Der feine Faltenwurf der Form: Der Gedichtband »TageKleider« von Elisabeth Drab

rezensiert von Hellmuth Opitz Ursprünglich war dieser Gedichtband als Sonettenkranz angelegt. Nun ist der Sonettenkranz bekanntlich eine streng geregelte Form. Sie besteht aus 14 + 1 eng verflochtenen Sonetten, die zusammen einen Gedichtzyklus bilden. Die Verschränkung der einzelnen Sonette erfolgt, indem der Schlussvers des ersten Sonetts gleichzeitig den Anfangsvers des zweiten Sonetts bildet, der Schlussvers des zweiten den Anfangsvers des dritten und so weiter. Das 15. Sonett – das Meistersonett – schließlich setzt sich aus den Anfangs- bzw. den Schlussversen aller 14 Sonette zusammen. Warum diese formale Regelerklärung des längst Bekannten? Nun, weil Elisabeth Drab eine Virtuosin des Sonettenkranzes ist. […]

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Meister des bewusst Ungeschriebenen: Matthias Kehles deutsch / rumänischer Gedichtband »Fundus«

rezensiert von Hellmuth Opitz Wer Matthias Kehle von seinen Erzählungsbänden und den zahlreichen Sachbüchern kennt oder wer ihn in den sozialen Medien, in Zeitungsartikeln, Leserbriefen, Kommentaren erlebt, der stößt auf einen temperamentvollen Zeitgenossen: hellwach, streitbar, meinungsstark. Seine Gedichte hingegen kommen erstaunlich wortkarg, fast verschwiegen daher. Nur auf Nichtgesagtes ist jetzt noch Verlass, scheinen die Gedichte permanent sagen zu wollen. Etwas Verletzliches strahlen diese Gedichte aus, hinter dem Schönen scheint Schrecken zu lauern. Das signalisieren auch die Gedichtbandtitel »Drahtamsel« und »Scherbenballett«, aus denen sich diese Gedichtsammlung vornehmlich speist. In diesen Titeln sind das Filigrane und das Gefährliche untrennbar miteinander verbunden. Die […]

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Heim(at)leuchten

rezensiert von Hellmuth Opitz Poesie und Heimat, das ist längst kein Begriffspaar mehr, bei dem sich sensibleren Gemütern die Nackenhaare sträuben und sofort der tümelnde Reflex volksliedhafter Sentimentalitäten vom Schlage »Und ewig rauschen die Wälder« einsetzt. Wenn sich die Gegenwartslyrik heute verstärkt dem Thema Heimat zuwendet, ist das vor allem poetische Selbstvergewisserung, das Abstecken einer Identität, die sich in einer rasant wandelnden Welt, in Zeiten von Globalisierung und Kapitalismus, ein Reservat des Vertrauten bewahren will. Dabei muss das gar nicht immer die Heimat als Sehnsuchtsort sein, es geht nicht um sentimentale Rückblicke, schließlich sind PoetInnen nicht automatisch gleichzusetzen mit Heimatvertriebenen, […]

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Anti Avanti: »Fünfzigtausend Anschläge« – das Schwarzbuch der Lyrik 2016

»Fünfzigtausend Anschläge. Schwarzbuch der Lyrik 2016«

rezensiert von Hellmuth Opitz Positionierungen erfordern eine klare Programmatik. Von Anfang an, noch in der ersten Projektphase, hatte sich das Schwarzbuch der Lyrik bewusst als Gegenentwurf zum Jahrbuch der Lyrik 2015 verstanden. Denn jenes war bei der Kritik weitgehend durchgefallen. »Ich finde, es ist alles nicht gelungen,« konstatierte André Hatting im Deutschlandradio Kultur (seine Kritik wird auf dem Schwarzbuch als Klappentext abgedruckt) und Heike Kunert bemängelte in der ZEIT, dass sich »überdies… so gut wie kein politisches, zumindest gesellschaftskritisches Gedicht im Jahrbuch findet«. André Hatting wiederum vermutete den Grund für die mangelnde Nachhaltigkeit in der Qualität der Einsendungen: »Vielleicht haben […]

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Unwirksame Zaubersprüche: »Lyrik von Jetzt 3: Babelsprech«

Max Czollek, Michael Fehr und Robert Prosser (Hrsg.): Lyrik von Jetzt 3: Babelsprech

rezensiert von Hellmuth Opitz Anthologien zu rezensieren, ist eine undankbare Aufgabe. Man wird in eine Rolle gezwungen, die der eines Weinkritikers nahekommt, der etwas Allgemeines über einen Weinjahrgang sagen soll. In dieser Rolle gehen manche Kritiker allerdings gern auf. Beim aktuellen »Jahrbuch der Lyrik 2015« schnalzten sie mit den Hosenträgern und verrissen diese von Nora Gomringer mitedierte Anthologie rundweg als misslungen. Heike Kunert empfahl in der ZEIT, dann »lieber Einkaufszettel« zu lesen. Auch Ko-Herausgeberin Nora Gomringer hatte sich vorsichtshalber im Nachwort vom Inhalt abgesetzt, indem sie meinte, dass man halt mit dem Material arbeiten müsse, das einem vorliege. Also wenig […]

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