»Old Glory« von Heinrich Detering

rezensiert von Paul-Henri Campbell Heinrich Detering: »Old Glory« »wasp-waisted, they doze over muskets and muse through their sideburns« (Heinrich Detering: For the Union is Dead) »OId Glory« ist ein Kosename für die Flagge der Vereinigten Staaten von Amerika. Obschon die Flagge ursprünglich in Salem (MA) hergestellt und während des Sezessionskriegs als Banner der Unionstruppen verwendet worden ist, ist »OId Glory« ein Symbol für die nationale Einheit durch alle Diskontinuitäten, Widersprüche, Triumphe, durch alle busts and bangs hindurch. Das Smithsonian hütet heute »OId Glory« wie der Trierer Dom die Tunika Jesu Christi (Heiliger Rock). Ich lese Deterings Titelwahl als eine Art […]

Weiterlesen

»Strohhalm, Stützbalken« von Walle Sayer

rezensiert von Paul-Henri Campbell Walle Sayer: »Strohhalm, Stützbalken« »Ein Kolumbus sein, der den Ort entdeckt, in dem er lebt seit fünfzig Jahren.« (Walle Sayer: Rochaden) In seinem neuen Gedichtband »Strohhalm, Stützbalken« (Klöpfer & Meyer 2013) träumt Walle Sayer den Traum einer Expressivität, die unbestimmt bleibt, weil sie offen ist, und die eindringlich ist, weil sie nichts vereinnahmen will. Im Klappentext heißt es: »Weit weg vom Seinsgehabe, Sinngetue. Und einfach sein. […] Ein lichter Hallraum entsteht. Bis aus dem Gesehenen Gesehenes wird.« Das klingt zunächst robust und bodenständig mit einem Touch Heidegger: Ein Dichter, der weiß, wohin er gehört, von niemandem […]

Weiterlesen

»verdecktes gelände« von Nico Bleutge

rezensiert von Paul-Henri Campbell Nico Bleutge: »verdecktes gelände« »us and our stuff just covering the ground« (Gary Snyder: Covers the Ground) Nehmen wir an, das Experiment ginge auf: sich zur Welt in ein solches Verhältnis zu setzen, das komplexer wäre als ein bloßes »Lesen« von Landschaften, komplexer noch als die poetisierende Interpretation und die Manien der Sinnzuschreibung per Logos und Cogito. Unsern Weltbezug und Selbstbezug radikal von der Wahrnehmung her zu gewinnen. Dinge sind da. Und Nico Bleutge wendet die cartesianische Wende erneut. Dinge sind nicht notwendig an sich denkbar, reflektierbar, beschreibbar. Wir können locker bleiben. Sie sind einfachhin und […]

Weiterlesen

»Umstellung der Zeit« von Michael Krüger

rezensiert von Paul-Henri Campbell Michael Krüger: Umstellung der Zeit »Es geht um die Grundwasserkrebse, winzige Tiere mit Dornen und Borsten, die das limnische Mesopsammal bewohnen, das Ufergeröll aus Kiesel und Sand«. (Michael Krüger: Alte Brunnen) Was sagt der Heilige Augustinus nochmal gleich über die Zeit? »Wenn mich keiner danach fragt, so weiß ich, was es ist; sooft ich es jedoch einem Fragenden explizieren will, weiß ich es nicht«. Niemand hat Michael Krüger nach der Zeit gefragt. Gleichwohl funkelt in den Gedichten von »Umstellung der Zeit« (Suhrkamp Verlag Berlin 2013) ständig dieses äußerst verwickelte Rätsel oder »inplicatissimum aenigma«, wie es Augustinus […]

Weiterlesen

Hellmuth Opitz: DIE DUNKELHEIT KNISTERT WIE KANDIS. Gedichte.

Nichts ist schwieriger, als komplexe Sachverhalte einfach auszudrücken. Ganz besonders gilt dies im Bereich der Lyrik, wo manche meinen, es seien verschraubte Kunst- oder Fachsprachen vonnöten, um poetische ›Tiefe‹ zu erzeugen. Hellmuth Opitz verzichtet in seinen Gedichten seit Jahrzehnten auf alles Überkandidelte. Die Macht der Opitzschen Bildsprache wird von vielen Lesern geschätzt. Schon lange gilt der Dichter aus Bielefeld als großer ›Frauenflüsterer‹. Aber auch außerhalb des ewigen Poesiethemas »Liebe« brilliert Opitz als deutscher Meister der lyrischen Einfachheit: »Die Dinge tun einfach ihre Pflicht« heißt eine Abteilung in seinem neuen Gedichtband. Bescheiden wie er ist, spricht Opitz im Kapiteluntertitel von »Zwölf profanen Haushaltsgedichten«. Seine Widmungsverse »Mein […]

Weiterlesen
1 37 38 39 40 41 42