-

Bian, um oiss mid-
Nand zum varüan.
Mid Milli fluudn, no-
Moi rüan und se

Need scheenian,
Boi ma scho midm
Bläddschl aufn
Gschmagg kummd.

Weßling, 3.2.2021
(Fassung II, 20.2.2021)

14.02.2021 Deidsche Enggldriggvoasoage

»’s Imbfzenddrum hod ogruafa«,
Jubiliada. »I soi glei onlein gee
Und eana wos üwaweisn, damid
I boid dro kumm, hams gsagd.«

Grod gfrein duada se. Awa zum
Glügg isa need ins Nezz kemma,
Wei des vohea scho wieda zam-
Brocha is.

Weßling, 11.2.2021
(Fassung II, 13.2.2021)

07.02.2021 Bäaschbeggdivwexl

Schdäids eich voa, unsa
Gwambadde Scheefin
Miassad auf amoi säiwa

Oiss ausschdee, wos
Sonsd aussizzd oda
Oschaffd, wei ira Ladn

Vo oam Dog aufn andan
Zuagschbäad woan waar –
Und de miassad Andräg

Schdäin, dass weida ir
Diridari griagad, vo dene
Oana nochm andan ob-

Gleend wearad. Do daad
Sogoa aus dera am End
No a Schdrich in da Land-

Schafd wean und ire
Schbrüch wia »Im Großn
Und Ganzn is nix schiaf

Glaffa« daadn pfeigrod
Bassn wia d’ Fausd aufs
Aug.

Weßling, 6.2.2021

31.01.2021 Blassa Schimma

D’ Sonna schbizzd
A weng aussi,
Imbfd a bor

Gschundne Säin,

Awa glei danoch
Vaziagd sa se
Wieda.

Weßling, 29.1.2021
(Fassung II, 30.1.2021)

24.01.2021 Es is hoid a Greiz mid
dene Manna unddam Greiz

»Unsa Hochwüadn is a
Pfundskeal«, schwäambd
Sei Minisdrand midm Milli-
Gfries, dea scho üwa viazge
Is und no dahoam bei seina
Oidn Muadda im Kindda-
Zimma hausd. »Da Pfarra
Hod oiwei pfäffade Schbrüch
Üwa d’ Weiwaleid auf Laga!«
So wia des Zwedschgnmandl
In seim Paffnreggal umananda-
Schwanzld, woasa need rechd,
Wosa mid seim Zibbfe ofanga
Soi, dengg i ma, awa song
Dua I: »Dea soi liawa üwa wos
Reedn, wovoa wos vaschdeed
Und se füa olle ins Zeig leeng,
Dees braucha.« Sei Bolande
Vaschdeed mi need, weia
Dorad is und weia aa bloos
Des hean wui, wosa hean wui.

Weßling, 11.1.2021
(Fassung II, 16.1.2021)

17.01.2021 Sommahaus
im Windda

Des Heisl
Schdeed leer.Nua a boa
ZruggbliemneWian
San drinAm
vahungan.

Weßling, 11.1.2021
(Fassung III, 23.1.2021)

10.01.2021 Schdudian wos geed

Easda Dog Rechdsvadrearei,
Audi Max. I waar valoan gwen
undda sovui Leid, wenn need

Des Rauschgoidengal newa
Mia gsessn waar. Newa ira
Is ma des droggne Ziwui-

Rechdsgeleia ins oane Oa
Eini- und zum andan Oa
Ausseganga. Des oanzige,

Wos i schdudiad hob, is
Gwen, dass de mi wui und
I de aa. Oiso hob i mia a

Heaz gfassd und mei Heaz
In Veasal eibedd, und oiss
Auf am Kollidschblogg fesd-

Ghoidn, awa so do, ois
Daadi beim Baragrafnreiddn
Middoa. Wias amoi need

Zu mia rüwagschbechd hod,
Hob i des Bladdl mid de
Scheensdn Veasal raus-

Grissn und vaschdoin in ir
Rode Basddaschn gschdeggd.
Am Omd hods mi nachad

Scho ogruafa und gmoand,
Dass mia zwoa midnand
Redn miassadn. Des hama

Nachad aa gmachd, und
Need nua des, üwa zwoa
Semesdda lang.

