Jenseits des Schrebergartens: Helmut Kraussers neuer Gedichtband »Verstand & Kürzungen«

Helmut Krausser Verstand & Kürzungen

rezensiert von Hellmuth Opitz »Bewisperer von Gräsern und Nüssen«, nannte Gottfried Benn mit unnachahmlichem Spott vor mehr als 60 Jahren jene Generation von jungen Dichtern, die sich unmittelbar nach dem zweiten Weltkrieg zunächst dem Naturgedicht zuwandten. Darunter waren immerhin Namen wie Eich, Krolow, Huchel oder Bobrowski, die später zu prägnanten Figuren der deutschen Lyrik wurden. Und tatsächlich: In ihren frühen Gedichten tuteten die Rohrdommeln, es zilpzalpte in den Hecken, Schachtelhalme wogten sanft im Wind und Libellen standen überm Schilf. Es wäre aber Profanpsychologie, diese Gedichte nur als lyrischen Eskapismus zu bezeichnen, eine naturalistische Schockstarre angesichts der Schuld, die Deutsche mit […]

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»Das Schweigen der Blätter« von Fritz Deppert

rezensiert von David Westphal Fritz Deppert ist im deutschen Literaturbetrieb gewiss kein unbeschriebenes Blatt und legt nach nunmehr dreizehn Jahren seinen neuen Gedichtband »Das Schweigen der Blätter« vor. Der im Neuen Literaturkontor erschienene Band ist mit 111 Seiten ein kompaktes, aber mit Gedichten voll bepacktes Buch in schlichtem Design: Schwarz auf Eierschalenweiß mit dezenter Doppelrahmung. Im Erscheinungsbild blitzt bereits ein Beleg für das fundierte Konzept der schweigenden Blätter durch. Die Gedichte sind in zwei Teile organisiert. Der erste Teil umfasst einen Jahreszyklus. Jahreszyklus, das klingt beinahe schon stereotyp und zu romantisch, doch das ist nicht der Fall. Was Deppert kreiert, […]

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Unverhoffte Verbindungen: »sirene des duschraums« von Annette Hagemann

rezensiert von Thomas Schaefer In ihren neuen Gedichten singt die Hannoveranerin Annette Hagemann voll Hingabe als »sirene des duschraums« Vorbei sind zum Glück die Zeiten, in denen Dichter den Nimbus von Sehern und Sängern zu (er-)tragen hatten. Wenn heute gesungen wird, dann profan unter der Dusche, wie in »sirene des duschraums«, jenem Gedicht, mit dem Annette Hagemann ihren neuen Lyrikband betitelt und abschließt. »ich sang mit hingabe und / nahm meinen beruf sehr ernst«, verkündet dort ein lyrisches Ich erfrischend selbstironisch. Es ist eine Haltung, die häufig anzutreffen ist in den Gedichten der 1967 in Münster geborenen, in Hannover lebenden […]

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Wiedergelesen – Folge 3: »Die Herkunft der Uhr« von Rainer Malkowski

Dr. Erich Jooß. Foto: Volker Derlath

Literatur ist vergänglich, auch wenn sie sich, wie jede Kunst, gegen ihre Vergänglichkeit zur Wehr setzt. Trotzdem entschwinden Bücher in Archivbibliotheken. Auf einmal gehören sie nicht mehr zu unserem Erfahrungshorizont. Erich Jooß stellt an jedem 15. des Monats vergessene Lyrikveröffentlichungen in seiner Rubrik »Wiedergelesen« vor, die bewusst unsystematisch angelegt ist. Entdeckerfreude und persönliche Vorlieben sind ihm als Kolumnist von DAS GEDICHT blog wichtiger als literaturhistorische Zensuren.   Zwischen dem ersten Gedichtband von Rainer Malkowski, der 1975 unter dem Titel »Was für ein Morgen« verlegt worden ist, und dem neunten und letzten »Die Herkunft der Uhr« (2004) liegen fast drei Jahrzehnte. Alle Einzelausgaben, geordnet nach […]

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»Vastehst me – Bairische Gedichte aus 40 Jahren«

rezensiert von David Westphal Neuere linguistische Forschung belegt: Die junge Generation der Bayern spricht keinen Dialekt mehr – und empfindet es als ein Defizit! Der Titel der Anthologie »Vastehst me« aus der edition lichtung, erschienen im lichtung verlag, legt gewissermaßen den Finger in diese Wunde. Die Herausgeber Eva Bauernfeind, Hubert Ettl und Kristina Pöschl versammeln darin gut 150 bayerische Mundart-Gedichte aus 40 Jahren von 50 Autoren. Der Sammelband möchte »einen Überblick über die zeitgenössische Mundart-Lyrik der altbaierischen Regionen« bieten – und in der Tat ist dem lichtung verlag damit ein singuläres Werk innerhalb der bayerischen Literaturlandschaft gelungen. Altbayerisch, das bedeutet: […]

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