»Das Schweigen der Blätter« von Fritz Deppert

rezensiert von David Westphal

Fritz Deppert ist im deutschen Literaturbetrieb gewiss kein unbeschriebenes Blatt und legt nach nunmehr dreizehn Jahren seinen neuen Gedichtband »Das Schweigen der Blätter« vor. Der im Neuen Literaturkontor erschienene Band ist mit 111 Seiten ein kompaktes, aber mit Gedichten voll bepacktes Buch in schlichtem Design: Schwarz auf Eierschalenweiß mit dezenter Doppelrahmung. Im Erscheinungsbild blitzt bereits ein Beleg für das fundierte Konzept der schweigenden Blätter durch.

Die Gedichte sind in zwei Teile organisiert. Der erste Teil umfasst einen Jahreszyklus. Jahreszyklus, das klingt beinahe schon stereotyp und zu romantisch, doch das ist nicht der Fall. Was Deppert kreiert, ist ein Spielraum für Naturparabeln, welche Vergänglichkeit, Alter, Umwelt, Gesellschaft und viele weitere große Themen der Menschheit anschneiden, aber ganz ohne normativen Schub auskommen. Oder, wie es der Verlag formuliert: Reflexionen im Rahmen von »Erwachen, Leben und Vergehen der Natur«. Nichtsdestoweniger bleibt es ein Jahreszyklus, der sich lose ein Jahr hindurch bewegt und durchaus dazu anregt, selber in die Welt zu schauen. Wie die meisten Jahreszyklen beginnt auch Depperts mit dem Frühling: »Frühlingsversprechen« – »Das Außenthermometer signalisiert / ersten Frühlingstag«. Was mit einer überzeugenden und zeitgemäßen Schilderung der Frühlingseffekte beginnt, entfaltet in den schließenden Versen eine auf den Titel rückwirkende politische Botschaft: »Werden in diesem Sommer / Träume von gestilltem Hunger und / Waffenruhe endlich reifen«.

Viele von Depperts Gedichte sind voll spannender und außergewöhnlicher Perspektiven, wie etwa »Stadtfrühling«, in welchem sich die »Forsythie« als eine »gelbe Hure«, geschmückt mit »Ostereiern«, präsentiert. Deppert vermag es den Leser mit wenigen Kniffen an der richtigen Stelle zu Assoziationen zu verleiten, die eine kritische Welt, jenseits der harmlos wirkenden und unaufdringlichen Gedichte, eröffnen. In »Brutzeit« zieht das überlegt platzierte Wort »Aktien« einen Vergleich von brütenden Singvögeln, raubenden Krähen und lauernden Katzen mit den skrupellosen Finanzmärkten unserer Erde nach sich.

Schon nach kurzem Blättern fällt auf: Viele Metaphern werden wiederholt und ziehen sich durch den Zyklus hindurch. So erreicht Deppert den besonderen Effekt der Verzahnung. Auch wenn die allermeisten Gedichte aus dem Band für sich allein stehen können, so entgeht einem doch ein übergreifendes Leitmotiv, wenn man sie aus ihrem Kontext reißt. Manchmal, da passiert es, dass beispielsweise der Mandelbaum in einem vorherigen Gedicht zu einer tragenden Metapher mutiert, und im Handumdrehen ist ein paar Seiten weiter ein Mandelbaum doch nur ein mit satten Blüten behängter Baum im Vorgarten. Das kann durchaus irritierend wirken, doch darf man unterstellen, dass es irritieren soll, denn nichts bleibt, wie es war. Auch der Wandel spielt, wie in jedem Jahreszyklus, eine wichtige Rolle – und überraschender Wandel wirft immer aus der Bahn. So gleicht dieser Jahreszyklus von Deppert einer ruhigen Achterbahnfahrt: ohne übermäßigen Ausverkauf der Gefühle, ohne große Worte, aber mit sehr viel Effekt auf den Leser.

Der zweite Teil des Bandes orientiert sich nicht mehr an dem Jahreszyklus und wird spürbar offensiver in seinen Aussagen. Hier finden sich gemischte Gedichte, die stilistisch denen im ersten Teil ähneln. Hin und wieder taucht zwar eines der im ersten Teil genutzten Bilder wieder auf, was durchaus spannend ist, sie lassen sich jedoch weniger eindeutig in den Kontext einordnen. So scheint es ein wenig schade, das gelungene Konzept des ersten Teils – welcher immerhin bereits um die 70 Gedichte umfasst – nicht weiterzuführen oder für den zweiten Teil ein ähnliches übergreifendes Thema zu finden. Dennoch sind die Gedichte des zweiten Teils für sich genommen nicht weniger gelungen!

»Das Schweigen der Blätter« versammelt kritische und reife Lyrik des Dichters Deppert, die ihren Wert aber nicht nur in ihrem Engagement entfaltet, sondern sich lyrisch avanciert in das Bewusstsein schleicht und unvermeidlich einen tiefen Eindruck hinterlässt.

Das Schweigen der BlätterFritz Deppert
»Das Schweigen der Blätter«

Neues Literaturkontor, Münster 2013
Broschur, 112 S.
€ 10,00 (D)

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