Weßling, 9.1.2021
(Fassung II, Kurzfassung)

03.01.2021 Noch de Feiadog

Do schaungs olle bläd
Aus da Wäsch, weis auf
Amoi im Schdau schdenga,
Obwois scho in olla Fria

Aufbrocha san zum Flaschl-
Konddäina, damid neamads
Siechd, wias oan Boxbeiddl
Nochm andan zadebban im

Greaglos. De, de se do dreffa,
Schdiean vaschdoin in Bodn
Und dean a so, ois ob sa se
No nia wo gseng häddn, wei

Sa se schamma, dass andare
Midgriang, wos füa bsuffane
Wongscheiddl dass san, wo’s
Doch eanane gloana Üwa-

Fliaga an liabn langa Dog va-
Zäin, dass Saufa und Haschn
A Suchd san, de friara oda
Schbäda in Grom eini füad,

Wei a de schdeaggsde Lewa
Auf Daua nimma midduad
Unds Hiankasdl scho glei
Dreimoi need.

Weßling, 26.12.2020
(Fassung II, 2.1.2021)

27.12.2020 Onlein-Winddasemesdda 2020

»I wea boid dreissge und hogg an
Liabn langa Dog in dera gloana
Bude voam Läbtobb. Und mei Bio-
Wegga tiggd und tiggd und tiggd.
I mächad so gean an Kind griang,
Awa hob koa Schaas, oan zum
Kennaleana. Und meine zwoa
Dschobbs bin i aa los. Oiss bloos
Wega dem Scheiss Wirus!«

Weßling, 26.12.2020

20.12.2020 Heazbodn

Neili hod ma da jüngsde
Gmoaknechd zuazwinggad,
Ois i ean eawischd hob,
Wira mid seim Rüddla-Brooz
Mid am Moadskrach a Heaz
Aus beeschm, feina Schwoas-
Sand vo oam Medda Duach-
Messa in den sonsd nua grob-
Keandldn, graniddfarbna
Fuassweg einigschdambfd
Hod – wos need rechd vui
Gschbanna wean, weis äh
bloos drüwaladschn ohne
Zum schaung. Woas da
Deifi, wosn do griddn hod.
Hodas gmachd, weia seim
Gschbusi ohne Draaraa
Song woidd Do schaug hi,
Des is füa di oda hodas
Einigrüddld, weia guad
Drauf war und olle, de no
Aung ham im Kobbf, heid a
Gloane Freid macha woidd.

 

13.12.2020 De roasade Tabanagglwanzn

Neili hod uns a schwarz va-
Schleiade Klosdaschwesdda
In am VauWeh ubb! mid moads
Karacho linggs üwahoid. Awa

Bis i »dea bressiads in Himme«
Song hob kenna, wars scho üwa
Olle Beag. Hoffma, dass nachad
Wieda aufn rechdn Weg zrugg-

Gfundn hod und fois need, dass
Sa se alloa darennd hod und
Need soichane Käzza wia mi
In Himme midgnomma hod.

A99, 26.8.2020
(Fassung II: Weßling, 13.11.2020)

06.12.2020 Bosdkaddolischs Gribbnbuidl,
in da Gwaranddäne vawaggeld

»Da Vadda is a Ox«, sogd sei
Schbross. »Naa, i bin a Esl«,
Sogd da Vadda, »dass i dei
Muadda gheirad hob und
Dass i di mid ira fabrizziad
Hob – deshoib wead i no a
Heiliga, weasd seng«. »Naa«,
Bläad d’ Muadda, »i kumm a-
Moi in Himme, wei i eich zwoa
Aushoidn hob miassn jedn
Dog und vakösddign dazua
Und hinddaheawischn aa no.«Weßling, 5.12.2020
29.11.2020 Grean ogschmiad

»Guad, dass ma de
Äifdausnda Umwäid-
Brämie heia no
Midneema kenna,

Wei newa unsam
Kuh Siem und Kuh
Drei machd se so a
BeÄhmWeh-Eleggdro-

Schnaufal EiDreiEs
Mid hundadviaradachzg
PeEs no ganz guad –
Ois Voaschbui zum

Eleggdro-EiIX, den
Ma se ezad scho voa-
Bschdäin ko. Dea hod
Nachad gschdandne

Fünfhundad PeEs und
Is in a bor Seekundn
Vo Nui auf Hundad.
Do miassma schaung,

Dass ma füa den vom
Schdaad aa no a bis-
Sal a Umwäidhuife
Oaganisian kenna.«

Weßling, 25.11.2020
(Fassung II, 28.11.2020)

