Das flüchtige Schöne einfangen – Folge 6: Jochen Stüsser-Simpson »In der Wachau«

Für eine neue Netz-Anthologie hat sich das Online-Forum der Zeitschrift DAS GEDICHT, www.dasgedichtblog.de, auf die Suche nach dem Schönen gemacht. Schließlich ist die Kunst seit Jahrhunderten auch eine Instanz der Ästhetik.
Und wenngleich seit längerem eine gewisse Scheu vor dem Schönen im modernen Kunstbetrieb herrscht und Schönheit heute oft reduziert wird auf den schönen Schein, auf das Streben nach Idylle oder die Anbetung getrimmter Körper – möchte die neue Netzanthologie von Redakteurin Sandra Blume der Schönheit in der Kunst einen besonderen Platz einräumen.
Über 40 Autorinnen und Autoren aus Deutschland, Österreich und der Schweiz haben mehr als 100 Gedichte zum Thema »Das flüchtige Schöne einfangen« eingereicht. 16 ausgewählte Texte werden jeden Mittwoch zum Lesen und Hören auf DASGEDICHTblog veröffentlicht und laden dazu ein, jener Schönheit, die beim Betrachter Freude, Trost und Glück – wenigstens für kurze Augenblicke – auszulösen vermag, auf die Spur zu kommen.

 

Sandra Blume liest: »In der Wachau« von Jochen Stüsser-Simpson

 

Jochen Stüsser-Simpson

In der Wachau

Und Ruster sollte man am See probieren,
mit Fisch, am festen Ufer, Wind von vorn,
der durch die Wolken sichelt und papieren
durch Schilf und Weiden raschelt und im Korn
die leichten Wellen wiegt und unsere Lider
so sanft berührt wie unsere warmen Lippen,
die lächeln, lachen, küssen hin und wieder
wenn sie im Glas den kühlen Weißwein nippen.
Oder – röter noch als Lippen – Roten,
einen Zweigelt, einen Schilcher, Vöslauer,
gut durchgeatmet und belüftet angeboten,
schärft unseren Satzbau, macht den Himmel blauer
bis wir die Blicke ineinander senken,
langsam das Licht versinkt in Land und Wasser,
und alle Dinge sind, wie wir sie denken
und überm See die Farben werden blasser.

 

© Jochen Stüsser-Simpson, Hamburg

 

 

 

Sandra Blume. Foto: Yvonne Bartsch

Sandra Blume. Foto: Yvonne Bartsch

Sandra Blume (Jahrgang 1976) hat Geschichte, Kulturwissenschaften und Journalistik studiert. Sie arbeitet seit 2005 als freie Texterin, PR-Beraterin und Theaterdramaturgin. Seit 2013 ist sie Pressesprecherin des Wartburgkreises in Thüringen. Sie hat bei zahlreichen Lese-, Radio- und Theaterveranstaltungen mit einer »lyrischen Zärtlichkeit des Lauschens und Staunens« dem Publikum so manches Gedicht neu eröffnet. 2017 hat sie auf DAS GEDICHT blog bereits die Online-Anthologie »Lyrik rettet den Montag« herausgegeben und hörbar gemacht. Gedichte der Autorin sind in diversen Anthologien zu finden, 2018 hat sie im Landstreicher Verlag den Wandkalender „Beginnende Tage“ mit Texten und Fotografien veröffentlicht.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.