22.11.2020 Maschkera auf da
Bflegeschdaddion

»Wos machdn dea
Gwambade do hearin?«,
Bläada drei Moi hindda-
Anand wiara Wuida. Ma
Daad goa need glaum,
Wos so a Zwedschgn-
Mandl im Püdschaama
No füa a mords Oagan
Hod. »Zum Deifi mid
Dera feddn Sau!«,
Legda noch.
»Dea Digge«, sog i, »is
Dei Engal ausm Osdn
Und des Engal buzzd
Da an Arsch aus.«
»Wo is mei Oide?«,
Schreida danoch, »hoi
Sofoad mei Oide hea!«
»Dei Oide«, sog i, »deaf
Do need eini wega
Korona, woasd scho.«
»Awa warum hosd
Nachad du reideafa?«,
Frogda mi. »Wei i da
Dod bin«, sog i, »und
Wei i bei eich no a
Bissal wos zum doa
Hob. Und ezad lass
Mi biddscheen weida-
Weagggln.

Weßling, 21.11.2020
(Fassung II)

15.11.2020 Id newa räins in Sassan Bäväria

»Ab do biddscheen nua
No lacha!«, schdeed auf
Am Schuidl newam Dial
Vo oam, bei dem neamads
Wos zum lacha ghabd hod
Damois unddam Haggl-
Greiz. Awa ea hod oiss
Üwalebd und heidzodog
Woas koana mea, wos
Dea nedde Obbabba
Amoi füa oana gwen is.
Oiso machd eam a jeda
A rechde Freid und
Schdraaldn o, boia bei
Eam auf a Schdambal
Voabeischaugd.

Weßling, 28.10.2020
(Fassung IV, 14.11.2020)

08.11.2020 Demogradie üwam Grossn Deich Zwoa Punggd Nui

Wenns weida so zuageed
Auf da Wäid, wead i säiwa
No gschbinnad gnua, dass i
Mi auf meine oidn Dog zum
Amibräsidend wäin lassn ko.

Nua a boa Milliaadn Dolla
Miassad i davoa no gschwind
Ois Schmiagäid eisammen lassn,
Damids mi aa gwies aufschdäin.

(Weßling, 7.11.2020)

01.11.2020 Pandemiefrisör am Weßlinger See

Montagmorgen. Mutterseelenallein.
Rabenkrähengekrächze. Endlich

Tut sich was. Auf einer Parkbank.
Er sitzt, sie steht hinter ihm.

Mit der Schere. Übt wohl noch,
Schnippt in die Luft. Danach

Wirbeln weiße Haarflocken.
Bevor Gras darüber wachsen

Kann, wird schon Laub die
Büschel verdecken.

Weßling, 26.10.2020
(Fassung II, 31.10.2020)

 

Porträt Anton G. Leitner

Anton G. Leitner, Foto: Volker Derlath, München

Anton G. Leitner wurde 1961 in München geboren. Der examinierte Jurist lebt als Lyriker, Herausgeber und Verleger in Weßling (Landkreis Starnberg). Er publizierte bislang dreizehn Gedichtbände, u. a. »Schnablgwax. Bairisches Verskabarett« und »voix en plein trafic / Stimmen im Verkehr« (Deutsch – Französisch; Auswahlband, 2020). Seine Gedichte sind in neun Sprachen sowie diverse Dialekte (u. a. Schottisch, Londoner Cockney und Damaszenisch) übersetzt worden. Neben 28 Folgen der buchstarken Jahresschrift »Das Gedicht« edierte er über vierzig Anthologien, u. a. bei Reclam »Die Bienen halten die Uhren auf. Naturgedichte« (2020). Leitner wurde vielfach ausgezeichnet, zuletzt mit dem »Tassilo-Kulturpreis« der Süddeutschen Zeitung und dem »Bayerischen Poetentaler«. Er ist Mitglied der »Münchner Turmschreiber«. antonleitner.de, schnablgwax.de, wadlbeissn.de

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